Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 12 (18.3.1927)
- Date
- 1927-03-18
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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DIE WAHRHEU Seite 7 Geschenke für mich, sind meine an Dich freilich nicht, aber ich habe mir wenigstens Mühe gegeben, einen so guten Geschmack wie möglich dabei walten zu lassen. Ich bin auch immer in großer Verlegenheit dabei, denn ich weiß gar nicht, was Du Dir wünschest. Hieronymus Lorm über den Tod seiner Mutter in einem Briefe an Berthold Auerbach: Jedes Kind glaubt in solchen Fällen, daß ihm besonders das Teure weggestorben ist. Ich muß Dir gestehen, daß mich das Ableben des geliebten Vaters vor sieben Jahren, so tief ich es beweinte, nicht so erschüttert, weil, wie es scheint, noch ganz andere Fasern, die viel schmerzlicher zerrreißen, das Herz des Kindes an das Leben der Mutter binden. Ich, dem die Poesie keine belletristische Unterhaltung für müßige Stunden, kein Konversationsstoff, keine bloße Ausschmückung, sondern die Zusammenfassung alles Ueberirdischen ist, so weit es im Irdischen dem Gefühl erkennbar wird, habe' stöhnend und jammernd fortwährend an Lenaus Worte denken müssen: „Groß ist des Todes Macht, daß er die Mutter kann von ihrem Kinde reißen." Der Zustand meiner Augen nach der Bestattung der Mutter gab dem Professor Arlt Veranlassung, darauf zu dringen, daß ich in diesem Jahre nicht Kissingen, sondern wieder Marienbad besuche. So ist es mir bestimmt, die Totenfeier gründlich zu begehen, denn dort mahnt jedes Fleckchen Erde an die Geschiedene. Und sie ist dort viel geliebt worden, nicht nur von den Almosen suchenden Armen, sondern auch von den dort Gewerbe treibenden Juden, nach deren kleinen Verhältnissen sie sich stets mit der sorgsamsten Teilnahme erkundigte. Mir ist es ein Bedürfnis und wird es eine tiefe Wohltat sein, alle dort wieder zu beschenken, die sie beschenkt hat. Goldfaden, der Begründer des jiddischen Theaters, widmet sein Buch „Das Jidele" seiner Mutter mit den Worten: Teiere Marne! Sejr viel host di gelitten iber mir, Mit was konn ich opdanken Dir? Or(e)m, wie ich bin — is die Penn (Feder) mein Aschires (Reichtum), Schwach, wie ich bin — is dos Lied meine Gewires (Kraft). Wie klein dos Buch ist, nor groiß is der Dank, Weil vin mein ganzen Herz is dos Dir a Geschank Vin dein ältern Sohn Awrom. (Fortsetzung folgt.) Glossen. Der Rektor der Hochschule für Welthandel, Hofrat Gruntzel, hört nicht auf, Aergernis zu erregen. Er hat schon früher durch die Marotte, Exzesse zu mißbilligen, wiederholt die hakenkreuzlerischen Studenten vor den Kopf gestoßen und letzthin trieb er die nationale Gesinnungslosigkeit so weit, das Protektorat über einen Studentenball zu übernehmen, der sich nicht der Sympathien der Antisemiten erfreut. Selbstverständlich mußte diese dem Deutschtum widerfahrene Schmach in geeigneter Weise gesühnt werden, d. h. die hakenkreuzlerischen Jünglinge überfielen wieder jüdische und sozialistische Studenten mit Knütteln, störten die Vorlesungen und, wie einem Berichte der „Arbeiter-Zeitung" zu entnehmen, insultierten sogar tätlich den Rektor. Ein unbefangener Beobachter der Vorgänge an den Wiener Hochschulen wird zugeben, daß Hofrat Gruntzel die jüngste Demonstration der Hakenkreuzler geradezu provoziert hat. Der Rektor an der Hochschule für Welthandel ist offenbar ein weltfremder Gelehrter, der noch immer nicht begreift, daß unter dem Schutze einer alten Tradition jeder hakenkreuzlerische Student das Recht für sich beansprucht, auf fiiSäizI Laut Attest Sr. Ehrwürden des Herrn Oberrabbiners SIMON SCHREIBER aus Erlau YerliiAlicb Koscher * in Friedensqualität erzeugt von HEINRICH FRANCK SÖHNE Kaffeesurrogatfabrik, Linz a. d. D. bei federn Kaufmann zu Kuben? dem Boden der Hochschule stehend, die Staatsgrundgesetze mit Füßen zu treten. Der Jüngling, der wutschäumend dem Rektor die Frage ins Antlitz schleuderte: „Wer sind denn Sie eigentlich?" hat das richtige Wort gefunden. Ja, wer ist dieser Rektor Gruntzel, der noch immer nicht merkt, welche sonderbare Rolle er z. B. neben dem Rektor der Wiener Universität, Herrn Hofrat Molisch, spielt, der sich des so schmeichelhaften, schrankenlosen Vertrauens der hakenkreuzlerischen Studenten erfreut? Diese prügeln zwar von Zeit zu Zeit auch in den Räumen der Universität Studenten und Studentinnen, deren Nasen ihr Mißfallen hervorruft, sie attackieren gelegentlich auch Professoren, deren Stammbaum einen Haken — ohne Kreuz — hat; aber vor ihrem Rektor, alle Hochachtung! Der Rechtsanwalt Dr. Klimosch hat sich dieser Tage im Gerichtssaale — wie der erstaunte Richter versicherte — sehr merkwürdig benommen. Eine ganz harmlose B.emerkung des gegnerischen Anwalts erledigte er mit der zwar kurzen, aber inhaltsreichen Erklärung: „Das ist eine jüdische Provokation!" Mit Beziehung auf einige im Gerichtssaale anwesende Advokaten, fragte er sarkastisch: „Sind noch ein paar Juden da?" Eine Rüge des Richters quittierte er mit dem Hinweis: „Wien gehört den Christen und nicht den Juden!" Und als der Richter schließlich der Meinung Ausdruck gab,