Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1929-04-05 · Heft 14 (5.4.1929) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 14 (5.4.1929)
Date
1929-04-05
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3062972-3064197-3064211--17064-3087153
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Preis dieser Nummer 50 Oroschen m»M V«f«ffcatßA«sfta des Jiakm deufsc&öster?. JodcoP «4 fe» «Amflidiea VcrUrafbaroftgcn der forae&ftgdics KtrituRgemeinde Wiea" Redaktinn und Administration: Wien II., Helnestraße Nr. 18 — Telephon R42-2-16 XLV. Jahrgang Wien, 5. April 1929 Nummer 14 Adolf Sonnenthal Zu seinem zwanzigsten Todestag. Am 4. April 1909 verbreitete sich in der Nacht die Hiobsbotschaft, Adolf Sonnenthal, die Stütze und der Stolz des Burgtheaters, sei in Prag plötzlich einem Schlaganfall erlegen. Am nächsten Tag trauerte ganz Wien um seinen Liebling. Heute, wo das Burgtheater das Publikum zwar weniger durch seine künstlerischen Leistungen als vielmehr durch das Auftreten ganz unkünstlerischer Strömungen fesselt, ist es Pflicht, eines Mannes zu gedenken, der nicht nur ein großer Künstler war — einer der besten, die das Burgtheater je besessen —, sondern auch überzeugter Jude. Keines von beiden, weder sein Künstlertum noch sein Judentum, hat man ihm übel genommen, weder sein energisches und selbstbewußtes Eintreten für die Kunst noch auch seine Abstammung aus einem guten jüdischen Bürgerhaus wurde damals zum Anlaß genommen, um gegen ihn ein „Verfahren" einzuleiten. Im Gegenteil, man überschüttete ihn mit den höchsten Auszeichnungen, die nur ein Künstler erlangen kann, während das Publikum, ein feinfühliges, kunstverständiges und von keinerlei Schlagworten aufgehetztes Publikum, Sonnenthal, seinen Sonnenthal, über alle Maßen verehrte. Bei seinem Begräbnis war ganz Wien auf den Beinen. Vor dem Leichenbegängnis wurde sein Testament eröffnet, das er eigenhändig sieben Jahre vorher verfaßt hatte. „Mein Leichenbegängnis soll natürlich nach jüdischem Ritus vollzogen werden; ich habe als Jude gelebt undwillalssolcherbegraben werden'\ hieß es wörtlich in dem Testament. Er wünschte ferner, wenn er außerhalb Wiens von dem Tode ereilt werden sollte, in seine von ihm über alles geliebte Heimatstadt Wien überführt und am Döblinger Friedhofe beigesetzt zu werden. Er bat letztwillig die Kinder, ihm einen Palmzweig auf den Sarg zu legen, die Kränze und Blumen der Freunde lehnte er dankend ab. Trotzdem folgten damals sechs schwerbeladene Blumen wagen dem Galafourgon der israelitischen Kultusgemeinde, der vor der Beisetzung zum Burgtheater fuhr. Er, der große Meister der Schauspielkunst, der jubelumrauscht und von nicht-enden-wollendem \ Beifall umgeben auf der Bühne zu stehen' pflegte, stand demutsvoll an Freitag-Abenden und Samstag vor seinem Gotte: denn er war nicht nur Jude, sondern auch guter religiöser Jude, der dem Glauben seiner Väter als armer Schneidergeselle*) — so begann er nämlich seine Karriere — wie als gefeierter Künstler unverbrüchliche Treue bewahrte. Als er einmal bei einer großen Feier im Stadttempel zur Thora aufgerufen wurde, trug er mit seiner schönen, warmen und kraftvollen Stimme die Segenssprüche über die Thora so deutlich vor, daß jede Silbe bis in den letzten Winkel des ehrwürdigen Gotteshauses vernommen werden konnte. Im großen Tempel in der Tempelgasse betete er zu Kol-Nidre einmal in der Loge die „AI-cheten" voller Inbrunst, die rechte Hand auf das Herz legend, daß alle Umstehenden von der Weihe des Gebetes ergriffen wurden. Mit Wehmut gedenken wir heute des großen Künstlers, der nicht mehr unter uns weilt, und ein Gefühl des Stolzes beschleicht uns bei dem Gedanken, daß neben Männern der Wissenschaft auch Künstler aus unseren Reihen hervorgegangen sind wie Adolf Sonnenthal. Der Sonnenthal-Gedenktag wird gewiß feierlich begangen werden. Das Burgtheat e r wird vielleicht in der Galerie eine Gedächtnis- *) Der Lehrbrief des Budapester Schneidermeisters namens Wilhelm P r a g e r, bei dem er die Schneiderei erlernte, lautet in seiner komischen Stilisierung wörtlich: „Endesgefertigter bezeugt hiemit zur Steuer der Wahrheit, daß der Adolf Sonnenthal von hier gebürtig, bei mir vom 1. November 1848 bis 1. November 1850 das Schneiderhandwerk erlernte und während dieser Zeit ehrlich, treu, geschickt, arbeitssam und überhaupt sehr musterhaft betragen, so daß ich demselben nur auf sein eigenes Ansuchen, um in der Fremde sich in seinem wohlerlernten Handwerk zu vervollkommnen, entlasse. Mit dem besonderen Beifügen, daß er in allen seinen Unternehmungen ebenso glücklich sein inöue. als ich mit demselben stets zufrieden war, und er zu st in verdient. Pesth, den lten November 1850." Sonnenthal kam nach Wien und schneiderte da zunächst weiter. Das bezeugt sein „Geselleneinbringungsbücher. in dem es wörtlich heißt: „Für den Oesellen Adolf Sonnenthal, gebürtig von Pest, 17 Jahre alt, ledig, zugereist November 1850, freigesprochen in Pest bei Lehrmeister Prager, in die Arbeit eingebracht am 25. November 1350 bei Meistet Josef Peschek in der Stadt Nr. 767, sogenannt FederlhotV (Jetzt Wollzeile 3.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.