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Die Wahrheit · 1927-03-11 · Heft 11 (11.3.1927) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 11 (11.3.1927)
Date
1927-03-11
Page
– (sequence 1)
Language
German
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tr&sneint Jeden 5T*eitag (Preis dieses Jfummew: SO 9voscnen WAHRHEIT Cestesveidkiscfke VDo&enscfixiPt für Jüdiscfte Jfntexessem - iy&zöffentfi€fkim&en der „Union deutsdkösterr. Juden" /f& i o *j3 Redaktion und Administration: Wien IL, JCeinCStnaße Jffr. 13 Fernruf 42-2-16 XLIII. Jahrgang Wien, 11. März 1927 Nummer 11 ÄWfef dfe rumänischen Juden! Ein Appell an das Weltgewissen. Wir haben wiederholt auf die bedrängte Lage der Juden in Rumänien hingewiesen. Heute können wir einen Bericht aus sachverständiger Feder veröffentlichen, der nicht nur die Wahrheit alles bisher Gemeldeten bestätigt, sondern darüber hinaus auf die immer drohender werdende Gefahr hinweist, daß aus der Pogromstimmung Pogrome entstehen können. Wir wünschen, daß dieser Notschrei in der gesamten zivilisierten Welt gehört werden möge. Die Schriftleitung. Die europäische und amerikanische Öffentlichkeit hat in der letzten Zeit zur größten Bestürzung der rumänischen Regierung Anlaß genommen, sich mit dem Schicksal der rumänischen Juden eingehender zu befassen. Die rumänische Regierung hat auf die große Zahl von Protesten, die ihr zur Kenntnis gebracht worden sind oder die ihr sonst irgendwie bekannt wurden, auf eine etwas merkwürdige Weise reagiert. Der rumänische Gesandte in Bern hat den Berner Prediger Messinger zu sich gebeten und ihm mitgeteilt, daß die im Auslände verbreiteten Nachrichten über Judenpogrome in Rumänien der Wahrheit widersprächen. Davon hätte sich z. B. der Direktor der Minderheitenabteilung des Völkerbundes, Erik C o 1 b a n, der Rumänien vor einiger Zeit bereist hat. persönlich überzeugen können. Im Augenblicke halte sich Herr Dr. Viktor Jakobson n, der Vertreter der zionistischen Organisation beim Völkerbund, in Rumänien auf. Auch er könne bestätigen, daß Judenpogrome nicht stattgefunden hätten. Soweit richtig. Aber Herr Petrescu Comen, Gesandter und bevollmächtigter Minister des Königreiches Rumänien in der schweizerischen Bundeshauptstadt, fügte auch noch hinzu, daß die Juden in Westeuropa den rumänischen Juden durch die Aufnahme, die sie den von den Feinden Rumäniens verbreiteten Tendenznachrichten über die Lage der Juden in Rumänien bereitet haben und noch immer bereiten, einen schlechten Dienst erweisen. Es ist schwer, diese seltsame Redewendung zu mißverstehen; es ist seltsam, eine solche unmißverständliche Erklärung (die doch, nicht wahr, im Grunde genommen eine Drohung bedeutet, Herr Petrescu Comen?) aus dem Munde eines Diplomaten zu vernehmen. Allerdings scheint es, als hätte die rumänische Diplomatie in dieser Frage vollends ihren Kopf verloren. Der rumänische Gesandte in Washington, ein Herr C r e t i a n u, hat die Teilnehmer eines Protestmeetings gegen die Judenverfolgungen in Rumänien, darunter den protestantischen Bischof Mann in g, das Mitglied des obersten Gerichtshofes der U. S. A. Dowling und den Chiefrabbi Dr. Stephen W i s e, kurz und bündig als — Bolschewiken bezeichnet. Herr C r e t i a n u gehört wohl zu jener Sorte von Diplomaten, die sich über die primitivsten gesellschaftlichen Bedingungen des Landes, in dem sie akkreditiert sind, mit staunenswerter Leichtigkeit hinwegsetzen, oder aber es ist ihm unbekannt, daß, wenn man in Kreisen der amerikanischen Gesellschaft jemanden als Bolschewiken bezeichnet, das ungefähr dasselbe ist, wenn in unseren Gesellschaftskreisen von einer Person, die diesen Gesellschaftskreisen angehört, behauptet wird, sie hätte gestohlen. Es ist aber nicht unsere Sache, uns hier mit den Qualitäten der rumänischen Diplomatie zu befassen; schließlich hat jedes Land die Diplomaten, die es verdient. Was im gegebenen Falle von Bedeutung ist, das ist die Denkungsart, die aus derartigen Aeußerungen spricht. Allerdings muß festgestellt werden, daß diese an die finstersten Zeiten des Zarismus erinnernde Gesinnung offenbar auch die Gesinnung der gegenwärtigen rumänischen Regierungskreise ist. Anders läßt sich nämlich die systematische Hetze, die die Regierungspresse gegen die Juden in Rumänien betreibt, nicht erklären. In einer ganzen Reihe von Artikeln, die in dieser Presse erschienen sind, wird der Spieß ganz einfach umgedreht und den Juden vorgeworfen, sie seien diejenigen, die die Rumänen dauernd angreifen. Wenn inCzernowitz ein jüdischer Student erschossen wird, so sind die Juden selbst die Schuldtragenden, denn sie sind die Angreifer gewesen! Wenn in Kischenew jüdische Läden geplündert werden, sind die Juden die Schuldigen, denn sie haben die manifestierenden Studenten gereizt. In dieser Weise geht es spalten- und wochenlang fort, und zwar nicht etwa im Organ irgendeines antisemitischen Hetzblättchens, sondern, wie gesagt, in den offiziellen Organen der rumänischen Regierungselbst. Nach der Auffassung verschiedener, auch jüdischer Kreise in Rumänien, sollen diese Artikel eine Verteidigungsmaßnahme der Regierung sein. Wenn dies zutrifft, so muß man wohl schon sagen, daß diese Art von Verteidigung, die

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