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Die Wahrheit · 1927-02-11 · Heft 7 (11.2.1927) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 7 (11.2.1927)
Date
1927-02-11
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Evseßketnt Jeden Sreitag JFreis dieser JEmiimer: 5© *rroscfkeYi 0/E WAHRHEIT Cestexweirfkisdke Wochenschrift fm fudisAe Jnieressen Vevöffentfidkun£en der „Union deuisdwösierr. Juden" Redaktion und Administration: Wien IL, 3f£einesttaße JHCv. 13 Fernruf 42-2*16 XLIII. Jahrgang Wien, 11. Februar 1927 Nummer 7 Das Antlitz der Hochschule. Wiederum stehen die Zustände an der Wiener Universität im Mittelpunkte der öffentlichen Diskussion, wieder bringen die Zeitungen spaltenlange Berichte über Ereignisse, die sich an unserer Alma mater abgespielt haben, und auch in den Parlamentsprotokollen nehmen sie einen hervorragenden Platz ein. Handelt es sich etwa um eine bahnbrechende Entdeckung, um einen entscheidenden Fortschritt in Wissenschaft und Lehre? Nichts von alledem. Wenn in letzter Zeit von der Wiener Universität die Rede war, dann war immer A e r g e rnis damit verbunden, dann haben durchaus keine erfreulichen, sondern immer nur beschämende und beklagenswerte Vorfälle den Anlaß hierzu geboten. So kam es, daß der Oesterreicher, der früher auf die Wiener Hochschüler stolz war und auch allen Grund dazu hatte, mit Bitternis erfüllt wird, sobald er nur an sie denkt. An der Stelle, wo einst weltberühmte Gelehrte, Männer von Geist, Bildung und Kultur, Wissenschaft verbreiteten und epochemachende Lehren und Erkenntnisse verkündeten, steht jetzt die Rassenforschung in voller Blüte und ihre Lehren und Erkenntnisse werden sogleich aus der Theorie in die Praxis umgesetzt. Die völkischen Belange haben auf der ganzen Linie den Sieg davongetragen und unserer Alma mater den Stempel aufgedrückt, das Kainszeichen des nationalen Chauvinismus und des Rassenhasses. Dieses Kainszeichen, dessen symbolischer Ausdruck das Hakenkreuz ist, trägt sie allgemein sichtbar auf der Stirne und wer die Aula der Universität betritt und die haßstrotzenden und rassetollen Anschläge der verschiedenen völkischen Vereinigungen liest, ist sich sofort darüber im klaren, daß er sich hier nicht an einer Stätte der Wissenschaft, sondern auf einem Tummelplatz niedriger Instinkte und blinder Leidenschaften befindet. Nicht Wissen und Können, noch auch Forschung und Lehre gelten heute an diesem Orte, entscheidend ist allein das Bekenntnis zum nationalistischen Chauvinismus. Wer dieses Bekenntnis nicht ablegt, der findet keine Aufnahme in die „Deutsche S t udentenschaft", dieser erbärmlichen Mißgeburt einer an und für sich gewiß nicht schlechten Idee; mag er auch deutsch fühlen und sich zur deutschen Kulturgemeinschaft, zählen, sobald in seinen Adern ein Tropfen „jüdisches Blut" rollt, sobald er Nationalismus und Chauvinismus von sich weist, dann erscheint er als ein Verfemter und Ausgestoßener, unwürdig an den Kultureinrichtungen der „Deutschen Studentenschaft" teilzunehmen, Einrichtungen, welche aus öffentlichen Mitteln gefördert und von den akademischen Behörden in jeder Weise unterstützt werden. Heil ihm, daß es ihm mir gestattet ist, die Pflichten des akademischen Bürgers zu erfüllen und die damit verbundenen nicht unbeträchtlichen materiellen Opfer zu leisten, er sich aber als akademischer Bürger zweiter Klasse mit minderen Rechten begnügen muß! Denn wahrlich, die „Kultureinrichtungen", von denen er ausgeschlossen ist, sie wären kaum geeignet, seine geistige oder moralische Kultur auch nur im geringsten zu fördern. Im Gegenteil, sie würden sich seinem intellektuellen und sittlichen Fortschritte hindernd in den Weg stellen. Eine der jüngsten „Kultureinrichtungen" an unserer Universität bildet eine Schießstätte, ein Ort also, an welchem hakenkreuzlerische und frontkämpferische Hochschüler — denn nur diese haben selbstverständlich zu ihr Zutritt — planmäßig im Gebrauche von Schußwaffen unterwiesen werden sollen. Als sportliche Betätigung kann das Anlegen und Abfeuern von Gewehren und Revolvern wohl nicht angesehen werden, wenn anders die akademischen Behörden nicht etwa in der Vernichtung von Menschenleben einen der akademischen Jugend würdigen Sport erblicken. Wenn aber die Hochschulbehörden, wie dies aus einer jüngst veröffentlichten Enunziation hervorgeht, tatsächlich auf die körperliche Ertüchtigung der Hochschuljugend so großes Gewicht legt, wiewohl deren geistige Ausbildung der allgemeinen Anschauung nach allein in ihre Kompetenz fällt, dann steht es ihnen ja frei, durch Errichtung von Turnsälen und Sportplätzen diese zu fördern; aber eine Schießstätte? Was hat eine Schießstätte — muß sich jeder denkende Mensch fragen — in den der Wissenschaft geweihten Räumen unserer Alma mater zu suchen? Kann es das Rektorat, das der „Deutschen Studentenschaft" trotz des drückenden Raummangels im Gebäude der Universität eine Schießstätte eingeräumt hat, verantworten, wenn künftighin Hochschullehrer mitten in ihrem Vortrage oder Studenten mitten in ihrem Studium durch Schußdetonationen aus ihrer geistigen Arbeit aufgeschreckt werden, ist das Rektorat geneigt, die Verantwortung für Unglücksfälle, die sich bei der Handhabung von Schußwaffen durch Unge-

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