Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 11 (11.3.1927)
- Date
- 1927-03-11
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 illlllilllllflIMM! IlffilMiffllli DIE WAHRHEIT bekanntlich im Mai des folgenden Jahres die erste Haager Friedenskonferenz zusammen. Aber bei seinem Erscheinen horchte die Welt erstaunt und ungläubig auf. Daß gerade aus Petersburg eine solche Stimme kam, schien unerklärlich. Man witterte dahinter einen diplomatischen Kunstgriff der fingerfertigen russischen Regierung, die es in der Tat, wie wir weiter unten sehen werden, zu unehrlichen Zielen benützte. Einige Monate darauf erschien auf den Büchermärkten von Berlin, Paris und London ein großmächtiges Buch in sechs dicken, schweren Großoktavbänden mit unzähligen Mappen, Tafeln, Abbildungen, Diagrammen und graphischen Darstellungen unter dem Titel „Der Krieg der Zukunft" von Johannes von Bloch, aus dem Russischen übersetzt. Das Original war bereits vor längerer Zeit in Petersburg erschienen. Nun machte das Manifest des Zaren den Eindruck, als wäre es ein Resume des Blochschen Werkes; die markantesten Sätze des Manifestes waren eine förmliche Wiedergabe der von Bloch gebrauchten Wendungen und Ausdrücke. Aber schon früher munkelte man in diplomatischen und verwandten Kreisen, daß der Zar zum Erlaß des Manifestes durch „außerpolitische Einflüsse veranlaßt worden wäre". In Deutschland waren besonders die alldeutschen und antisemitischen Blätter über den armen Nikolaus wütend, weil er ihre seligen Träume von baldigen blutigen Kriegen zu verscheuchen drohte; sie überhäuften den erhabenen Selbstherrscher aller Reußen mit ehrfurchtsvollen Vorwürfen und schoben die ganze Schuld an dem Unheil auf — Bloch. Wer war dieser Bloch? Nach der Versicherung eben dieser Blätter ein kleines polnisches Jüdlein, einst einer jener „hosenverkaufenden jüdischen Jünglinge", wie sie Treitschke in seiner edlen Phantasie geschaut, ein ehemaliger Trödler, der sich auf irgendeine unheimliche Weise in die Gunst des Zaren eingeschlichen hatte und sein Vertrauen zu internationalen jüdischen Zwecken mißbrauchte. Es wurde nämlich bekannt, daß dieser ehemalige jüdische Trödler sehr hohe internationale verwandtschaftliche Beziehungen hatte. Einer seiner Schwiegersöhne war der Führer der „Hofpartei" unter den Polen im preußischen Herrenhause und im Reichstag, Herrenhausmitglied Josef v. Koscielski, dem mau den Spitznamen Admiralski gab, weil er die Flottenpläne des ihm persönlich befreundeten Kaisers eifrig unterstützte. Seine Gemahlin, die Tochter des ehemaligen jüdischen Trödlers, spielte, dank ihrer großen Schönheit und ihrem Geist, bei Hofe eine hervorragende Rolle. Ein zweiter Schwiegersohn war der Baron Josef Weyssenhoff, Sprößling einer alten baltischen Freiherrnfamilie, Neffe eines berühmten Generals dieses Namens, persönlich berühmt als Schriftsteller; der dritte Schwiegersohn war gar der Fürst R u s p o 1 i von der „schwarzen" (papsttreuen) römischen Aristokratie. Außerdem erfuhr man, daß dieser vielseitige internationale Schwiegervater den russischen Ministern gegenüber die Sache der russischen Juden sehr energisch und hingebungsvoll verteidigte. Und eben dieser Bloch war zweifelsohne der Inspirator des Zaren gewesen. Grund genug, für die Alldeutschen und Antisemiten, dahinter eine Intrigue der .goldenen Internationale", des jüdischen Großkapitals, im Zusammenhange mit der Alliance Isra61ite Universelle usw. zu erblicken. Wie es sich in Wirklichkeit damit verhielt, erfuhr man erst nach dem Tode Blochs aus den Tagebüchern der Baronin v. S u 11 n e r. (Hier ergänzt nach der Mitteilung eines persönlichen Freundes Blochs, des verstorbenen Ignaz Bernstein in Warschau.) Die Petersburger Zensur, die im allgemeinen viel milder gehandhabt wurde, als sonst in Rußland, unterbreitete das Buch „Der Krieg der Zukunft" vorschriftsgemäß dem Kriegsministerium zur Begutachtung, und dieses mußte dem Zaren Rapport erstatten. Das Kriegsministerium stimmte für die Erlaubnis zur Herausgabe mit folgender Begründung: Ein so umfangreiches, streng wissenschaftliches und technisch fachmännisch gehaltenes Buch . wird nicht viel gelesen werden, ist also weit weniger gefährlich als der Roman der Frau v. Suttner: „Die Waffen nieder!" Da die Zensur diesen freigelassen habe, so mag das Blochsche Werk um so eher passieren. Der Zar kannte Blochs Namen von früher her, als den eines der Führer im Wirtschaftsleben des russischen Reiches, und war neugierig, den Inhalt