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Die Wahrheit · 1927-04-29 · Heft 18 (29.4.1927) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 18 (29.4.1927)
Date
1927-04-29
Page
– (sequence 1)
Language
German
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DIE WAHRHEIT Cestewveidkisrike lüodkemsdkrift für Jüdisdle Jntexessen lXeröjfferafficfkungen der „Union deiifscfiösterr. Juden" Redaktion und Administration: Wien //.» J€emesttaße JTv. 13 Fernruf 42-2-16 XLIII. Jahrgang Wien, 29. April 1927 Nummer 18 T Das Ergebnis. i •" •',v v- \V^<7 *•'"■.> Die Wahlschlacht ist vorüber. Die Entscheidung, um welche von den beiden großen Parteien mit solcher Erbitterung und mit dem Aufgebot der letzten Kräfte gerungen wurde, ist nicht gefallen; denn weder die in der Einheitsfront vereinigten konservativen und reaktionären Elemente, noch auch die Kräfte der Sozialdemokratie haben eine ausschlaggebende Uebermacht in unserem Staate erringen können. Nur die Christlichsozialen mußten erkennen, daß die Idee ihres Führers Dr. S e i p e 1, fortschrittliche und freiheitliche Bürger als Vorspann seiner reaktionären Politik zu benützen, ein vollständig mißglücktes Experiment war, obwohl auch die sogenannte liberale Presse diesem Beginnen in empörendster Weise Vorschub geleistet hatte. Aber auch die Spekulation auf den Antisemitismus war glücklicherweise eine vollkommen verfehlte. Die Verbindung mit den Rassenschützlern, mit den Hakenkreuzlern und extremen Nationalisten hat den Christlichsozialen nicht nur nichts genützt, sondern sogar ihrem bisherigen Mandatsbesitz erheblichen Abbruch getan. Bezeichnend ist es, daß sowohl in jenem Wahlkreise, in welchem Riehl zuerst aufgestellt wurde, als auch in dem, in welchen er später notgedrungen versetzt wurde, die „Einheitsliste" schwere Mißerfolge erlitten hat und er selber glänzend durchgefallen ist, ein Beweis, daß selbst die Anhänger der Christlichsozialen einen gewalttätigen Antisemitismus ablehnen. Das ist die Lehre, welche die Christlichsozialen ziehen können und hofifritlich ziehen werden. Der Umstand, daß die Sozialdemokraten besser abgeschnitten haben als ihre Gegner, kann im Sinne einer langsam fortschreitenden Entwicklung gedeutet werden. Diese Entwicklung muß von allen Juden, die der Gefahr einer Reaktion gegenüber gestanden sind, sicherlich begrüßt werden, vorausgesetzt, daß sie nicht zur Verschärfung der Klassengegensätze, sondern zu einer Festigung des demokratischen und republikanischen Gedankens und einer Erstarkung aller fortschrittlichen und freiheitlichen Bestrebungen in unserem Staate führt; denn das österreichische Judentum ist — und das haben die Wahlen trotz einiger bedauerlicher Verirrungen abermals gezeigt — in seiner überwiegenden Mehrheit fortschrittlich und freiheitlich gesinnt; es sieht in den Idealen des Fortschrittes und der Freiheit so wichtige Zielpunkte seiner politischen Einstellung, daß es diese, als es dieselben gefährdet erblickte, sogar durch Aufgabe oder, besser gesagt, durch zeitweilige Zurückstellung seiner wirtschaftlichen Grundsätze schützen zu müssen glaubte. War auch dieses Opfer unserer Meinung nach selbst angesichts des wütenden Ansturmes aller reaktionären Kräfte durchaus keine politische Notwendigkeit, da die freiheitlichen Errungenschaften unseres Staates auch durch eine freisinnige bürgerliche Partei hätten geschützt werden können, so bewiesen dennoch die Wahlen folgendes: Die Sozialdemokraten haben weniger aus ihren eigenen Leistungen, wiewohl diese, insbesondere was ihre Fürsorgetätigkeit anbelangt, nicht geringe sind, als vielmehr aus den Fehlern der übrigen Parteien Profit zu ziehen vermocht. Insbesondere hat die wütende antisemitische Hetze, welche die Majoritätsparteien teils geduldet, teils aktiv .betrieben haben, sowie die von den Sozialdemokraten erweckte Mieterschutzpsychose eine überwältigend große Zahl jüdischer Stimmen auf die Liste der sozialdemokratischen Partei vereinigt. Darauf ist auch das Mandat, das die Sozialdemokraten in der Leopoldstadt gewonnen haben, zurückzuführen. Wir wollen hoffen, daß die Führer der österreichischen Sozialdemokratie sich der Verantwortung, die sie durch die kräftige Unterstützung bei den jüdischen Wählern übernommen haben, stets bewußt bleiben und das Vertrauen, das ihr so zahlreiche jüdische Mitbürger geschenkt haben, durch ihre Politik im National- und Gemeinderat rechtfertigen werden. Etwas vor allem zeigte der Ausgang der Wahlen mit voller Klarheit: Die österreichische Judenschaft lehnt jede jüdischnationale Politik in unserem Staate grundsätzlich ab; sie ist sich der Pflichten, die ihr als einem Teile des österreichischen Volkes erwachsen, vollauf bewußt und will auch zur Erlangung, bzw. Behauptung ihrer staatsbürgerlichen Rechte keine andere Politik betrieben wissen als eben eine österreichische. Was Dr. 0 r n s t e i n und Dr. T i c h o erst jüngst wieder in unserem Blatte vorausgesagt haben, ist bei diesen Wahlen prompt eingetroffen: Das österreichische Judentum hat den seinem Wesen so fernliegenden jüdischen Nationalismus weit von sich gewiesen und in richtiger Erkenntnis der großen Gefahren, die eine Politik der Minderheitsrechte heraufbeschwören mußte, den Verfechtern einer jüdischen Minoritätspolitik sein Vertrauen entzogen. So kam es, daß einer der entschiedensten Vertreter der jüdischnationalen „Landespolitik" das Mandat, das er vor vier Jahren von der „Jüdischen Wahlgemeinschaft"

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