Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 51 (20.12.1929)
- Date
- 1929-12-20
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis dieser Nummer 50 Oroschen Wc3w$3n$,?mH dtm Verdffenilkhunfef) der „Union 4eafsdi<fetscr. Jydett" nd des „Amtffcheii Verlautbarungen der feraeliiisdicn Kultusgemeinde Wien" BfflraMflHfflBBH^^ Redaktion nnd Administration; Wien IL, Heinestraße 13 — Telephon R 42-2-16 XLV. Jahrgang_Wien, 20. Dezember 1929 Faastrecht! „Das Faustrecht muß ein für allemal aufhören!" Diesen bedeutungsvollen Satz hat am vergangenen Mittwoch die hochverehrte Mutter unseres Altbundespräsidenten und jetzigen Handelsministers, Frau Marianne Hainisch, bei der ersten Versammlung der von ihr ins Leben gerufenen Oesterreich]'sehen Frauenpartei gesprochen, deren einziger Zweck die ..FriedenserhaltunginunseremVaterlande" ist. Am gleichen Tage hat das Faustrecht, das „ein für allemal aufhören soll", in einem anderen Teile unserer Stadt Orgien gefeiert, in der Leopoldstadt . . . Wir wollen nicht dem Heimwehrradau in der Taborstraße besonders übertriebene Bedeutung beimessen, schon um nicht bei der „R e i c h s p o s t" in den Verdacht zu kommen, daß auch wir „einen Raufhandel zu einem großen Ereignis politischen Charakters aufbauschen". Aber die Angelegenheit hat insbesondere in ihren Folgen einige symptomatische Wirkung und ist deshalb einer Betrachtung wert. Vergegenwärtigen wir uns zunächst einmal den Tatbestand. Einige Heimwehrleute — im ersten Momente der Bestürzung hieß es: Hakenkreuzler, doch wurde diese Lesart nach dem Polizeibericht und angesichts der Tatsache, daß die Randalierenden Heimwehruniform trugen, bald fallen gelassen — haben vergangenen Mittwoch ungefähr um Mitternacht vor und in dem Cafe Produktenbörse auf der Taborstraße exzediert, sind in das Caf6 eingedrungen, haben dort eine Spiegelscheibe und andere Gegenstände demoliert und vor allem mehrere jüdische Gäste verletzt. Fünf Heimwehrleute wurden verhaftet und es ist gegen sie ein Verfahren wegen versuchten Hausfriedensbruches, bzw. leichter Körperbeschädigung anhängig gemacht worden. Der Grund für diese Exzesse (pardon: „Raufhandel" nach der „Reichspost") ist ebenfalls im ersten Momente der Bestürzung unklar gewesen. Man vermutete zuerst, daß der Ueberfall einer am gleichen Abend im Hotel Continental stattgefundenen sehr imposanten Kundgebung für die Unschuld Philipp Halsmanns gegolten hätte. Diese Version erwies sich aber bald als unrichtig, was übrigens von vornherein zu vermuten war, denn Nummer 51 feV man konnte ja nicht gut annehmen, daß die HeB^ wehrler so „untaktisch" gewesen sein würden, das Lokal einer überall öffentlich angekündigten Versammlung mit einem anderen zu verwechseln und es überdies erst gegen Mitternacht zu — sagen wir — „besuchen", wo doch die Versammlung bereits für V28 Uhr abends angesetzt war. Jetzt wird angegeben, daß die vor einiger Zeit erfolgte Verweigerung der Verabfolgung von Speise und Trank in einem Kaffeehaus der Taborstraße die Heimwehrler, die davon in einer Versammlung in der Inneren Stadt sprachen, so erbost hätte, daß einige von ihnen — sicherlich in friedlicher Absicht! — dem Ruf Folge leisteten, den wir schon so lange nicht gehört haben und der uns in unseligster Erinnerung ist: „Auf in die Leopoldstadt!" Verweilen wir einen Moment bei diesem Grund. Wir können das Verhalten der betreffenden Kaffeehausbesitzer sicherlich nicht gutheißen, zumal es auch nach der Gewerbeordnung ungesetzlich ist, die nur für ganz bestimmte Fälle (Trunkenheit usw.) eine solche Weigerung zuläßt. Aber haben wir Juden nicht Grund genug, uns über ein ähnliches Vorgehen uns gegenüber mit vollstem Recht zu beschweren? Wer denkt nicht bei diesem Anlasse der gleichen ungesetzlichen Taktik mancher Gastwirte in den österreichischen Sommerfrischen, gegen die gerade die „Union deutschösterreichischer Juden" einen sehr schweren Kampf führt? Sogar die „Reichspost" erinnert sich daran. Sie schreibt in ihrer Ausgabe vom 13. d. M. dazu folgendes: „Wir sind überzeugt, daß die Kritik sehr laut und aufgeregt wäre, wenn es sich nicht um Heimwehrleute, sondern um jüdische Gäste gehandelt hätte. Es dürfte ja noch in allgemeiner Erinnerung sein, wie lärmend einige liberale Zeitungen protestierten, als im vergangenen Sommer einige Hotels und Fremdenpensionen andeuteten (wie zart das die „Reichspost" „andeutet" D. Red.), daß ihnen jüdische Gäste nicht willkommen seien." Liebe „Reichspost"! Unsere berechtigte Kritik mag „sehr laut und aufgeregt" gewesen sein, aber wir möchten nicht gerne dein Geschrei hören, wenn sich ein jüdischer Sommerfrischler zu einer gleichen Handlung hinreißen ließe wie — die Heimwehrler.