Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 19 (10.5.1929)
- Date
- 1929-05-10
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 DIE WAHRHEIT Judentums, daß die Wertschätzung der Menschen nichts mit dem Zufalle der Geburt zu schaffen hat. Die jüdische Religion läßt jeden in der Religion, in der er geboren wurde, wenn er nur als pflichttreuer, ehrenhafter Mensch sich bewährt, der Seligkeit im Himmel teil werden, ohne ihn auf Erden unseliger Verfolgung preiszugeben. Das Judentum, das niemals an Missionäre zur Bekehrung Andersgläubiger gedacht, darf sich daher um so eher gestatten, den Renegaten, die sich aus seinem Kreise stehlen, seine Mißachtung zu bekunden. Das Bekenntnis eines Franz Molnars, des durch Geist wie durch Charakter ausgezeichneten Dichters, wird sicherlich auch außerhalb Ungarns lebhaftes Interesse erregen. Es wäre aber zu wünschen, daß es auch bei uns, wo so viele den Religionswechsel nicht viel anders wie einen Wohnungswechsel zu betrachten scheinen, als eine ernste Lehre und Mahnung aufgefaßt werde. Bei uns wird die Charakterlosigkeit des fahnenflüchtigen Renegaten durch die milde Nachsicht gefördert und unterstützt, die ihnen auch von jenen gewährt bleibt, die selbst treu ihrem Glauben bleiben. Bei uns hat man z. B. selbst den neulich erfolgten Austritt eines Mannes aus dem Judentum, der alle seine Erfolge der Ausschrotung des jüdischen Lebens verdankte, mit einem lächelnden Witzwort abgetan. Einer seiner Kollegen meinte, es sei nicht schön, daß er auch nicht einen kleinen Bruchteil seiner jüdischen Theatertantiemen als Kultussteuer opfern wolle. Man lachte und die Sache war erledigt. Franz Molnar urteilt schärfer über das Renegatentum. Sein Sinn für die Ehre des Judentums kommt auch lebhaft in der brandmarkenden Kritik zum Ausdrucke, die er über jene Juden fällt, die vergnügt und belustigt die albernen Scherze anhören, mit denen Operetten, Revuen usw. Juden zum Gegenstand ihrer dreisten Laune und ihres dummen Spottes machen. Dieses Dulden einer jüdischen Persiflage nennt mit Recht Molnar die unwürdigste Selbstverhöhnung. Er spricht da in erster Reihe von Budapest. Man sollte seine Zurechtweisung sich auch in Wien zu Gemüte führen. Ani. Unangenehme Genossen. In unserer vorletzten Nummer haben wir den jüngst entstandenen Konflikt in der „Vereinigung werktätiger Juden" ausführlich behandelt. Wir haben dabei mit aller Klarheit der Meinung Ausdruck gegeben, daß es sich bei den Poale-Zionisten im Kultusvorstand um Mandatare handelt, die „bei einer selbständigen Kandidatur angesichts des geringen Anhanges, den sie in der Wiener Judenschaft besitzen, mit Glanz durchgeflogen wären." Diese unsere Ansicht wird nun interessanterweise von „werktätiger" Seite bestätigt. In der letzten „Jüdischen V o 1 k s ze i t u n g", dem Organe der Vereinigung, findet sich an leitender Stelle ein Artikel, der nach seiner bissig-satirischen Schreibweise die Autorschaft des „werktätigen" Kultusvorstehers Gustav Moritz wohl nicht verleugnen kann. In diesem Aufsatze über den „Konflikt im Klub" lesen wir folgende, unsere Auffassung unterstützende Stelle: ..Der Hauptgrund, der zu einer so schweren Entfremdung zwischen der Gruppe der Poale-Zionisten und der der Sozialdemokraten im Klub der Mandatare der Wahlvereinigung geführt hat, ist, rein psychologisch erfaßt, einfach der einer ganz unverkennbaren Tendenz zur Hegemonie, einer ganz unersättlichen, nur schlechtverhehlten Machtgier, die sich nicht nur in allen politischen Belangen, sondern auch in der kleinlichsten Weise bei den verschiedensten Anlässen äußert. Und das