Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1929-06-07 · Heft 23 (7.6.1929) · page 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 23 (7.6.1929)
Date
1929-06-07
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3062972-3064197-3064219--17225-3087336
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 10 ffl»™™ DIE WAHRHEIT deutschösterreichischer Juden" erstattete Sekretär Oskar Hirschfeld folgenden Rechenschaftsbericht: Das vergangene Jahr der Arbeit und des Kampfes für die Interessen des österreichischen Judentums hat unsere Vereinigung insbesondere wegen der Wahlen in den Wiener Kultusvorstand vor so schwere Aufgaben gestellt, daß es uns nicht möglich war, im Vorjahre die Delegiertenversammlung einzuberufen; es erstreckt sich daher die Berichtszeit auf zwei Jahre. Das politische und das wirtschaftliche Leben der österreichischen Republik, die im Vorjahre in ernster Zeit den zehnten Jahrestag ihres Bestandes beging, war auch in diesen beiden Berichtsjahren beeinflußt durch den wohl nur langsam fortschreitenden Prozeß der Sanierung des Staates, mit dessen Gedeih und Verderb die österreichischen Juden sich völlig verbunden fühlen. Bedauerlicherweise leiden aber die Juden in Oesterreich noch immer unter dem Antisemitismus, dessen Abwehr heute notwendiger denn je ist. Findet er doch sogar auf unserer Alma mater, an welcher z. B. bei Berufungen der Taufschein entscheidet, seine Bekenner. Auf die christlichsoziale Wahlprogrammphrase vom „zersetzenden Einfluß des Judentums auf geistigem und wirtschaftlichem Gebiete" folgte die Resolution des „Evangelischen Bundes", die zum „schärfsten Kampf wider den Volksfeind" aufforderte. Eine solche lügenhafte Stigmatisierung übersieht, wie viel Oesterreich seinen jüdischen Bürgern seit Jahrhunderten verdankt. In das gleiche Kapitel gehört die Wahlrede des eine Zeitlang auch als ernsten Anwärter auf den Kanzlerposten genannten Vorarlberger Landeshauptmannes Dr. End er, der unter anderem wieder die abgebrauchte Phrase vom Gastvolke und vom Wirtsvolke seinen Ausführungen zugrunde legte und dem unser Präsident in einem Wohl unbeantwortet gebliebenen, in der „Wahrheit" abgedruckten „Offenen Briefe" entschieden entgegentrat. Selbstverständlich hat die „Union" durch Vorsprachen, Eingaben und andere zweckdienliche Interventionen an den kompetenten Stellen die Aufmerksamkeit auf die vielfachen, mit der antisemitischen Bewegung im Zusammenhange stehenden Aktionen gelenkt. Aus der großen Fülle unserer Abwehrarbeiten wollen wir nur einige besonders prägnante Einzelheiten hervorheben, um den Delegierten wenigstens einen Ausschnitt aus den zahlreichen uns beschäftigenden Problemen zu ihrer Information bieten zu können. Wir waren im abgelaufenen Zeiträume wiederholt in der Lage, Fälle von Brunnenvergiftungen in der antisemitischen Presse restlos aufzuklären, die vor einiger Zeit sogar wieder mit einer Unzweidcutigkeit, die an Tücke nichts zu wünschen übrig ließ, die Ritualmordbeschuldigung erhob. Den Anlaß bot ihr das grauenhafte Verbrechen eines Juden, der ein Sohn eines Paralytikers ist und, wie amtlich festgestellt, bereits fünfmal im Steinhof interniert war. Auch im Vorjahre hatten wir der Propaganda der sogenannten „judenreinen" Sommerfrischen zu begegnen. Der Kampf, den die „Union" unablässig gegen diese österreichische Schande führt, hat immerhin einige Erfolge gezeigt. Es mehrten sich die Zuschriften von Gemeinden an uns, in welchen „Judenfreundlichkeit" betont, bzw. Judenfeindlichkeit von gestern widerrufen wurde. Solche Zuschriften erhielten wir u. a. vom Bürgermeisteramt und Verschönerungsverein Mondsee (Salzkammergut) und vom Bürgermeisteramt Wolkersdorf. Unser Kampf hat aber auch in jüdischen Kreisen des Auslandes, insbesondere Deutschland, große Beachtung gefunden. Auf den der österreichischen Volkswirtschaft durch diese Kulturschande erwachsenden Schaden, der zur Gänze auf das Schuldkonto der antisemitischen Hetzer zu setzen ist, haben wir anläßlich der „Mitteleuropäischen Fremdenverkehrstagung" auch den Herrn Bundesminister für Handel und Verkehr Dr. Schürff und den.Herrn Minister a. D. Doktor Richard Reisch aufmerksam gemacht. Unser Kampf gegen die Judenhetze in österreichischen Sommerfrischen hat ferner den Erfolg gehabt, daß sich endlich auch die Tagespresse veranlaßt gesehen hat, gegen diesen Unfug aufzutreten. Insbesondere haben die „Neue Freie Presse", der „Tag" und die „Wiener Allgemeine Zeitung" u. a. Stellung genommen; die „Neue Freie Presse" z. B. veröffentlichte einen aufklärenden Artikel des Herrn Präsidenten Dr. J. Ornstein. Die „OesterreichischeFremdenverkehrsgemeinschaft" („Oefreg"), die wir gleichfalls zur Stellungnahme gegen diese böswillige Hetze aufriefen, schrieb uns: „Auch uns sind die fremdenfeindlichen Absichten und Bestrebungen verschiedener Gemeinden nicht unbekannt geblieben und es wird gewiß alles, was von unserer Gemeinschaft getan werden kann, geschehen, diesem kulturwidrigen Vorgehen entgegenzutreten". Im weiteren Verlaufe der Verhandlungen hat der Zentralvorstand der „Union" einstimmig beschlossen, der „Oefreg" korporativ beizutreten und Herrn Moriz Oesterreicher als Delegierten in ihren Vorstand zu entsenden. In nächster Zeit wollen wir die Aufhebung jener Gemeinderatsbeschlüsse, welche unter Hintansetzung der gesetzlichen Bestimmungen insbesondere über die staatsgrundgesetzlich gewährleistete Freizügigkeit den Aufenthalt unserer Glaubensgenossen in einzelnen Sommerfrischen verhindern wollen, von der Regierung energisch begehren. Ein großes Kapitel in der Abwehrtätigkeit der „Union" bildeten die beschämenden Vorfälle an den Hochschulen Oesterreichs. Denn nach wie vor wird es gestattet, daß in Aushängekästen und Anschlägen in den Räumen der Universität eine ebenso erbitterte wie gemeine Hetze gegen das Judentum von einer Vereinigung entfacht wird, welche sich den falschen Titel „Deutsche Studentenschaft" arrogiert hat. Der jetzige Rektor L,.ra.c - VI liWIVallv Sellenstellengasse 2 Tel. U 28-1-28 Xl.| Zentralfrledhof, neben dem 1, Tor, Tel. U18-0-85

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.