Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 16 (15.4.1927)
- Date
- 1927-04-15
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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DIE WAHftflEfcf lilllliiM Seite 7 Aussprüche über Religion. Nachstehende bemerkenswerte Aussprüche über Religion sind dem Werke „Autorität und Freiheit" des bekannten katholischen Philosophen und Pädagogen F. W. Förster entnommen. In neuerer Zeit hat man versucht, Photographien von Sternen zu gewinnen, die selbst dem Fernrohr kaum erreichbar sind. Diese Photographien konnten nur so gewonnen werden, daß dem Sternenhimmel nächtelang ganz besonders empfindliche photographische Platten exponiert wurden, bis endlich auch die fernsten Lichter ihren Eindruck darauf hinterließen. So ist es auch mit den geheimnisvollen Wahrheiten der religiösen Tradition. Man muß sich lange Zeit in tiefster Konzentration ihrem Lichte exponieren, muß alle künstlichen Lichter ausschalten, muß ganz Empfänglichkeit werden, dann endlich werden sie sich unserem Innern vernehmbar machen" und das Ewige in uns zum Leben wecken. * * * Wenn ein Astronom beim Durchrechnen der Kopernikanischen Theorie einen Fehler zu entdecken glaubt, so wird er nicht gleich Kopernikus als Toren betrachten, sondern er wird den Fehler zunächst bei sich selber suchen. Wer aber heute irgend einen greifbaren Widersinn in religiösen Lehren zu finden meint, der sucht die Schuld niemals darin, daß ihm selber wohl noch die nötige Reife des Denkens, der Selbsterkenntnis und der Lebenserfahrung, ja überhaupt der Schlüssel zum religiösen Mysterium fehle, nein, er betrachtet sogleich die Religion ais etwas Ueberv/undenes. * * * Der Zustand unseres Zeitalters zeigt nur zu deutlich, daß die Loskettung von der Autorität der Religion keineswegs freie Menschen geschaffen, sondern nur die Autorität der Zeitung und des Autors an die Stelle gesetzt hat, die einst die Religion ausfüllte. Wird der Mensch von der großen Autorität mit ihren festen Direktiven für Lebenskenntnis und Selbsterziehung gelöst, so wirft er sich völlig haltlos allen möglichen kleinen Autoritäten in die Arme. * * Das moderne Individuum kann sich im Grunde gar nicht wahrhaft entwickeln, es kann gar nicht über sich hinauswachsen, weil es prinzipiell nur das anerkennen will, was nicht mehr ist als es selbst. Darum bleibt der moderne Individualist und Besserwisser hoffnungslos an den Felsen seiner eigenen Beschränktheit angeschmiedet. Die zunehmende Loslösung aber des Kleinen von dem Großen, der Masse vom Genie, des Menschlichen vom Göttlichen muß notwendig zu völliger Kulturlosigkeit führen. * * * Ist es wirklich ein Prinzip des Fortschrittes, wenn man auf religiös-sittlichem Gebiete jeden einzelnen dazu ermutigt, wieder voraussetzungslos alles von vorn zu beginnen, was die tiefsten Seelen längst in überwältigender Uebereinstimmung festgelegt haben? * * * .... Wir befinden uns in der Tat schon in einem Zustand, in dem der Mensch in den entscheidensten Grundfragen seines Daseins ganz von der Hand in den Mund lebt, von seiner Eintagserfahrung, von Gedanken, die so nebenbei in den Pausen der Berufsarbeit erzeugt werden, fern von der Einsamkeit, aus der allein alle großen Einsichten kommen. * * ¥ Die religiösen Epochen der Geschichte waren Zeiten, in denen übermenschliche Seelenfülle und geniale Persönlichkeiten die Masse zur Ehrfurcht zwangen .... In den