Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 40-41 (4.10.1929)
- Date
- 1929-10-04
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT mmm Sehe U bewußtsein gewisser jüdischer Arbeitgeber nicht immer beredtes Zeugnis ablegen. Auch ihren jüdischen Angestellten gegenüber kommt das Bewußtsein häufig nicht so zur Geltung, wie man es erwarten dürfte. Deshalb gilt es gerade heute, in Tagen unsagbarer auch Juden einbegreifender Wirtschaftsnot, die soziale Verantwortung des jüdischen Arbeitgebers stärker zu wecken. Man weiß, daß die Nachwirkungen der Inflation viele ehemals selbständige jüdische Kaufleute in ein fast proletarisches Lebensniveau, jedenfalls aber in unbedingte ökonomische Abhängigkeit gedrängt haben. Die dem Juden feindliche Umwelt hat für sie nicht allzu viele Plätze frei. Die immer mehr auch im Wirtschaftsleben fühlbarere antisemitische Tendenz bietet ihnen nicht gerade besondere Chancen. Betrachtet man heute den Stellenmarkt akademischer und sonstiger Berufe, so findet man auch in Wirtschaftszweigen, die man sonst manchmal als „jüdische4' bezeichnet, den ominösen Vermerk des religiösen Bekenntnisses, sei es als Forderung oder als Anerbieten. In all dem schwingt wie ein leiser Unterton, fast unhörbär und unmerkbar, das Bewußtsein mit, daß man jüdische Angestellte bei Bewerbungen von vornherein zu benachteiligen pflegt. Und wie oft kommt es vor, daß der Bewerber eine Abweisung aus nichtigen Gründen erhält, nur weil man in ihm eben einen Juden vor sich hat oder zu haben glaubt! Wie oft aber kommt es auch vor, daß jüdische Personalchefs großer — selbst jüdischer — Gesellschaften eine unleugbare Scheu davor haben, jüdische Arbeitnehmer einzustellen! Sie glauben, damit ihre eigene Stellung zu gefährden . . . Aus all dem entsteht die unabwendbare Frage: Wohin soll sich der jüdische Arbeitnehmer wenden, wenn auch noch jüdische Arbeitgeber ihm die Pforten zur Arbeitsstätte verschließen? Steht er dann nicht vor einem Wall von Schwierigkeiten, den zu überwinden er nicht imstande ist? Wie soll sich dann überhaupt die Zukunft der ganzen deutschen Judenheit gestalten, wenn außer der sonstigen sozialen Not sich auch noch das Gespenst der Arbeitslosigkeit weiter Kreise drohend erhebt? Dieses vielleicht schwierigste soziale Problem der deutschen Judenheit gilt es zu erwägen. — Wenn wir ihm erfolgreich begegnen wollen, so kann das zum größten Teil nur durch Selbsthilfe geschehen. Und wo ist Selbsthilfe notwendiger als auf dem Gebiete der Angestelltenpolitik?- Hier wäre sie wenigstens erfolgversprechender als auf manchen anderen Gebieten. Man glaube doch nicht, daß der jüdische Angestellte mehr verlangen würde als die Rücksichtnahme und d i e Behandlung, die die Menschlichkeit gebieten. Aber er will auch nicht — das bedenke man — die Achtung vor seiner Person missen, die eben gerade in der Kleinstadt häufig versagt wird. Die Verantwortung vor der Zukunft des deutschen Judentums'verlangt von jedem Einzelnen, daß er innerhalb der jüdischen Gemeinschaft einseitige Klassenschichtungen vermeide. Die sozialen Umwälzungen der Gegenwart fordern von jedem Einzelnen Humanität und soziales Verständnis. Wenn überhaupt etwas, so ist das die Forderung unsererer Tage. Arno H e r.zber g, Berlin. /Jmtlkke Tblautlacimgeit (bclmtidfi^ Lehrkräfte für israelitischen Religionsunterricht Mit Schluß des Schuljahres 1928/1929 haben 22 Kandidaten und Kandidatinnen an der „Bildungsanstalt für israelitische Religionsteherr in Wien" nach vierjährigem Studium die Reifeprüfung mit gutem Erfolge abgelegt. Deren Heranziehung für den Öffentlichen Schuldienst in Wien kommt nur jeweilig nach Maßgabe des Bedarfes in Betracht und es konnten für das Schuljahr 1929/1930 nur fünf Kancfidaten seitens der Wiener Israelitischen Kultusgemeinde in Verwendung gestellt werden. Durch die Verfügbarkeit dieser sorgfältigst für das Lehramt vorbereiteten Kandidaten ergibt sich für die auswärtigen israelitischen Kultusgermeinden die Möglichkeit, wissenschaftlich und pädagogisch geschulte Kräfte für die Erteilung d>es Religionsunterrichtes zu gewinnen. Aber auch die Bibelschulen, die jüdischen Fürsorge- und Erziehungsinstitute werden gut tun, im Bedarfsfalle auf diese Lehrkräfte zu greifen. Schließlich empfiehlt «es sich, für den Privatunterricht der vom Besuche des öffentlichen Religionsunterrichtes dispensierten Schulkinder solche Lehramtskandidaten heranzuziehen. Nähere Auskünfte erteilt das Schulbüro der Israelitischen Kultusgemeinde, Wien I., Seitenstettengasse 4. Der Jugendgottesdienst im Schuljahre 1929/1930. Wegen der kalendarischen Verhältnisse hinsichtlich der diesjährigen hohen Feiertage wird der Jugendgottesdienst in diesem Schuljahre erst am 2. November 1929 aufgenommen werden können. An die Elternschaft ergeht das dringende Ersuchen, die Kinder an den hohen Feiertagen auch ihrerseits über den Sinn der Feste zu belehren, sie zu veranlassen, die Festtage in Andacht zu begehen und soweit dies möglich ist, auch am öffentlichen Gottesdienste teilnehmen zu lassen. Die Hilfsaktion für die Opfer der Ereignisse in Palästina- Die unter der Aegide der Israelitischen Kultusgemeinde Wien vom „Zentralhilfskomitee für die Opfer der Ereignisse in Palästina" durchgeführte Zentralisierung der Sammelaktion hat sich bestens bewährt. Das bisherige Gesamterträgnis der Sammlungen beläuft sich auf rund S 82.500,—. In diese Ziffer erscheinen einbezogen: Die Widmung der Israelitischen Kultusgemeinde Wien und der „Israelitischen Allianz zu Wien" per je S 10.000,—, das Erträgnis der Sammlungen der „Neuen Freien Presse" mit zirka S 15.000—, vom „Zionistischen Landeskomitee für Oesterreich" gesammelte S 8396,— und die Widmung des „Verbandes der Israelitischen Humanitätsvereine „B'nai B'rith" für Oesterreich" von S 3000—, sowie das Ergebnis einer Sammlung der Israelitischen Kultus - gemeinde und der Zionistischen Ortsgruppe St. Pölten mit S 1060,—. Die Sammelaktion wird eifrigst