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Die Wahrheit · 1929-10-04 · Heft 40-41 (4.10.1929) · page 28

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 40-41 (4.10.1929)
Date
1929-10-04
Page
– (sequence 28)
Language
German
Belongs to
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Seite 28 DIE WAHRHEIT Zu den hohen Feiertagen. Der Vorstand des Rabbinerverbandes in Deutschland erläßt aus Anlaß der herannahenden hohen jüdischen Feiertage den folgenden Aufruf: An die Juden in Deutschland! Bald werden Rosch Haschonoh und Jörn Hakipurim zum Gotteshause rufen und zu stiller Feier in den jüdischen Häusern. Aber ihr Aufruf zur Besinnung, zur Einkehr und Umkehr findet in unserer Mitte nicht überall Gehör. Mancher ist gleichgültig, mancher ist seinen Brüdern und dem Gott seiner Väter fremd geworden. Andere sind unter der Last der Arbeit erdrückt. Die Zeit scheint dahin zu sein, /da die geschlossenen Geschäfte der jüdischen Kaufleute an Sabbaten und Festtagen, am Rosch Haschonoh und Jörn Hakipurim ein stummes, aber eindringliches Bekenntnis zu Gott und zum Judentum vor aller Welt ablegten. Aus dieser Unfähigkeit, unsere heiligen Tage zu feiern, sprechen Not und Druck der jüdischen Seele. Unsere Verantwortung, unsere Sorge bewegt uns deutsche Rabbiner zu einem ernsten Wort an die deutschen Juden. Genug des Leids, daß so vielen von uns der Sabbat, dieser Quellpunkt unseres Familienlebens, die Wurzel der edelsten Tugenden unserer Gemeinschaft, der Tag unserer Seele, das Wahrzeichen unseres Glaubens, verlorengegangen ist. Sollen nun auch die ehrfurchtgebietenden Tage dem Materialismus mehr und mehr zum Opfer fallen? Die „Tage der Umkehr" nahen. Möchte ein jeder den Willen und den Weg finden, die heiligen Tage ganz und ungeschmälert zu feiern. Möchte jeder jüdische Geschäftsinhaber seine Angestellten von jeder Arbeit an den hohen Tagen befreien. Möchten die Treuesten der Treuen, denen es ein tiefes Bedürfnis ihres Herzens ist, der religiösen Pflicht gemäß Sabbate und Feste zu feiern, weitherziges Verständnis bei allen in Betracht kommenden jüdischen Persönlichkeiten finden. Euch alle aber bitten wir: Setzt alles daran, daß unsere Ruhe- und Festtage unserer jüdischen Gemeinschaft erhalten bleiben. Die Treue zum Judentum fordert Opfer. Aber ihr Lohn ist eine Ruhe des Gewissens, das Bewußtsein treu er- # füllter Pflicht, die Festigung und Erhöhung des Judentums. — im Geiste eng mit Euch allen verbunden, wünschen wir Euch den Segen der heiligen Tage. Möge alle Sorge von Euch weichen: die Freude an Gott bleibe die Quelle Eurer Kraft. Der Vorstand des Rabbinerverbandes in Deutschlund. Eine vorbildliche Aktion. Die Deutsche Reichspost gibt soeben bekannt, daß in der Zeit vom \. bis 15. Oktober an allen Telegrammannahmestellen Glückwunschtelegramme zu ermäßigten Gebühren angenommen werden. Diese müssen für die Versendung innerhalb Deutschlands stets den Vermerk „Lx" (Ausfertigung auf Schmuckblättern) tragen. Bei Telegrammen mit feststehenden Fassungen, die wir nachstehend aufführen, genügt Angabe der vor dem entsprechenden Wortlaut stehenden Nummer, sowie der gewünschten Sprache. Das dem Empfänger ausgehändigte Blatt enthält den vollständigen Text. Die Unterschrift darf aus höchstens zwei Wörtern bestehen, jedoch werden Firmenbezeichnungen, die sich nur in einer größeren Wortzahl angeben lassen, nicht beanstandet. Als Sprachen sind zugelassen: a) deutsch, b) englisch, c) französisch, d) jiddisch, e) polnisch. Die zugelassenen Fassungen sind: 1. Möge Ihnen ein glückliches neues Jahr beschieden sein. 2. Möge Ihr Name in das Buch des Lebens geschrieben werden. 3. Möge das neue Jahr Ihnen Leben und Wohlergehen, Zufriedenheit und Frieden bringen. 4. Möge Gott Ihrer gedenken bei Ihrem heutigen Eintritt in das neue Jahr. 5. Möge Gott Ihnen ein glückliches Jahr gewähren. 6. Möge der erhabene Geist des Jörn Kippur alle Freundschaft stärken. 7. Grüße und beste Wünsche für ein neues Jahr voller Gesundheit, Glück und Wohlergehen. 