Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1929-05-31 · Heft 22 (31.5.1929) · page 14

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 22 (31.5.1929)
Date
1929-05-31
Page
– (sequence 14)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3062972-3064197-3064218--17212-3087322
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 14 DIE WAHRHEIT ümWxkczu Wecke Dem Chordirektor Josef Zellnik zum 35 jährigen Dienstjubiläum. Von Oberkantor Matthias Matyas. In einer Zeit des praktischen Materialismus verdienen die Hüter des Idealismus eine viel höhere Wertschätzung als zur Zeit des herrschenden Idealismus, in der ihnen schon bei Lebzeiten ein Platz an der Sonne gewährt wird. Auch auf das Gebiet der Musik und des Gesanges streckt die heutige Richtung unter dem Deckmantel des Expressionismus ihre Fühler aus. so daß man versucht wird, diesen Alarm auch in die Sphäre der Liturgie eindringen zu lassen. Doch dank der zielbewußten Konsequenz einiger unbeirrbarer Männer, darf man wohl der Hoffnung vertrauen, es werde ihrem energischen Willen gelingen, den von ihnen gegen diese bedrohliche Flut errichteten Damm zu erhalten und zu festigen, und es werde die Sonne, nach dem Zurücktreten dieser gefährlichen Strömung, die etwa zurückgebliebenen Furchen wieder glätten, die Schäden heilen und den Boden wieder ebnen. Solch ein voraussehender, das Wichtige auf dem Gebiete der Musik richtig erkennender, an seinen Idealen konsequent festhaltender Mann ist auch Herr Josef Zellnik, Chordirektor im Stadttempel der Wiener israelitischen Kultusgemeinde. der am 1. Juni 1929 sein 35jähriges Dienstjubiläum begeht Als Schüler des Musikheros Anton Bruckner (der bei profunder Gelehrsamkeit, trotz seiner allseitig bewunderten Größe als Musiker, Lehrer und Komponist, stets ein einfacher, grundehrücher und bescheidener Mensch geblieben ist), hat Herr Chordirektor Josef Zellnik in dieser langen Reihe von Jahren durch die. Fülle der von ihm geleisteten Arbeit, durch seine Verläßlichkeit im Dienste und durch seine tadellose Lebensführung in beispielgebender Art den Befähigungsnachweis für sein Amt erbracht. Mit Bescheidenheit und Tüchtigkeit obliegt er seinem Berufe, dem gewissenhaften Einstadieren des Chores, einer Aufgabe, von deren Schwere die Außenstehenden sich kaum einen richtigen Begriff machen können. In seinen eigenen musikalischen Arbeiten bewährt er die Gediegenheit der Brucknerschen Schule. In seinem Verkehre mit den Kantoren und dem Chorpersonale von stets gleichbleibender Zuvorkommenheit und Jovialität, gemahnt er immer wieder an seinen großen Lehrer und Meister. Ausgestattet mit solchen Eigenschaften ist er ein stets treuer Hüter des Sulzerschen Ideales, dieser grundlegenden Säule des jüdischen Gottesdienstes, das sich in seiner mustergültigen Ausführung die Anerkennung der ganzen jüdischen Welt und der Wiener Kultusgemeinde Ehre und Ruhm erworben hat Dafür wissen wir ihm an seinem Ehren- und Jubeltage aufrichtigen und herzlichen Dank und wünschen ihm, daß der Allmächtige ihn noch lange in Gesundheit und Frische seinem Amte erhalten möge, zum Wohle des gottesdienstlichen Ideales, als Zierde seines Faches und zum freudigen Stolze seiner ausgezeichneten Familie. Verein zur Abwehr des Antisemitismus. Jüngst hielt unter dem Vorsitz von Reichsminister a. D. Ing. e. h. Georg Gothein der Verein zur Abwehr des Antisemitismus E. V. (Sitz Berlin) in Dortmund seine Jahresversammlung ab, die aus den Kreisen der Dortmunder Mitgliederschaft sowie von auswärtigen Delegierten, darunter Stuttgart, Hannover, Münster, Kiel, Frankfurt (Main), stark besucht war. In seinem Tätigkeitsbericht skizzierte der Geschäftsführer des Vereins, Oberleutnant a. D. Dr. Hor lacher, Ziele und Methodik der Abwehirarbeit und deren Durchführung im abgelaufenen Geschäftsjahr. Hauptzielpunkt sei die laufende sachliche Wiederlegung der von den Antisemiten immer wieder vorgebrachten falschen Behauptungen und hetzerischen Ausstreuungen; dies nicht in einseitiger Schutzstellung für das Judentum, sondern im Dienste von Wahrheit und