seines Werkes über ein für einen russischen Kaiser so wichtiges Thema kennenzulernen; er ließ sich also die Aushängebogen bringen. Man legte ihm die wichtigsten Kapitel vor, und sie machten auf ihn einen niederschmetternden Eindruck. Aber vieles war ihm unklar; er befahl, den Verfasser aus Warschau telegraphisch herbeizurufen. Der unglückliche Nikolaus II. war ein schwacher Charakter, ein Gemisch von Weichherzigkeit und Grausamkeit, von Furchtsamkeit und Starrsinn; seine Intelligenz war beschränkt, seine Bildung mangelhaft. Bloch hatte einen schweren Stand. Acht Tage hintereinander hielt er ihm stundenlang Vorträge über den Krieg, erklärte ihm die Diagramme, Tabellen und Zeichnungen des Buches. Dem Selbstherrscher aller Reußen ging ein Licht auf . . . So also würde das Ding aussehen! . . . Das war der Krieg! . . . Und das würden die Folgen sein! . . . Vom Krieg hatte er bis dahin nur gehört; die glänzenden Manöver und die schimmernde, goldstrotzende Außenseite, das war alles, was er davon mit eigenen Augen gesehen. Nun wurde ihm das wahre Wesen gezeigt . . . Mutlosigkeit und Angst bemächtigten sich seiner. Aber Bloch wußte ihn bei der Eitelkeit zu packen und machte ihm klar, daß er sich mit ewigem Ruhm bedecken würde, wenn er, der mächtigste Monarch auf Erden, den niemand der Furcht vor dem Krieg zur verdächtigen wagen würde, die Anregung gäbe, daß alle Staaten mit der Abrüstung anfingen und sich auf die Einsetzung von Schiedsgerichten einigten. Nikolaus II. war von dem Vorschlag entzückt und verfaßte zusammen mit Bloch das Manifest, an dem die Minister nur wenige formale Aenderungen vornahmen, bevor sie es in die Welt hinausließen. Die Herren Minister Sr. Majestät und die ganze Bureaukratie waren in der größten Verlegenheit. Ihnen war, als wollte die Welt einstürzen, da der Zar, der berufene Beschützer des Krieges, diesem den Krieg erklärt hatte. Die Rüstungen waren für sie eine ewige Quelle von reichlichen Nebeneinnahmen, die die regulären Gehälter zehnfach überstiegen. Bei jeder Kriegslieferung stahl man mit vollen Händen. Was sollte daraus werden, wenn es keine Rüstungen mehr gäbe? Der Kriegsminister verwünschte die ganze Geschichte von Herzen und äußerte Bloch gegenüber, daß er tief bedauere, das Werk nicht unterdrückt zu haben. Aber der Graf Murawjew zwinkerte schlau mit den Augen. Nun hatte der Zar der ganzen Welt gegenüber die Friedensliebe Rußlands auf das nachdrücklichste bekundet. Das konnte diplomatisch aufs glänzendste ausgenutzt werden, um den Argwohn der Konkurrenten einzuschläfern. Rußland war das friedfertigste Lamm von der Welt und konnte im stillen weiter rüsten. Einige Wochen nach dem Abrüstungsmanifest des Zaren bestimmte der russische Finanzminister das bescheidene Sümmchen von 200 Millionen Rubel für den Bau einiger neuer Kriegsschiffe . . . Indessen blieb die diesbezügliche kleine Zeitungsnotiz von den meisten Zeitgenossen unbemerkt. In der Welt hallte es vom Friedensmanifest wider, und man traf überall Vorbereitungen zu der ersten Friedenskonferenz die im Mai in der Hauptstadt von Holland zusammentreten sollte, um eine neue Epoche in der Geschichte Europas, ja vielleicht der ganzen Welt einzuleiten. Mittlerweile interessierte sich auch das breitere Publikum für das schwerfällige sechsbändige Werk; lernte es jedoch nur aus Zeitungsartikeln kennen. Vor dem Verfasser aber richteten sich seine umfangreichen Folianten wie eine Mauer auf, hinter der er ganz verschwand. Nur die engen Kreise der wissenschaftlichen und praktischen Volkswirte und Finanzpolitiker kannten seinen Namen längst als den eines der bedeutendsten und erfolgreichsten Führer und Bahnbrecher auf dem Gebiete der Industrie, des Bankwesens und des Eisenbahnbaues. Aber auch hier kannten nur vereinzelte den Weg, den er bis zu dieser Höhe durchmessen hatte. (Fortsetzung folgt.) Politik und Geistesleben. (Schluß.) Daß ein so edler und vornehmer Denker, ein so nüchterner und gerechter Mensch wie Rektor V o s s 1 e r dem Antisemitismus und Rassenhaß ablehnend gegenübersteht, scheint wohl überflüssig zu bemerken. Nicht überflüssig ist es aber, darauf hinzuweisen, daß er auch als Rektor diese seine Anschauung gegenüber einer hakenkreuzlerischen Studentenschaft durchzusetzen bestrebt war, wovon eine Aussprache Zeugnis ablegen möge, die er an die Vertreter der im Korporationsausschuß vereinigten studentischen Verbindungen im Dezember 1926 gehalten hat und die wir hier wörtlich wiederzugheben nicht unterlassen können.