Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 19 (10.5.1929)
- Date
- 1929-05-10
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis dieser Nummer 50 Groschen Vartffcnfik&iiiifca 4er „Uaion deutsdhösterr. Juden* «ai*e» «Amtftdiaa Vcrlatttbantfigcn der Israelitischen Kolfuggemeinde Wie»" MMKBBBummmmammmmBBmMmmmmmmamaaammmnmmm Redaktion und Administration: Wion IL, Heinestrafie Nr. IS — Tetepkon R 42-2-16 XLV. Jahrgang Wien, 10. Mai 1929 Nummer 19 Ein stolzes Bekenntnis. Einige Lehren für Juden und für Renegaten. Franz Molnar, der ungarische Dramatiker, dessen Werke ihn nicht nur zu einer europäischen, sondern zu einer dominierenden Größe auf den Brettern machten, die, wenn auch nicht die Welt, so doch die Welt des Theaters bedeuten, hat vor kurzem sein fünfundzwanzig jähriges Jubiläum als Dramatiker gefeiert. In verhältnismäßig noch sehr jungen Jahren. Er ist nämlich noch wirklich jung, trotz des schneeweißen Hauptes, das schon den Dreißigjährigen schmückte. Was Franz Molnar für die Literatur, für das Theater ist, weiß jeder, der nur einen flüchtigen Blick hl die Kürtstrttbrik der Tageszeitungen zu werfen gewohnt ist. Was Franz Molnar für das Judentum bedeutet, darüber haben nunmehr die in dieser Frage zunächst Interessierten, nämlich die Juden, eine authentische, unzweideutige, vollauf befriedigende Antwort erhalten. Sie stammt von dem Dichter selbst. Molnar hat den seinen Namen umschwirrenden häßlichen Gerüchten, die geeignet waren, nicht sein Genie, wohl aber seinen Charakter in ein zweifelhaftes Licht zu rücken, gründlich ein Ende gemacht. Er hat die Veröffentlichung eines Interviews autorisiert, in welchem er sich eingehend über seinen literarischen Werdegang, seine Stellung als Patriot zum Ungartum äußert, aber auch klipp und klar sein Verhältnis zum Glauben seiner Väter, zum Judentum, feststellt. Franz Molnar ist Jude und weist mit Entrüstung und Verachtung die Zumutung zurück, daß er jemals daran gedacht hatte, seine Religion zu verleugnen. Der Molnar kollegial und verwandtschaftlich nahestehende Interviewer hatte die Frage nach dem Religionsbekenntnisse des von schier beispiellosen Erfolgen auf die Höhe des Ruhmes getragenen Dichters nicht ohne Grund selbst als „eine heikle" bezeichnet. Sie ist es in der Tat und dürfte an so viele mehr oder minder hochragende Köpfe im Dichter¬ und Schriftstellerwalde nur mit großer Vorsicht gerichtet werden. Und zwar aus Besorgnis, der Gefragte könnte dadurch in eine peinliche Verlegenheit gestürzt werden. Von den vielen, vielzuvielen, die sich, ohne auf irgendwelche mildernde Umstände wie z. B. Heinrich Heine berufen zu können, aus dem jüdischen Religionsbekenntnisse flüchten, haben die Wenigsten nachträglich den Mut gefunden, gleich Heine öffentlich diesen Schritt als eine schmachvolle Venrrung zu bekennen, wenngleich so mancher in seinem Innern sich doch gelegentlich ähnliche Geständnisse machte. Franz Molnar konnte stolz erhobenen Hauptes mit ruhigem Gemüte dem tückischen Gerüchte die ebenso drastischen wie überzeugenden Worte entgegenschleudern: „Ich weiß davon. Ich kenne das alberne Geschwätz. Ich höre es nicht zum erstenmal und ich sage es bestimmt nicht zum letztenmal, daß ich darauf pfeife. Nimm das, was ich Dir sagen werde, bitte, sehr ernst. Ich habe kein Gefühl für Übertreibungen. Ich bin ein Jude. Ich habe mich nicht taufen lassen und ich werde mich nicht taufen lassen, und je schlechter es den Juden ergeht, desto eher bleibe ich bei meinem jetzigen Zustand. Ich gestehe es, daß ich Jude bin, ich bekenne es, daß ich Jude bin, trotzdem dies kein besonderer Empfehlungsbrief ist, weder daheim in Ungarn, noch im Ausland." Franz Molnar brandmarkt mit diesem Bekenntnis die Fahnenflüchtigen, die irgendwelcher schnöder Vorteile willen den Glauben ihrer Väter verleugnen und damit sowohl der Religion, in der sie geboren, wie der Pietät für ihre Ahnen, denen dieser Glaube als das Heiligste galt, ins Antlitz schlagen. Franz Molnar will den Vorurteilen, unter denen der Jude zu leiden hat, kein Opfer der Ehre bringen und gerade im Sinne des Judentums durfte er mit Stolz hinzufügen, daß für ihn, wie für jeden vom Geiste der jüdischen Religion Beseelten nicht das der Gesichtspunkt zur Beurteilung der Menschen sein könne, in welcher Religion sie geboren wurden. „Ich bin nicht — erklärte er — und war auch niemals Anhänger einer Wertschätzung, die auf konfessioneller Grundlage zu erfolgen hat, und ich halte das Eindringen des Konfessionellen besonders auf das Gebiet der geistigen und überhaupt der produktiven Arbeit für überaus schädlich." Das ist auf dem Boden des gegenwärtigen Horthy-Ungarns deutlich genug gesagt. Dort wird jetzt dieser Standpunkt der absoluten konfessionellen Vorurteilslosigkeit ungeteilte Zustimmung nur bei den Juden finden, mögen sie der orthodoxen oder der freisinnigeren Richtung huldigen. Denn allen Juden gilt es als einer der höchsten Grundsätze des 9