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Die Wahrheit · 1929-05-10 · Heft 19 (10.5.1929) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 19 (10.5.1929)
Date
1929-05-10
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 n«imuiiniiniinuuiiHiiiniamninmmHmti rowHWtmwmiiimHmiiiuuMiiuHiiiH^^ DIE WAHRHEIT Jüdische Pfadfinder der Luftfahrt. Von Georg Gidalewitsch. Schon immer haben die Menschen sich bemüht, das Fliegen zu erlernen, und wir können die Berichte von mehr oder weniger tragisch endenden Flugversuchen bis in die neueste Zeit hinein verfolgen. Doch blieben alle diese Versuche ohne Einfluß auf die Entwicklung der Flugtechnik, und es blieb dem jüdischen Ingenieur und Flugforscher Otto Lilienthal vorbehalten, das Fundament des motorlosen Fluges zu legen. Er war der erste, dem in den Jahren um 1890 Gleitflüge von größerer Dauer und Länge gelangen. Lilienthal hatte Segelflugapparate konstruiert, mit denen er von erhöhten Punkten aus gegen den Wind schräg abwärts durch die Luft schwebte, bis er ohne Anprall den Boden wieder erreichte. Er hatte sehr viel solcher Segelflüge ausgeführt, anfangs mit kleineren Flügeln, von vierzehn Quadratmeter Fläche: später konstruierte er größere Tragflächen und Doppelflügel. Lilienthals Versuche waren für die damalige Zeit ein unerhörtes Wagnis. Der Apparat bestand aus länglichen, gerundeten, fledermausähnlichen Flügeln. Nicht sitzend, sondern in einer Oeffnung halb hängend, setzte Lilienthal mittels einer primitiven Steuerung seinen Apparat in Bewegung und suchte sich den Luftströmungen anzupassen. Von hohen Hügeln oder von einem Traggestell, das in Steglitz bei Berlin errichtet war, ließ Lilienthal den Flugapparat losgleiten und suchte, sobald er frei in der Luft schwebte, Gleichgewicht zu erhalten. Einmal mißglückte ihm so ein Flugversuch. Statt langsam von einem Hügel hinabzugleiten, sauste er mit großer Geschwindigkeit hinunter. Er wurde zum Glück in einen kleinen Sumpf am Fuße des Hügels geschleudert, so daß er mit zwar erheblichen, doch nicht lebensgefährlichen Verletzungen davonkam. Trotzdem gab er seine Versuche nicht auf. Doch am 12. August 1896 gelang es ihm wieder nicht, Gleichgewicht zu halten, stürzte ab und fand den Tod. Lilienthal, geboren am 3. Mai 1848, befaßte sich schon mit dem Flugproblem, als er kaum die Schule verlassen hatte. Zusammen mit seinem Bruder ging er dem Problem zu Leibe und ließ sich trotz aller Fehlschläge nicht entmutigen. Als er erkannte, daß er durch planloses Herumprobieren nicht zum Ziel käme, begann er mit systematischen Messungen und Aufzeichnungen, auf Grund deren er erst im Jahre 1889 wieder mit Flugversuchen anfing. Zunächst errichtete er in seinem Garten auf einem Rasenplatz ein Sprungbrett von nur einem Meter Höhe, und nachdem er von hier aus den Absprung unermüdlich geübt hatte, erhöhte er das Sprungbrett nach und nach auf 2,5 Meter, von wo aus er dann schon sicher und gefahrlos über den ganzen Rasenplatz schwebte. Erst dann wagte er sich an Abflüge aus größeren Höhen. Schon über tausend Flüge hatte er ohne Unfall hinter sich, als er aus 15 Meter Höhe abstürzte und am anderen Tag seinen schweren Verletzungen erlag. Noch wenige Wochen vorher hatte er in Berlin über seine Erfindung, seine Versuche und deren Resultate einen zusammenfassenden Bericht gegeben, und er sprach dabei die zuversichtliche Hoffnung aus, daß die von ihm geschaffenen Anfänge einer Fliegerkunst sich zu immer größerer Vollkommenheit ausbilden ließen. Aehnlich bedeutsam, wie Lilienthal für die Entwicklung des motorlosen