Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 22 (31.5.1929)
- Date
- 1929-05-31
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Waktikeüeiivom%g& Sowohl — als auch. Die „Jüdische Partei für die Slowakei", über deren mannigfache Wandlungen wir schon oft berichteten, hielt am 19. cL M. ihren Delegiertentag ab, auf dem die von uns letzthin angekündigte „Sowohl—als-auch"-Resolution angenommen wurde. Die Herren gingen aber noch einen Schritt weiter. Nicht nur in der Slowakei und Karpathorußland wollen sie ..sowohl jene, welche auf jüdisch-nationalem Standpunkt stehen, wie auch jene, die sich dieses Prinzip nicht zu eigen machen", vereinigen, sondern sie haben auch für die ganze Tschechoslowakei zum Heile der dortigen Judenschaft großartige Pläne. Ein Antrag gelangte zur Annahme, der besagt: „Die Politik des jüdischen Volkes in der Tschechoslowakei kann nur von einer einheitlichen Partei für das ganze Gebiet der Tschechoslowakei geführt werden, in der sämtliche Länder der Tschechoslowakei vertreten sind." Der Antragsteller schlug auch die Einsetzung einer Programmkommission vor, die im Einvernehmen mit dem Jüdischen Nationalrat in Prag ein (auf wie lange?) endgültiges Parteiprogramm für den ganzen Staat formulieren soll. Man weiß, wer dieser famose „Jüdische Nationalrat" ist. Ein ähnliches Ungebilde wurde ja auch in Wien nach dem Umsturz geschaffen, nur hat es sich bei uns aus leicht begreiflichen Gründen nicht sehr lange gehalten. In Prag aber existiert es noch, wenn auch nur auf dem Papier, immerhin aber mit ausgesprochen jüdischnationaler Tendenz. Und eine solche Institution soll an der Spitze einer Bewegung stehen, die alle Juden ohne Unterschied der politischen Einstellung umfassen soll. Wie sich das die Herren vorstellen?! Schaffung eines Zweckverbandes — aber Wahrung der „Sonderinteressen". Eine Blüte des deutschen Antisemitismus. Es ist selten so stürmisch in den schönen Hallen des deutschen Reichstages zugegangen als am letzten Tage vor den Pfingstferien. Niemand hatte noch eine Sensation erwartet. Aber die Nationalsozialisten gönnten den Volksvertretern diese Ferienstimmung nicht. Bei der Beratung verschiedener Anträge des Rechtsausschusses auf Aufhebung der Immunität kommunistischer und nationalsozialistischer Abgeordneter versuchten die Parteigenossen des Herrn Gregor Strasser, der zeitweise in zehn Zeitungen unter dem Schutze der Immunität nicht nur deutsche Staatsmänner, sondern einen Teil der deutschen Volksgenossen ungestraft beschimpfen konnte, durch wüstes Geschrei und ihrem politischen Geist entsprechende alberne antisemitische Witze zu verhindern. Als die Hakenkreuzler merkten, daß es nun ihrem Hauptschreier und Hetzer an den Kragen gehen sollte und daß man ihnen das Vorrecht auf straflose Verleumdung nehmen wollte, wurden sie wild und tobten. Sie schickten dabei ihren Fraktionsführer, den früheren Münchener Polizeipräsidenten Frick vor, der Strasser retten sollte. Er leistete sich dabei den Ausspruch, daß die Abgeordneten seinen Parteifreund Strasser den „racheschnaubenden Centrai-Vereins-Juden" opfern würden. Als der sozialdemokratische Abgeordnete H e i 1 m a n n nach der Schimpftirade Fricks das Wort nehmen wollte, wurde er von den gemeinsam vorgehenden Hakenkreuzlern und Kommunisten daran gehindert Besonders hervor tat sich in dieser Schimpferei der Abgeordnete Frick, dem schon seine Rede zwei Ordnungsrufe eingebracht hatte. Der Reichstagspräsident Loebe erteilte diesem Muster eines Nationalsozialisten einen dritten Ordnungsruf, und als er sich dann immer noch nicht beruhigen konnte, durfte er den Saal verlassen, was er unter Verwünschungen auf Reichstag und „Judenrepublik" tat. Während der Rede des Abgeordneten Heilmann, der in äußerst scharfer und dennoch sachlicher Form sich mit den Nationalsozialisten auseinandersetzte und das Vorgehen des Geschäftsordnungsausschusses unterstützte, mußten auch die beiden anderen nationalsozialistischen Abgeordneten Göbbels und St Öhr, die als besondere nationalsozialistische Wüteriche bekannt sind, aus dem Saal. Der Abgeordnete Graf Reventlow beruhigte sich nach dem zweiten Ordnungsruf. Der deutschvolksparteiliche Abgeordnete Dingeldey, Rechtsanwalt in Darmstadt, nahm das Wort, um mit scharfen Worten