Gerechtigkeit religiöser und sozialer Ethik. In reger Aussprache, an der sich neben dem Vorsitzenden besonders Stadtpfarrer Lamparter (Stuttgart), Professor Guttmann, Pfarrer Tribukair, Kaufmann Opp- 1 e r (Dortmund) beteiligten, wurden die Grundsätze der Vereinspolitik einmütig gutgeheißen und gegenüber der zunehmenden Aktivität der Judenhetzer die Notwendigkeit verstärkter Intensität des Abwehikampfes betont. Vor allem müsse auch der Idealismus 'der vielfach irregeleiteten Jugend für die edlen Bestrebungen des Vereins gewonnen werden. Geschäfts- und Kassenbericht fanden einmütige Billigung. Vorstand und Ausschuß wurden ergänzt durch die Wahl von Studienrat Dr. A m e d i c k-Hörde. Univ.-Prof. Martin H o b o h m-Potsdam, Professor Dr. theol. Carl Maria Kaufmann-Frankfurt (Main). Univ.-Prof. Kinkel-Gießen, Amtsgerichtsrat Stern-Essen, Pfarrer TrIibukait-Dartmund, Univ.-Prof. Konrad Z i e g 1 e r - Greifswald. Reichsminister a. D. Gothein schloß die Versammlung mit der Versicherung, daß der Abwehrverein wie in den bisherigen zwanzig Jahren seiner Vorstandschaft so auch künftig streng auf politische und konfesionelle Neutralität halten werde, um von dieser breiten Plattform aus der Kulturschande des Antisemitismus entgegenzuwirken. v^.'^ÄTr^T'^yj:.--;^ Verlobung. Herr Arthur Weihs, Vorstandsmitglied der Döblinger Chewra Kadischa, Delegierter der Chewra Kadischa Wien, I., verlobte sich mit Fräulein Margit Messinger, Bratislava (Preßburg). Verein zur Versorgung hillsbedürftiger israelitischer Waisen in Wien. Für Knaben und Mädchen, die mit Schulschluß das Waisenhaus verlassen sollen, suchen wir Lehrstellen für Geschäft oder Handwerk in Wien oder auf dem Lande. Zuschriften an Herrn Richard Petschek, VIII., Albertgasse 30, erbeten.. In den Waisenhäusern, XIX., Ruthgasse 21, für Mädchen und XIX., Probusgasse 2, für Knaben werden mit Beginn des neuen Schuljahres mehrere Plätze frei. Gesuche um Aufnahme sind an den Vorstand des Waisenvereines, I., Seitenstettengasse 4, zu richten. Aus Ischl wird uns geschrieben: Für das auf verläßlich rituelle Verpflegung reflektierende iüdische Publikum ist in Ischl die Pension Jupiter wieder eröffnet worden, die ein schönes komfortabel eingerichtetes gemütliches Heim speziell für jene bietet, die auf streng rituelle Lebensweise Wert legen. Die bestbekannte Leiterin des Küchenbetriebes Frau B. Spiegel hat bereits jahrelange Erfahrung in besten Kurbetrieben. Es ist erfreulich zu hören, daß sich im Salzkammergut eine Tendenz zur rituellen Verpflegung auf kultivierter Basis zeigt. Zu den Weekend-Werbe-Wochen bringt das Musikhaus Exelsior, Wien L, Adlergasse 5, einen Werbeschlager heraus, der bei einem äußerst niedrigen Preis in Qualität und Wiedergabe hervorragend ist. Die p. t. Leser werden eingeladen, sich denselben anzusehen, anzuhören und sich davon zu überzeugen, daß diese Leistung nicht übertroffen werden kann. Zahlungsbedingungen siehe Inserat. Hungersnot unter den Juden in Bessarabien. Der Hilfsverein der deutschen Juden erhielt erschütternde Mitteilungen aus Bessarabien. 40.000 Juden — unter ihnen viele Bauern — in Akkermann, Bendery, Orgejew, Ismail, Bajramtscha, Teleneschty und anderen Städten und kleineren Ortschaften sind infolge der Mißernten in den letzten Jahren bei der gegenwärtigen ungewöhnlichen Kälte dem Hunger und dem Elend preisgegeben. Insbesondere leiden die Kinder. Das American Joint Distribution Committee hat eingegriffen. Das Rote Kreuz hat Mittel zur Verfügung gestellt. In Paris und London haben sich Hilfskomitees gebildet. Die Not ist aber so groß, daß auch die deutschen Juden um Hilfe für ihre Glaubensgenossen angegangen werden müssen. Der Hilfsverein der deutschen Juden hat angesichts des Elends, das in Bessarabien herrscht, da es gilt, die dortige iüdische Bevölkerung vor bitterster Not und völliger Verelendung zu bewahren, beschlossen, unter seinen Mitgliedern und in breiten Kreisen der deutschen Judenheit eine Sammelaktion für die schwer leidenden bessarabischen Juden einzuleiten.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.