Fluges, ist der Jude David worden. Ein geschäftiges Treiben und Wirken setzte ein; in jedem Hause fast war eine rührige Nervosität eingezogen. Jede junge Dame sah sich schon im Traume als erwählte Königin und die Mütter nahmen alle Lasten auf sich, ohne Murren und Knurren: hofften sie doch im stillen, daß die Schönheitskonkurrenz „praktische" Früchte zeugen wird und heiratsfähige junge Männer gab es in Bobrownik, unberufen, in Hülle und Fülle. Nur die Väter sahen dem Getriebe mit gemischten Gefühlen zu. Nicht nur mußten sie, mehr als ihnen lieb war, Geld für diesen Jux ausgeben, sondern sie mußten auch zusehen, wie Ruhe und Frieden zum Schornstein hinausgingen. Es war nicht mehr das Bobrownik von ehemals. Wo war die musterhafte Stadt Bobrownik? Eitelkeit hatte Platz ergriffen in den sonst so bescheidenen Bobrowniker Herzen. Neid und Mißgunst wurden größer von Stunde zu Stunde. „Wie, die Tochter der schwarzen Zipre bildet sich ein, erwählt zu werden? Was denkt denn dies häßliche Gewächs eigentlich, werden denn die Schönheitsrichter blind sein? Und die rote Bassje, dies ausgelassene Mensch, glaubt, mit ihrem unverschämt dekolletierten Kleid alle zu bezaubern? Und was bilden sich eigentlich die Ziegen des Reb Seinwel ein — glauben sie vielleicht, weil ihr Vater Vorsteher ist, daß sie die Schönsten sind in der Stadt?" Chuzpe, Unverschämtheit, Niedertracht, Koketterie und seufzende Väter in ganz Bobrownik! Natürlich mischten sich auch die Mütter in den Wettbewerb, das heißt, in die Vorarbeiten zum Wettbewerb. Nachbarn, sonst friedlich beieinander, wurden über Nacht zu Feinden; Freundinnen, seit Jahren ein Herz und eine Seele, sahen sich nur über die Schultern an; Brüder von Schwestern sagten sich Grobheiten, — es kochte, zischte und brodelte in Bobrownik. Und Reb Seinwel, der Urheber dieses Höliengetriebes, saß zu Hause, mitten zwischen seinen aufgeregten Frauenspersonen und konnte so am eigenen Leib erfahren, welchen Brei er da angerührt hatte. Er mußte sich gefallen lassen, daß seit Tagen die Nähmaschinen klapperten; er mußte zusehen, wie die Ruhe seines Heimes zerstört wurde. Kein Essen wurde zur rechten Zeit fertig; Tag war nicht Tag und Nacht war nicht Nacht, sondern es war ein Durcheinander von Tag und Nacht. Bis spät in die Nächte hinein fegte es in seinem Hause umher, und Reb Seinwel ward bald seines Lebens überdrüssig. Er .wurde zusehends weniger, seine gesunde Hautfarbe war geschwunden; aschfahl im Gesicht bewegte er sich umher, schleppend war sein Gang und seine Augen blickten müde um sich. Und wenn er durch die Stadt schlich, begegnete er abgehetzen, resignierenden Leidensgenossen. Einer fragte den anderen: „Nun, wie geht's?" „Wie's geht? Du siehst's ja", antwortete man und schleppte sich weiter. Und allnächtlich rief draußen im Wäldchen der Elende seine Kumpanen zusammen und führte mit ihnen wilde Tänze auf. Siegesfreude herrschte bei den roten Gesellen. „Seht," schrie der Obersatan, „seht, was ich aus Bobrownik gemacht habe!" * * * Acht Tage später schrieben alle Zeitungen der Welt: „Nun hat auch Bobrownik seine Schönheitskönigin! Im Rahmen eines Festes des „Vereines zur Pflege der Nächstenliebe" wurde eine „Miss Bobrownik" gewählt. Ueber den Verlauf der Wahl wird seltsamerweise nichts berichtet---" * * * Der Satan jedoch, dessen Namen in alle Ewigkeit verflucht sei, ist mit seinem Erfolg nur halb zufrieden. Er ist der Ansicht, daß Bobrownik noch nicht ganz vernichtet sei. Er plant jetzt die Wahl eines Mister Bobrownik---

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