Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 6 (8.2.1929)
- Date
- 1929-02-08
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis dieser Nummer 50 Groschen 'smelüJwfcficift ßät äm VerQffenfttdiiiBgeti der „Union detttsdiftsterr. Juden" den »Amf&chea Verlautbarungen der Israelitfedieii Ktdrosgemeinde Wien" Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße Nr. 13 — Telephon R42-2-16 XLV. Jahrgang _ Wien, 8. Februar 1929_Nummer 6 Die Vorgänge in der Kultusgemeinde. \^ In Nr. 5 unserer Wochenschrift vom 1. Februar 1929 haben wir auf zahlreiche Anfragen geantwortet, daß wir, insolange die Verhandlungen zwischen den Klubs der unionistischen und der zionistischen Vertreter geführt werden, hierüber nichts berichten wollen, weil ein vorzeitiges Eingreifen keinesfalls für die Verhandlungen förderlich sein kann. Wir haben es für ein Gebot der Loyalität angesehen, Verlautbarungen zu unterlassen, in solange die Verhandlungen nicht abgeschlossen oder gescheitert sind. Da diese Verhandlungen nunmehr zum Wohle der Gemeinde erfolgreich abgeschlossen sind, wollen wir heute deren Verlauf darlegen: Bekanntlich sind von der Liste der Union 18 Vorstandsmitglieder gewählt; die Zionisten haben 12, die Misrachisten 1 Kultusvorsteher, während die Partei der Werktätigen Juden 5, die Unpolitische Vereinigung 1 Kultusvorsteher durchbrachte; Es stehen sohin den 18 Mitgliedern der Union 12, bzw. 13 Zionisten, 5 „Werktätige" und 1 Kultusvorsteher der Unpolitischen Vereinigung gegenüber. Die konstituierende Sitzung, bei welcher der Präsident, die beiden Vizepräsidenten und das aus acht Mitgliedern bestehende Vertreterkollegium zu wählen sind, fand am 3. Jänner 1929 statt. Jeder mußte glauben, daß alle Parteien bei der Wahl des Präsidenten ihre Stimmen auf Herrn Professor Dr. A. Pick vereinigen werden, schon deshalb, weil dessen objektive Geschäftsführung immer von den Parteien gerühmt wurde, und gerade die Zionisten wiederholt erklärt hatten, daß sie für Herrn Prof. Dr. Pick die größte Verehrung hegen. Als es nun zur Wahl des Präsidenten kam, war von dieser Verehrung seitens der Zionisten nichts zu sehen. Denn das Skrutinium der für die Präsidentenwahl abgegebenen Stimmen zeigte, daß außer den unionistischen Kultusvorstehern noch die Partei der werktätigen Juden Herrn Prof. Pick zum Präsideten gewählt hatten (18+5), daß aber gerade die Zionisten und mit ihnen Herr Dr. Landau nicht dem bisherigen Präsidenten, sondern dem Obmanne des zionistischen Klubs, Herrn Dr. Friedmann ihre Stimmen gegeben hatten, so daß auf diesen 13 Stimmen entfallen waren. Dieses Vorgehen der Zionisten erhellte plötzlich mit grellem Lichte die ganze Situation. Diese Partei war offenbar nicht willens, die von der Union in das Präsidium zu entsendenden Herren zu wählen. Sie glaubte aber, daß der Klub der Unionisten trotzdem Herrn Dr. Löwenherz zum Vizepräsidenten wählen werde. Die Zionisten wählten auch Herrn Dr. Ornstein nicht zum Vizepräsidenten, gaben nicht einmal bei dieser Wahl leere Stimmzettel ab, sondern wählten in beiden Wahlgängen Herrn Dr. Löwenherz. Selbst die Kultusvorsteher der werktätigen Partei hatten, als es sich um die Wahl der beiden Vizepräsidenten handelte, leere Stimmzettel abgegeben. Es zeigte sich also, daß die Zionisten, welche in der Folge als so leidenschaftliche Anhänger des Proporzgrundsatzes auftraten, diesem Grundsätze nur dann huldigen, wenn es sich um die Wahl ihres Kandidaten handelt, daß sie ihn aber dort nicht respektieren, wo es sich um Rechte anderer Parteien, zumal der Union, handelt; sie glaubten einen Freibrief dafür zu haben, in das Präsidium nur ihren Kandidaten zu wählen, aber trotzdem verlangen zu dürfen, daß die unionistischen Kultusvorsteher Herrn Dr. Löwenherz zur Vizepräsidentenstelle verhelfen müssen. Hierin sahen sie sich nun bitter getäuscht. Denn es war für die unionistischen Kultusvorsteher ganz selbstverständlich, daß sie, da die Zionisten weder Herrn Prof. Dr. Pick noch Herrn Dr. Ornstein gewählt, ja nicht einmal leere Stimmzettel bei diesen Wahlen abgegeben hatten, ihre Stimmen bei der Wahl des zweiten Vizepräsidenten auf ihren Klubobmann, Herrn Dr. Ticho zu vereinigen haben. Herr Dr. Josef Ticho wurde sohin zum Vizepräsidenten gewählt, denn für ihn stimmten die 18 Mitglieder der Union, während Herr Dr. Löwenherz nur 13 Stimmen erhielt; die „Werktätigen" haben, wie dargelegt, auch diesmal leere Stimmzettel abgegeben. Daß diese Wahl vollkommen legal erfolgte, liegt klar auf der Hand, weil eben leere Stimmzettel bei Wahlen nicht zu berücksichtigen sind. Dies ist ein altbekannter Grundsatz; es genügt, urn nur ein Beispiel aus der jüngsten Zeit anzuführen, auf die Wahl unseres Bundespräsidenten zu verweisen, dessen Wahl erfolgte, weil die Sozialdemokraten leere Stimmzettel abgegeben hatten. Die Zionisten waren auch nicht in der Lage, eine einzige Bestimmung im Statut oder in der Wahlordnung anzuführen, die