8. Wir wünschen Ihnen Glück im ganzen neuen Jahr. 9. Beste Wünsche für das neue Jahr. Möge es Ihnen und den Ihren Gesundheit, Glück, Frieden und Wohlergehen bringen. Möge es Ihre Hoffnungen im reichen Maße erfüllen und die erfolgreiche Verwirklichung Ihrer höchsten Ziele gewähren. 10. Möge jeder Tag des neuen Jahres Ihnen und den Ihrigen das Beste erschließen. 11. Unsere (meine) besten Wünsche für ein reich gesegnetes neues Jahr. 12. Möge Ihnen im neuen Jahre Gesundheit, Glück und Wohlergehen in reichstem Maße .beschieden sein. Die Reichspost gibt die gleichen Texte auch in den anderen angeführten Sprachen, u. a. auch in jiddischer Fassung, bekannt. Wie so oft, muß man sich auch in diesem Falle fragen, warum Oesterreich nicht von dem befreundeten Deutschland, an dessen Einrichtungen es sich ja sonst stets anlehnen will, lernen mag. Wieder Friedhofsschändung. In dem Hunsrückstädtchen Hermeskeil (Regierungsbezirk Trier) wurden auf dem jüdischen Friedhof sämtliche Grabsteine umgestürzt, in nicht zu beschreibender Weise beschmutzt und zerstört. Man vermutet, daß Nationalsozialisten die Täter sind. Zwischen ihnen und einem Teil der jüdischen Einwohnerschaft Hermeskeils ist es daraufhin zu schweren Schägereien gekommen, in deren Verlauf eine Anzahl jüdischer Bürger mißhandelt und erheblich verletzt worden ist. Nette Zustände. In der „Eisenacher Tagespost" findet sich nachstehendes nettes Inserat: Aufruf an einige Antisemiten! Den hochverehrten Antisemiten von Eisenach möchte ich vorschlagen, beil Anpöbelung der Juden sich vorher einen staatlich beglaubigten Stammbaum vorlegen zu lassen, damit sie nicht ihre „Rassengenossen" angreifen, denn nicht jeder Schwarzhaarige und Dunkeläugige ist Jude, und wir Rheinländer sind treue Deutsche und haben diese Treue bewiesen. August S t r ä s s ei r, , in der Bücherstube Johanniplatz 21. Die hochverehrten Antisemiten von Eisenach scheinen es ja toll treiben zu können, wenn ein derartiges Schmachdokument überhaupt möglich ist! Das Testament eines indisch-jüdischen Millionärs. Sir Sassoon Jacob David, ein reicher jüdischer Kaufmann aus Bombay, der vor einigen Tagen gestorben ist, hat seinem Sohn Sir Percival Victor David ein Vermögen von 24 Millionen Rupien (über 50 Millionen Mark) hinterlassen, mit der Bedingung, daß er den jüdischen Glauben nicht verläßt und auch seine Kinder im Geiste des Judentums erzieht. Ein Passus im Testament lautet: „Halte fest an unserem jüdischen Glauben und halte die Gebote der Thora. Hilf denen, die in Not sind. Erziehe deine Kinder im Geiste unserer Religion!" Der Verstorbene hat auch größere Legate für die Jüdische Gemeinde in Bombay und für soziale Zwecke hinterlassen. Ein „Adelsblatt". In dem Prozeß gegen den verantwortlichen Schriftleiter des Adelsblattes, Walter v. Bogen, der beschuldigt wurde, den Schriftsteller Arnold Zweig öffentlich beleidigt zu haben, verurteilte das Schöffengericht Berlin-Schöneberg den Angeklagten zu einer Geldstrafe von 600 Mark, im Nichtbetreibungsfall für je 50 Mark zu einem Tage Gefängnis. In der Nummer des Adelsblattes vom 23. Februar d. J. war eine Kritik des von Arnold Zweig verfaßten Buches „Der Streit um den Sergeanten Grischa" veröffentlicht worden. In dieser sehr schaffen Kritik wurde Arnold Zweig als „asiatischer Schmutzfink" bezeichnet. Die Staatsanwaltschaft hatte daraufhin öffentliche Anklage erhoben. ISO Millionen Dollar jährlich für Koscher-Nahrungsmittel in New York. Die New Yorker Kaschruth-Organisation hat der im Bureau des Kommissars des New Yorker Markt-Departements abgehaltenen Konferenz der Rabbinats-Aemter mitgeteilt, daß der jährliche Umsatz für Koscher-Nahrungsmittel in New York City sich auf 150 Millionen Dollar beläuft. Es existieren in New. York ungefähr 10.000 Koscher-Fleischhandlungen und rund 2000 Koscher-Delikatessengeschäfte. Die Konferenz beschloß, Maßnahmen zu ergreifen, um dem Koscher-Gesetz des Staates New York stärkere Geltung als bisher zu verschaffen. Dieses Gesetz sieht bekanntlich hohe Geld- und sogar Gefängnisstrafen für diejenigen vor, die nichtkoschere Nahrungsmittel als koscher anbieten.

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