Epochen individualistischer Auflösung ist gerade das unmöglich, was der Mensch durch seine Befreiung von der religiösen Autorität zu erreichen hofft: Persönlichkeitskultur. Denn wie könnte man noch Persönlichkeit in vollstem Sinne des Wortes werden, wenn man den festen Zusammenhang mit den höchsten Quellen persönlichen Lebens verloren hat? * * * $ Nur Selbstüberwindung und Entsagung führt zum Verständnis tieferer Lebenswahrheiten; denn alle große Wahrheit bedeutet Krieg gegen die Beschränktheit der Selbstsucht, Krieg gegen die Gewalt der Illusionen, gegen die Herrschsucht sinnlicher Bedürfnisse .... Herrschaft der Vernunft im Leben wird auch nie dadurch erzielt werden, daß wir die individuelle Vernunft jedes einzelnen zur letzten Instanz seiner Lebensanschauung und Lebensführung machen. * - * * Bei den großen Trägern der Religion ist der Zustand der Freiheit auf Grund herrischer Ueberwindung und vollkommener Hingebung an das religiöse Leben gleichsam zu einer dauernden geistigen Verfassung geworden, deren Eingebungen gar nicht mehr durch ein Zurücksinken der Seele in die gewöhnliche sinnliche Gebundenheit unterbrochen und gestört werden. Glossen. Von Friedrich Bodenstedt stammt das Wort: die Politik verdirbt den Charakter. Zeigt aber nicht die jüngste Wahlkampagne wieder, daß manchmal Leute ohne Charakter die Politik verderben? * * * Wenn Herr Wotawa für den berufensten Vertreter des Deutschtums in Wien gilt, so durfte vielleicht auch Herr Dr. Walter Riehl glauben, sich den jüdischen Wählern der Leopoldstadt als Kandidat vorstellen zu dürfen. * „. * * Dr. Seipe 1: Habe ich nicht wirklich nach den Worten des Evangeliums gehandelt? „Schlägt man dich auf die rechte Backe, so reiche auch die linke hin." Die erste Ohrfeige war, daß ich mir den Riehl für den zweiten Bezirk aufdrängen ließ, die zweite, daß ich ihn wieder zurückziehen mußte. * * * Dr. Riehl mußte sich auch den Vorwurf gefallen lassen, daß er keine Ueberzeugung habe. Wie ungerecht! Er war schon bei den Sozialdemokraten; der Pogrom war lange sein Programm; jetzt zählt er zu den Großdeutschen. Der Mann hat nicht nur eine, er hat sogar viele Ueberzeugungen. * * * Eine Anekdote, die man glänzend finden würde, selbst wenn sie nicht vollständig wahr wäre, erzählt: Die Bauern in Kobersdorf nahmen einst — vor vielen, vielen Jahren — durch tückische Judenfeinde aufgehetzt, eine drohende Haltung gegen die dortigen Juden ein, die den Heiland gekreuzigt hätten. Dem Rabbiner gelang es, die Aufgeregten durch die Versicherung zu beschwichtigen, daß die Lackenbacher Juden die Schuldtragenden gewesen. Dr. Walter Riehl dürfte vielleicht nach diesem Rezept den Versuch machen, den jüdischen Wählern in Mariahilf und Neubau einzureden, daß seine bisherige Judenhetze bloß für die anderen Bezirke berechnet war. * * * Die „Deutschösterreichische Tageszeitung" zitiert als „Musterbeispiel für Gesinnungstreue" zwei Artikel aus der „Arbeiterpresse" der Schulz-Partei. Am 12. März schrieb sie: „. . . . die Nationalsozialistische deutsche Arbeiterpartei wird diesen Schwindel (der Einheitsliste) nicht mitmachen." Am 7. April schrieb sie: „. . . . darum haben sich unsere verantwortlichen Parteiführer an den Beratungstisch gesetzt und am 7. April ist in Wien der Wahlpakt mit der Einheitsliste unterzeichnet worden." Man bedenke doch: Wenn der „Dötz" ein Schwindel zu dumm ist — wie dumm muß dann der Schwindel sein?