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Die Wahrheit · 1929-04-05 · Heft 14 (5.4.1929) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 14 (5.4.1929)
Date
1929-04-05
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite % ««*" m DIE WAHRHEIT Ueberzemgting dem Willen der Nation zu trotzen und achselzuckende Wegwerfung den Gütern entgegenzubringen, für die die Nation Staatsglück und Volkseinheit, Land und Macht hat hingeben müssen, um sie gegen ein zweitausendjähriges Martyrium einzutauschen. Ziehet im ihnen das Gesamtbewußtsein groß und lasset sie das jüdische Gesetz als bis zur Stunde geltendes, weil von keiner zuständigen Stelle abrogiertes Recht des jüdischen VoJkes erkennen, dem kein treuer Sohn seines Volkes je den Gehorsam weigern darf . . . / Folget Don Quichotte i Spanien! Ein Wort, das wie eine Wand von strenger hoher schwarzer Seide, bestickt mit düsteren roten Runen der Weltgeschichte aufrauscht. Eine feierlichsteife Infantinkrause, aus der ein marmorbleiches adelig-müdes Antlitz blickt Eine gewaltige stumme Skulptur, wie die Kolossalstatue Ramses IL, irgendwo vergessen, außerhalb des europäischen Geviertes, zwischen Wüste und Dattelpalmen hingestreckt. Ein Museumstück fern dem Interesse des Tages, seit jahrzehnten eine ständige Nicht-Aktualität Europas. Seit dem spanisch-amerikanischen Kriege scheint dieses Land Torquemadas und Don Quichottes endgültig vom Schauplatz der Geschichte abgetreten zu sein, um, wie jener spanische Grande Don Ranudos di Colibrados in der Holbergschen Komödie, das Leben nur von den Brotkrumen eine ruhmreichen Vergangenheit zu fristen. Aber es hat sich gezeigt, daß dieser Geschichtskrater an der äußersten Westkante Europas nur anscheinend ein erloschener Krater ist, in dessen Innern neue Lava kocht und zum Ausbruch drängt. Eingeweihte wußten, daß eine junge spanische Generation herangewachsen war, die, der nichtsnutzigen kulturellen Eskorialabgeschiedenheit überdrüssig, den Anschluß an freies und freiheitliches Europäertum suchte und sich durch Exzesse des senilen Regimes nicht beirren ließ. Auch der Staat des klassischen Absolutismus und der konfessionellen Intoleranz, in deren Zeiten noch zu Beginn des XIX. Jahrhunderts Hexenverbrennungen stattgefunden haben, vermochte sich auf die Dauer den großen Problemen der Neuzeit, der politischen Demokratie und der sozialen Frage nicht zu verschließen .... Heute ist dieses Spanien, bisher das Aschenbrödel des Weltinteresses, wieder zur Weltaktualität geworden: heute steht dieser Staat in hellen Flammen, im weithin sichtbaren Feuerschein eines Bürgerkrieges, heute bietet dieses Spanien das Bild eines Volke«, das sich im Gegensatz zu seinem lateinischen Schwestervolk italienischer Zunge mutig der faszistischen Diktatur eines ehrgeizigen Generals entgegenwirft. Und wenn ein solcher Freiheitskampf auch nicht spezifisch spanisch genannt werden kann, so starrt doch dem verblüfften und empörten Zuschauer aus den Kampfmitteln, deren sich der jetzige Diktator Spaniens zur Niederwerfung des Volkswillens bedient, die charakteristische altspanische Fratze dar Inquisition und der Ketzerriecherei entgegen. Was der italienische Mussolini in seinen schlimmsten Tagen nicht über sich gebracht hat, der Spanier Primo de Rivera dekretiert es mit einem Federstrich: die Vogelfreierklärung aller Bürger, „die Unglück für das Land voraussagen, eine herausfordernde Sprache führen oder sich als hetzende Pessimisten hervortun". Wer hört aus diesem Dekret des Enkels nicht die Sprache der Vorfahren, der Großinquisitoren und Ketzermeister des „glorreichen" Ph'lipp II. heraus? Welchem Europäer steigt nicht über diesen schändlichen Anachronismus das Blut ins Gesicht? In diesen für das spanische Volk so schicksalschweren Tagen kommt gerade zur rechten Zeit ein Werk auf den deutchen Büchermarkt, das sich mit Spanien beschäftigt und den Stockholmer Oberrabbiner Marcus Ehrenpreis zum Verfasser hat. Das Buch*), das eine ungeheure *) Marcus Ehrenpreis, Das Land zwischen Orient und Okzident. Mit einem Vorwort