Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 25 (10.6.1927)
- Date
- 1927-06-10
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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fosdketaf Jeden 9feeitag (Feeis diesem Jlummem: SU fnosdlkemk DIE WAHRHEIT Cfesteraeicfiiscfte Wocnevsscnri/if für jiidisdfke Jfnfcrcssera Vecöffemtncfiungen der „Itmam deuferädsiere. Juden" £|g Redaktion und Administration: Wien IL, tteinesttuße Jfts. 13 Fernruf 42-2»16 XLIIL Jahrgang Wien, 10. Juni 1927 Nummer 25 Die Juden unter dem Schutze der Entente. Von Binjamin Segel. In der letzten Zeit gingen durch die jüdische Presse Deutschlands und Oesterreichs alarmierende Nachrichten über die Lage der Juden in Rumänien. Auf dem Kongreß der Völkerbundliga in Berlin wurde über den Gegenstand verhandelt. Petitionen wurden nach Bukarest aus verschiedenen Gegenden der Welt gesandt, die amerikanische, welche an die Königin Maria gerichtet war, trug 30.000 Unterschriften, darunter die eines Erzbischofes und eines der höchsten Richter der Vereinigten Staaten. Im Jänner 1927 ging aus Paris von jüdischer Seite in dieser Angelegenheit eine Petition an die rumänische Regierung ab, die, obgleich in sehr achtungsvollem Tone gehalten, von der Regierung nicht angenommen wurde, da nach ihrer Ansicht das Pariser Komitee keinerlei Befugnis hatte, das Sprachrohr der Juden in Rumänien zu sein. Gleichwohl sah sich die Regierung veranlaßt, daraufhin an die Völkerbundliga in Genf eine Denkschrift mit einer Menge Beilagen zu richten. In mehreren Hauptstädten Europas wurden Protestversammlungen gegen die Verfolgungen der Juden in Rumänien abgehalten, die beachtenswerteste in Wien am 29. Mai. Diese Versammlung hätte man wohl eine Jubiläumsversammlung nennen können. Denn genau vor 50 Jahren wurden in Wien ebenfalls Versammlungen in Sachen der rumänischen Juden abgehalten. In Wien nämlich, sozusagen vor den Toren Rumäniens, führten hervorragende Männer, vereinigt in der Wiener Israelitischen Allianz jahrelang einen unerschrockenen und unermüdlichen Kampf für ihre rumänische Glaubensgenossen. Es ist nun bezeichnend, daß die zwei hervorragenden, tapferen und klugen Reden, die auf dieser Versammlung vom Oberrabbiner Dr. C h a j e s und vom Präsidenten der Union österreichischer Juden Dr. J. O r n s t e i n, gehalten wurden, sich um dieselben Probleme drehen, wie die ihrer Vorgänger vor einem halben Jahrhundert. Auch die Antwort, die die rumänische Gesandtschaft tags darauf den Rednern in den Zeitungen gab, erinnerte sehr lebhaft an die rumänischen „Erklärungen" von ehemals. Dasselbe gilt von den Verhandlungen in Berlin. Wir stehen heute im Wesentlichen auf demselben Punkt, wie vor 50 Jahren. Nur in einer Beziehung ist eine Aenderung eingetreten. Damals berief man sich auf die Pariser Konvention von 1858 und auf die religiöse Toleranz, die Humanität und die Gleichheit aller Bürger vor dem Recht. Heutzutage beruft man sich auf den Frieden von Versailles von 1919 und den Minoritätenschutz. Die Hauptanalogie besteht indessen darin, daß alle Proteste heute wie damals vollständig wirkungslos bleiben — und daß sie an eine falsche* Adresse gerichtet sind. Ich bitte um Verzeihung, daß ich mich selbst zitieren muß. Im März 1919 schrieb ich in meinem Buch: „Rumänien und seine Juden": „Die rumänische Judenpolitik ist nichts als eine unbedingte Folge der allgemeinen Regierungspolitik, die in Rumänien zwei Menschenalter hindurch besonders von der Dynastie Bratianu und deren Anhang, gemacht wurde .... Man möchte von Herzen wünschen, daß .... für das schwergeprüfte rumänische Volk glückliche Tage beginnen, daß es sich von den schweren Schlägen bald erhole und den Weg zur Kultur und Freiheit und zum wirtschaftlichen Wohlstand schleunigst wiederfinde. Dieses Volk birgt einen guten und wertvollen Kern in sich, und von dem Fluche einer verlogenen Politik befreit, könnte, es der europäischen Gesittung im Osten kostbare Diese Aenderung war, wie wir bald sehen gerechtesten Beurteiler der Dinge im nahen Osten, Carl Ritter von S a x, schreibt: „Ruhe wird auf der Balkanhalbinsel, selbst im Falle einer vernünftigen Korrektur der Landesgrenzen überhaupt nicht eher eintreten, als bis der blinde Nationalfanatismus, dieser moderne Greuel der Menschheit, durch Vernunft, Kultur und Humanität überwunden sein wird." — Auch für die Juden Rumäniens werden, mögen die gegen sie gerichteten Gesetze noch so gründlich abgeändert werden, nicht eher friedliche Zustände beginnen, als bis dieser Zeitpunkt eingetreten ist." Mehr als neun Jahre sind verflossen, seitdem diese Worte niedergeschrieben wurden, — aber „dieser Zeitpunkt" ist noch nicht eingetreten, trotzdem die gegen die Juden gerichteten Gesetze so gründlich als nur möglich abgeändert worden sind. Diese Aenderung war, wie wir bald sehen werden, die geringste von allen, die in Rumänien vor sich gingen. Aus einem Staat mit sechs ist es einer mit 16 Millionen geworden, von denen nahezu ein Drittel Fremdstämmige sind, es hat zum Teil das alte Rußland, sodann die österreichisch-ungarische Monarchie beerbt, die Zahl seiner Juden hat sich von einer Viertelmillion auf eine volle Mil-