Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 17 (22.4.1927)
- Date
- 1927-04-22
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 il'llillililliillllilllllllllW DIE WAHRHEIT fllllllllllllllM Wähl* demokratisch? lllllltllllllMII^ das freisinnige und demokratische Bürgertum, dem der Großteil der Wiener Juden angehört, abzurechnen haben; denn die Rechnung, die er ihm präsentiert, schließt ebenso wie die der Christlichsozialen mit einem furchtbaren Passivum ab. Wohl befinden sich auf der Aktivseite seiner Bilanz stattliche Gemeindebauten, luxuriös eingerichtete Bäder und anerkennenswerte Fürsorgeeinrichtungen; dem steht jedoch ein unter der Last der Gemeindesteuern nahezu zusammenbrechender Mittelstand, eine ausgesogene und ausgeplünderte Wirtschaft gegenüber. Bei den Wahlen wird daher auch die Antwort darüber erteilt werden müssen, ob die Leistungen der Gemeinde nicht auch ohne die wirtschaftliche Vernichtung der Leistungsträger vollbracht werden können. Ueber all die Bedrückungen und Belastungen, die rücksichtslosen Steuervorschreibungen und erbarmungslosen Exekutionen wird am 24. April das Urteil gesprochen werden. Für uns Juden wird der Tag der Entscheidung ferner auch ein Tag der Vergeltung sein. Man hat unsere Ehre mit Füßen getreten, man hat es zugelassen, daß in Druckschriften und Anschlagtafeln eine wüste Pogromhetze entfacht wurde, der Schutz des Gesetzes gegen die niederträchtigen Verleumder und Besudler des Judentums wurde uns nicht gewährt, ja die Regierung hat nicht einmal den Versuch unternommen, die grenzenlose Hochschulschande abzustellen, jenes schamlose Treiben einer Horde wütender Radauantisemiten, welche die Universität und Technischen Hochschulen zu Trutzburgen des Hakenkreuzlerrums macht und den Numerus clausus der Gewalt einführen will. Die Regierungsparteien, welche selbst auf dem Boden des Antisemitismus stehen, haben sich nun außerdem mit den Verfechtern des wüstesten Rassenantisemitismus verbündet und die Gefahr, daß die Nationalsozialisten als Regierungspartei in den Nationalrat einziehen, ist bei der Stellung ihrer Kandidaten in der Einheitsliste und der weitgehenden Unterstützung, die ihnen seitens der Christlichsozialen und Großdeutschen zuteil wird, nicht von der Hand zu weisen. Was aber ein Dr. Walter Riehl als Innenminister, als Unterrichts- oder Justizminister für uns Juden bedeuten würde, darüber sind sich wohl alle im Klaren. Es wäre dies das Eindringen des hakenkreuzlerischen Geistes in Justiz, Verwaltung und Schulwesen, die Hochschulschande in Permanenz. Angesichts dieser furchtbaren Gefahren, die uns Juden in kultureller und wirtschaftlicher Beziehung drohen, finden sich nun Glaubensgenossen, welche die Trennung der Juden von nichtjüdischen Mitbürgern aus eigenem in die Wege leiten wollen und sich auf Grund eines nationaljüdischen Programmes durch die Forderung nach Minderheitsrechten außerhalb des Rahmens unseres Staates und Volkes stellen wollen, nicht anders als Hakenkreuzler und Rassenantisemiten, die dasselbe, wenn auch aus anderen Gründen, anstreben. Hakenkreuzler und Jüdischnationale vereinigen sich also, um die Gleichberechtigung der Juden mit allen übrigen Staatsbürgern, wie sie in unseren Staatsgrundgesetzen verankert ist, zu untergraben, die einen in grenzenloser Verblendung, die anderen in blindwütigem Hasse. Hieraus folgt, daß die wahre jüdische Liste nur die Demokratische Liste sein kann. Sie verbürgt uns die Freiheit, die Gleichberechtigung, den Schutz unserer Ehre, unserer kulturellen und wirtschaftlichen Interessen. Mögen alle, die noch einen Funken jüdischen Empfindens besitzen, sich die Tragweite der Entscheidung bewußt werden, die sie am 24. April für sich selbst, für ihre Familie und alle ihre Glaubensgenossen fällen werden; mögen sie in jener Schicksalsstunde, in der sie an die Urne herantreten, dessen eingedenk sein, daß es die höchsten Güter zu verteidigen gilt: Ehre, Freiheit und Recht! Oesierreidtisdie Juden? Der hakenkreuzlerische Nationalismus kann nie und nimmer durch einen jüdischen Nationalismus bekämpft werden, nur die DEMOKRATIE vermag ihm wirksam entgegenzutreten Wählt deshalb am 24. April nur die DEMOKRATISCHE LISTE Unser Listenführer für den Nationalrat (II., XX., XXL), ist OSKAR MARMIORfiK, der. gegen RIEHL öffentlich im Rathaus auftrat, als dieser im Alpenverein den Aiierparagraphen einführte