von Alfons Paquet. Welt-Verlag, Berlin 1928. Fn'edlänfer i UM E™ ~ VI NVIf IVlIlV Seltenstettengasse 2 Tel. U 28-1-28 XI., Zentralfriedhof, neben dem 1. Tor, Tel. U18-0-85 CENTRALKINO Wien II., TaborstraBe 8 - Tel. R 42-3-41 UR- UND ALLEIN AUFFÜ HRUNG des groSen JOC NAY-runs der ERICH POMMER-PRODUKTION der ,.OTA" ASPHALT mit Gossa? rröhiitii und Betiu Amann Beginn der Vorstellungen: 726, i/ß und 9 Uhr Verbreitung in Schweden gefunden hat. nennt sich im Untertitel bescheiden „Spanische Reise eines Juden", und es mag vielleicht manche geben, die in Kenntnis des Umstandes, daß der Verfasser ein jüdischer Rabbiner ist, ironisch oder geringschätzig die Achseln zucke« werden; Nun, dieses Buch Ist wohl von einem Juden geschrieben worden, der einen Wert darauf legt, sich von vornherein als solchen zu bekennen und seinen Lesern zu sagen, wie er als J u d e Spanien gesehen und durchwandert hat: aber wer nur die ersten Seiten dieses Buches durchblättert, merkt sofort, daß hier die Seele eines edlen, reinen Weltmenschen schwingt, dar, mit seltenem Feingehör ausgestattet, den Blutströmen einer alten Kultur nachhorcht, in die auch der Blutstrom seines Volkes hineinrauschte. Dieser Stockholmer Rabbiner ist Historiker und Aesthet, Gottesmann und Weltmann, Gelehrter und Dichter zugleich. Er sagt in der Einleitung: „Dies ist für mich keine Touristenfahrt in ein fremdes Land. Spanien ist für mich ein geistiges Heimatland, in dem ich seelisch einen Teil meiner Jugend verlebte. Das jüdische Spanien bedeutete für mich Licht und Finsternis, Aufschwung und Erniedrigung. Dort erlebte ich das goldene Zeitalter des jüdischen Geistes, dort habe ich am Tajo und am Guadalquivir mit einem neuen Geschlechte gotterfüllter Psamisten und Verkünder Umgang gepflogen — den einzigen Fackelträgern im finsteren Mittelalter. Dort habe ich auch mit den schwergeprüften Opfern der Inquisition gelitten. Ich folgte den Vertriebenen auf ihrem tragischen Weg hinaus in die weite Welt. Ich bin seelisch verbunden mit diesem Lande, das mich zugleich anzieht und abstößt. Reist man nach Spanien, so reist man im gewissen Sinne in ©ine Hochschule für Kulturprobleme, wo wir alle manches zu lernen haben. Und in der Tat: dieses Buch ist kein Bädecker, äst keine Kompilation eines fleißigen Bücherwurms, sondern — wie Zola das einmal in seiner Definition vom Kunstwerk gesagt hat — ein Stück Natur, gesehen durch ein glänzendes geistiges Temperament. Als echter, begnadeter Dichter, der Marcus Ehrenpreis ist, vergißt er sofort beim Betreten des spanischen Bodens den profunden Gelehrten und Kenner der spanischen Geschichtet, der er von Haus gewesen war; ein Dichter von tiefster Eindringlichkeit und Anschaulichkeit, wandelt er durch das ihm so teuere und vertraute Gedicht Spaniens. Ihm wird Geschichte zur Architektur und Architektur zur Geschichte. Wie prachtvoll weiß er die Synthese von Okzident und Orient darzustellen, die er besonders in Südspanien, in Toledo und Granada beisammen findet! Er läßt sich vom Madrider Forscher und Dichter Rodriques Marin in das historische Archiv der Madrider Nationalbibliothek führen, blättert tief erschüttert im „Catalogo de causas del Tribunal de la Inquisicion de Toledo" und stöhnt auf: „Es flimmert mir vor den Augen. Es ist, wie wenn Flammen aus diesen Blättern hervorzüngelten. Man fühlt zitterndes Leben hinter jedem Namen, himmelschreiende Not, Verzweiflung, Seelenpein, namenloses Leiden. Es ist wie wenn Geschlechter verschwundener Zeiten aus ihren Gräbern emporstiegen und mit tausend und abertausend Zungen die ihnen angetane Unbill einer fernen Nachwelt zuriefen-" Auf einem Gang durch die Kathedrale erscheinen ihm die diensttuenden Priester wie Inquisitoren, die brennenden Kerzen wie Fammen von Scheiterhaufen. Rings um sich sieht er verurteilte Märtyrer mit schreckerfullten Augen, Augen, die fragen, flehen, anklagen, aus denen das Weh der ganzen Menschheit, der Jammer des Erdendaseins der Nachwelt zuruft: Warum ist all das über uns gekommen?

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