von den nationalsozialistischen Verleumdern und Ehrabschneidern abzurücken. Was die Herren unter Freiheit verständen, sei weiter nichts als Zügellosigkeit. Der Redner forderte den Reichstag auf, nicht länger diesem Treiben der Hakenkreuzler stillschweigend zuzusehen. Dann wurde in der Abstimmung die Immunität des nationalsozialistischen Abgeordneten Strasser gegen die Stimmen seiner Parteifreunde und der Deutschnationalen aufgehoben. Wenn der deutsche Reichstag schon früher diesen Weg der Aufhebung der Immunität gewählt hätte, wäre längst die Frage entschieden. Unter dem Schutz des Parlamentarismus, den diese Herren sonst bis auf das Messer bekämpfen, glaubten sie bisher deutsche Staatsmänner und jüdische Staatsbürger verfolgen zu können. Hoffentlich sorgt die Justiz bei Herrn Strasser für eine entsprechende Belehrung. Interessant ist dabei, daß dem äußersten rechten Flügel der deutschen Antisemiten auch Herr Strasser hoch nicht als im völkischen Sinne einwandfrei erscheint. So schreibt der sattsam bekannte Dr. Dinter: „Der Name Strasser ist ein gut jüdischer Name; auch ein jüdischer Führer der österreichischen Sozialdemokratie heißt so (?) und vor etwa Jahresfrist waren die deutschen Zeitungen von einem jüdischen Verbrecher gleichen Namens voll. Ein Blick in das Ponim des Herrn Gregor Strasser und seine charakteristischen Geschäfts- und Kampfmethoden auch ein Blick über die in Burschoablut getauchte äußere Aufmachung seiner zwölf bis siebzehn Zeitungen und an das Palaver ihres verworrenen blutrünstigen Inhalts bestätigt ohne weiteres diesen russischen Zusammenhang." Hakenkreuzler an der Arbeit. Auf dem israelitischen Friedhof von Kothen (Deutschland) sind in der vergangenen Woche sämtliche Grabdenkmäler umgeworfen und zertrümmert worden. Elf schwere Steine wurden aus der Erde gerissen und an ihre Stelle Tierkadaver gelegt. Leib Flidermaus. Wir hätten erwartet, diesen Namen in der völkischantisemitischen Presse in Sperrdruck mit einigen Ausrufungszeichen dahinter zu finden. Die Gelegenheit, einen so drastischen ostjüdischen Namen zu verulken, läßt sich doch ein waschechter Hakenkreuzler nicht gern entgehen. Namentlich, wenn ihm Gelegenheit gegeben wäre, noch etwas Ungünstiges von dem Namensträger zu berichten: beim Taschendiebstahl festgenommen . . . oder: wegen Steuerhinterziehung angeklagt wurde der Galizier Leib Flidermaus. Man kann dann noch Bezeichnungen hinzufügen, wie „Schmarotzergesindel", „östliches Parasitentum" sowie den vielsagenden Hinweis: Wie dieser eine, so sind sie alle! Namentlich eine humorvolle Bemerkung über die Wasserscheu dieses „Paiesjuden" wäre des Erfolges sicher gewesen. Nun aber hat es mit Leib Flidermaus eine etwas andere Bewandtnis. Der „Amtliche Preußische Pressedienst" teilt mit, daß das Staatsministerium die Rettungsmedaille am Bande verliehen hat neben anderen an: Leib Flidermaus, Student in Berlin, für Rettung eines Menschen vom Tode des Ertrinkens. Und deshalb ist in der völkischen Presse der Name Leib Flidermaus nicht zu lesen. Merkwürdig . . . Ein Jude Vizefinanzminister der amerikanischen Regierung. Präsident Hoover ernannte zum Vizefinanzminister im neuen amerikanischen Kabinett den bekannten jüdischen Statistiker Dr. Julius Klein, der in den letzten acht Jahren Chefdirektor des staatlichen Bureaus für inneren und äußeren Handel der Vereinigten Staaten war. Zwei Todesopfer des Numerus clausus. Aus Mailand wird berichtet, daß dort in der letzten Woche zwei jüdische Studenten aus Ungarn, die wegen des Numerus clausus Ungarn verlassen mußten und Not litten, Selbstmord begangen haben. »M^-r^-yk Ehrung Bernard Barons. Die englische Königin hat bei Eröffnung eines Neubaues des Elisabeth Garrett Anderson Hospital dem ebenfalls anwesenden berühmten jüdischen Philanthropen Bernard Baron persönlich den Dank dafür ausgesprochen, daß er durch eine Schenkung von 5000 Pfund die Vollendung des Neubaues ermöglicht hat. Friedhofsschändung in der Tschechoslowakei. Dem „Pester Lloyd" wird aus Olmütz, Mähren, telegraphiert: Auf dem alten jüdischen Friedhof in Prerau. der seit 50 Jahren nicht mehr benutzt wurde, sind 38 Grabsteine umgestürzt und fachgemäß zerschlagen worden. Die Tat muß von einer ganzen Bande verübt worden sein. WctbdMciuMtenfürTkWafaluitl