Erstaunlichste ist, daß dieser stürmische Drang zu einer sowohl intellektuell, als auch politisch völlig ungerechtfertigten Omnipotenz bei Leuten vorhanden ist, die sich in Wien nicht einmal unter ährer alten Firma („P o a 1 e - Z i o n") aufzutreten getrauen. Ein teuflischer Plan. Von Josef Kaplan (Fulda). In einem der ruhigsten Eckchen von Gottes großer Welt liegt, eingehüllt in einem Nebel von Ruhe und Frieden, das brave Städtchen Bobrownik, dessen Bewohner keine Katze aus dem Ofen jagen können. Es sind gute stille Bürger, deren Herzensgüte und Liebe zur Kreatur soweit gehen, daß sie den ganzen Sommer hindurch Zucker für die Fliegen streuen und während des Winters Heizöfen in den Straßen aufstellen, damit sich die Vögel an ihnen wärmen können. Ihre Liebe zum Nächsten jedoch ist unbeschreiblich; sie ist so groß, daß sie fast unglaublich ist. Es soll Bobrowniker Bürger geben, deren einzige und größte Sorge, die Sorge um das Wohlergehen des Nachbarn ist! Versteht sich, daß das ein Musterstädtchen ist, in dem geradezu paradiesische Zustände herrschen. Friede und Eintracht sind dort zu Hause; Neid und Haß kennt man dort nur aus Berichten von der Außenwelt, und wehe dem Bobrowniker. dem es einfallen sollte, auch nur mit einem Auge schief nach einem Mitmenschen zu schielen! Kurz: unglaublich, aber — ihr seht es ja! In dieses Musterstädtchen also kam eines Tages der Satan, verflucht sei sein Name in alle Ewigkeit, um einmal, wie das so seine Art ist, nach dem Rechten zu sehen. Das heißt, er wollte vielmehr nach dem Linken Ausschau halten, denn nur dafür hat er ein Interesse; das Rechte ist ihm, dem Verfluchten, wie ein Dorn im Auge! Aber in Bobrownik, wo alles nur mit rechten Dingen zuging, fand er kein Gebiet für seine dunklen Pläne. Alles, was er anfing, ging fehl. Seine schönsten Pläne wurden zu Staub, keinen einzigen seiner Tricks konnte er anwenden. An der Anständigkeit der Bobrowniker zerschellten alle teuflischen Versuche und es sah aus, als müsse der tausendmal Verfluchte unverrichteter Dinge wieder abziehen, ohne eine einzige Bobrowniker Seele für sich gewonnen zu haben. Es war bitter, sehr bitter für den, dessen Namen auszusprechen mir ein Greuel ist. Der Teufel war sehr niedergeschlagen. Eine solche Niederlage hatte er noch nicht erlebt. Ueberall und allerwärts flogen ihm die Seelen nur so zu und hier, in diesem Bobrownik — es ist einen Schande — war er so machtlos, so unbeliebt, wie ein Jude in Ungarn oder Rumänien. Es war, wie gesagt, für den „bal dower" äußerst blamabel und niederschmetternd und nur eine ganz grandiose und mutige Idee konnte den sonst so Siegreichen vor der herannahenden Verzweiflung bewahren. Es war eine grausig finstere Nacht: wie Gespenster zogen die Wolken den Himmel entlang; beängstigend rauschten die Bäume und unheimlich grillte und zirpte es, während ein Wind alles durcheinander wirbelte, was auf dem Pflaster von Bobrownik lag. Im grünen Wäldchen aber, vor der Stadt, ging es noch unheimlicher zu. Da hauste der Satan, umgeben von dienstbaren Geistern. Hei, wie es summte und surrte, wie es kreischte und zischte, wie es blitzschnell um die Baumstämme herumfuhr, wie es höhnisch lachte an allen Enden und Ecken des sonst so ruhigen und schweigsamen Wäldchens, zu dem die Bobrowniker seit Menschengedenken pilgerten, um frische Luft zu schöpfen. Hei, wie es rumorte, wie die Blätter umherflogen, wie Baum und Stein erzitterten vom teuflischen Geschrei! In jener Nacht also, schuf der Gehörnte einen Plan, wie er teuflischer nicht erdacht werden konnte. Nur ein solch Verworfener konnte eine solche Idee ausbrüten.