Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 36 (6.9.1929)
- Date
- 1929-09-06
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 10 die wAH^ffirr Menge auseinander. Mehr als zwanzig Verwundete, darunter ein Greis von mehr als sechzig Jahren, ein Mensch schwer verwundet, ergeben den Schlachtbericht. Das einseitige Gefecht wird kinematographisch festgehalten und die Verwundeten im Spital photographiert Mählich sammelt sich die Menge wieder um die Leiche. Die Engländer werden zurückgezogen und durch jüdische Polizei ersetzt. Unter monotonen Gesängen setzt sich der Zug wieder in Bewegung. Vor dem englischen Gouvernementsgebäude kommt es zu einer der eindrucksvollsten Demonstrationen, die die englische Kolonialgeschichte kennt; der Leichnam wird herabgelassen und in dumpfem Murmeln spricht die Menge das Totengebet unterhalb der Fahne Englands. Kein Ruf, keine Gebärde, nur die tausendstimmige Lobpreisung Gottes. Eine unerhört düstere und selbstbewußte Demonstration. Dann geht der Zug in glühender Hitze seinen Weg um die Stadtmauer zum Oelberg weiter, der das älteste noch in Gebrauch befindliche Totenfeld der Welt ist. Jerusalem ist der ganzen Welt heilig, Jerusalem ist die Friedensstadt, in Jerusalem darf nicht Blut fließen. Das ist ein Gebot, das der ganzen Welt Gesetz und den Hütern Jerusalems von Religion, Menschlichkeit und politischer Vernunft diktierte Vorschrift sein muß. Qlcrretv. Bulletins aus Palästina werden in den Tagesblättern unter der Aufschrift veröffentlicht: „Die Lage unverändert." Mit tiefinnerer Erschütterung muß man aber bedenken, daß diese stereotype Aufschrift im Grunde genommen nicht erst für die Ereignisse in der jüngsten Zeit paßt. In einer allzu aktuellen Reminiszenz an eine Schilderung, die der heilige Hieronymus 300 Jahre nach dem Falle Jerusalems von seinen Erlebnissen in Jerusalem hinterlassen, liest man u. a.: „Jedes Jahr, an dem Tage, an dem Jerusalem von den Römern zerstört wurde, sieht man ein ganzes Volk in Trauer, von Kummer erschöpfte Weiber und Greise, von Lumpen bedeckt, mit Jahren belastet. Aber während ihnen die Tränen über die Wangen rinnen, erscheint der fremde Soldat und verlangt Tribut von Urnen, wenn sie noch länger weinen wollen . . . .** Auch am Versöhnungstag haben sich ähnliche Szenen vor der Klagemauer in Jerusalem abgespielt und ein grauenhafter Tribut wurde den wehrlosen Juden von ihren fanatisierten Feinden abgefordert. Wann endlich wird die Lage in Palästina ein ganz andere sein? Einige von den Juden am Vorabend des Versöhnungstages neuangebrachte Oellämpchen vor der Klagemauer durften dem aufgehetzten Pöbel unter dem — Schutze der Polizei Anlaß geben, die Beter zu mißhandeln, ihre heiligen Bücher zu besudeln und zu zerfetzen .... Wahrhaftig, die paar neuangebrachten armseligen Oellämpchen haben die Verhältnisse in Palästina in bengalische Beleuchtung gerückt. * * * Auch die Aufrichtung einer dünnen Scheidewand, die betende Männer und Frauen vor der Klagemauer trennte, galt als Grund zu schandvollen Exzessen. Die Scheidewand war ein genügender Vorwand für Räuber und Mörder. Die tückischen Hetzer hatten die Bauernbevölkerung mit der Lüge haranguiert, die Juden planten ein Attentat auf die Heiligtümer der Andersgläubigen. Die Europäer glauben von der Höhe ihrer Kultur auf die Orientalen herabschauen zu dürfen, aber diese Art, gegen die Juden zu hetzen, scheint doch an europäische Vorbilder zu erinnern. Herr Hofrat Pichl hat die Trauerrede, die er am Grabe eines Ermordeten hielt, der weder Jude noch Mitglied des „Republikanischen Schutzbundes" ist, zu einer mörderischen Hetze mißbraucht, die, gelinde gesagt, „vorwiegend" gegen die — Juden geplant war. Das Bekenntnis des Herrn Hofrates, daß er den Kampf gegen die Sozialdemokraten nicht nur mit geistigen Waffen geführt wissen will, würde immerhin eine gewisse imponierende Aufrichtigkeit verraten, wenn der Beisatz, daß die Führer der Partei eine „vorwiegend jüdische Verbrechergesellschaft" bilden, nicht allzu deutlich den tückischen Judenhaß verrieten. Man weiß, daß es unter den Führern der sozialdemokratischen Partei geborene Juden und geborene Christen gibt. Aber es gibt sicherlich keinen vom Geiste der jüdischen Religion beseelten Menschen, der so schurkenhaft oder wahnsinnig dächte, für die politische Gesinnung eines sozialdemokratischen Führers das Christentum verantwortlich zu machen. Die Juden würden es sicherlich auch als eine empörende Nichtswürdigkeit stigmatisieren, wenn einer ihrer Glaubensgenossen so toll wäre, welchen blutrünstigen antisemitischen Hetzer immer als Vertreter des Christentums zu betrachten. Die Juden wissen es, daß der Antisemitismus nicht allein blutigste Verhöhnung der Lehren des Judentums, sondern auch „vorwiegend" der Lehren des Christentums bedeutet. Die Grabrede des Herrn Hofrates Pichl atmete, das darf man wohl sagen, ohne fürchten zu müssen, der Wahrheit auch nur im geringsten nahezutreten, den judenfeindlichen Geist, der in dem Arierparagraphen zum Ausdruck gelangte, dem dieser Herr bekanntlich vor einiger Zeit in seiner Eigenschaft als Präsident des deutsch-österreichischen Alpenvereines zum Siege verholfen. Dieser Arierparagraph war übrigens wirklich nicht „vorwiegend", Großes, ttdktes Zimmer mit sireng Koscher-Pension wird bei Beamtenfamiäe an 1 oder 2 junge Leute vermietet Familienanschluß, Telephon A 47-603. 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