Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 31 (2.8.1929)
- Date
- 1929-08-02
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis dieser Nummer 50 Groschen UJ*UMaJ4 [mit dea Veröffentlichungen der „Union denfschSsferr. Juden" und den „Amtlichen Verlautbarungen der Israelitischen Kultusgemeinde Wien" ffnrnimttuniuniu^^ Redaktion und Administration: Wien IL, Heinestraße 13 — Telephon R 42-2-16 WWakihM Erscheint jeden Freitag XLV. Jahrgang Wien, 2. August 1929 Nummer 31 Zum Züricher Zionistenkongreß. „Wer keinen Boden unter sich hat, der hat auch keinen Gott". Dieses Wort, das ein großer russischer Patriot gesprochen, hat er selbst sofort mit der positiven Fassung erklärt: „Wer sich von der Heimat lossagt, der sagt sich auch von seinem Gotte los". Und um jedem Zweifel an dem Sinne seines Ausspruches vorzubeugen, will dieser große Russe „Heimat" und „festen Boden" hier nicht wörtlich verstanden wissen, sondern er spricht von einem seelischen Besitz, mit dem man auch seinen Gott, seinen sittlichen Halt einbüßt. An der Hand dieser Sätze könnte man von uns Juden sagen: Die einen wurzeln in einer ererbten geistigen Heimat, in der jüdischen Tradition, mit dieser Pietät steht und fällt ihre Religion, ihre Treue gegen Gott. Eine andere Gruppe fühlt sich seelisch mit der Scholle verwachsen, auf der seit Jahrtausenden ihre Väter ein Heim, wenn auch in den Augen der lieblosen Umwelt nicht recht eigentlich eine Heimat gefunden haben- Und diese Juden kämpfen darum, daß sie wirklich und ohne Einspruch als ihre Heimat anerkannt werde. Sie sehen in der Dankbarkeit gegen den Boden, in dem ihre Toten ruhen, eine Betätigung ihrer Religion und finden im Heimatsgefühl, in den Erinnerungen, die sie mit dem Vaterland verbinden, ein gutes Teil ihres Judentums verankert. Am zahlreichsten, zumal in Osteuropa, sind aber die Juden, die jene seelische Heimat verloren und eine irdische nie gekannt haben. Ihnen hat sich mit der Neuerschließung Palästinas eine Aussicht eröffnet, die ihnen nicht nur Boden unter den Füßen, sondern auch Gott, mit der Heimat einen Himmel geben kann. Mit ihnen verbünden sich jene, die der im Golus täglich zu führende Kampf um ihr Judentum zermürbt hat und die nach dem Hochgefühl dürsten, das den letzten Bauer auf der armseligsten Kate beseelen darf: als freier Mann auf eigenem Grund zu steh'n. Dieser Sehnsucht klar das Ziel gezeigt zu haben, ist die Tat Theodor H e r z 1 s, es in erreichbare Nähe zu rücken, die Arbeit der auf seinem Werk sich aufbauenden Organisation, es zu verwirklichen, der Wunsch der gesamten Judenheit. Heute, fünfundzwanzig Jahre nach H e r z 1 s Tode, finden sich Juden der verschiedensten politischen und religiösen Einstellungen in Zürich zusammen, um für ein einhelliges Zusammenarbeiten in der von ihm gewiesenen Richtung die Grundlage zu schaffen. Das, was nach seinem Plan der W i ederauf bau Palästinas sein sollte, nicht das Streben einerPartei, sondern eine gemeinsame Sache aller Juden der Welt, das will jetzt wahr und wirklich werden. Als ein Weg, Haß und Hader, ödes Gezänk und odiose Kräfteverschwendung aus der jüdischen Innennolitik auszuscheiden, soll uns dieser Zusammenschluß so vieler auf Palästina tendierenden jüdischen Bestrebungen willkommen seinl Auch wir begrüßen ihn als verheißungsvolles Friedenswerk! Sonntag, den 28. Juli, nachmittags, fand in Zürich vor mehreren hundert Delegierten aus allen Teilen der Welt die Eröffnung des 16. Zionistenkongresses statt, der einen Wendepunkt sowohl in der Gestaltung der zionistischen Bewegung als auch im Schicksal des Aufbauwerkes in Palästina durch die Konstituierung der ,.J e w i s h A g e n c y" bilden soll, jener Körperschaft, die nunmehr an Stelle der Zionistenkongresse das Organ für die Zuammenarbeit mi;t der „Mandatsmacht" England und deren Auftraggeber, den Völkerbund, sein wird. Zur konstituierenden Versammlung der „Jewish A g e n c v'\ der außer den Zionisten auf Grund der bisherigen Wahlen Vertreter der politischen Parteien aller Länder angehören werden und deren Begründung den Hauptgegenstand des Kongresses bildet, sind namentlich viele hervorragende Persönlichkeiten aus Amerika und England eingetroffen, die bisher dem Kongreß fernstanden. In Amerika haben unter anderen Mandate für die ..Agency". die als das Parlament für die Politik und Wirtschaft Palästinas zu gelten haben wird, der Oberrichter M a r s h a 11 angenommen, der Präsident des ..Yoint", Bankier Felix Warburg, der Präsident des amerikanischen Roten Kreuzes für Palästina Doktor Löwenstein, die Gewerkschaftsführer Schiplakoff und F i 1 m a n n, die Herausgeber des ..Vorwärts" Alexander Kahn und der „New York Times" Willey, dieser als Vertreter des Generals D a w e s, Henry Mor genthau, der Sohn des ehemaligen Botschafters in Konstantinopel, eine Reihe hoher Richter und Politiker, namentlich auch die Chefs der großen Wohltätigkeitsverbände. Aus England werden Lord Rothschild und d'A v i g d o r - G o 1 d s m i t h. aus Deutschland der Direktor der Deutschen Bank Oskar Wassermann. Dr. T i e t z, ein Mitchef des bekannten Warenhauses, der Berliner Oberrabbiner Professor Leo Baeck der „Agency" angehören, aus Polen der Dichter Schalom Asch,