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Die Wahrheit · 1929-01-18 · Heft 3 (18.1.1929) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 3 (18.1.1929)
Date
1929-01-18
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 »iiHwiummiimwnmunumiiuumHuiumiMMmHw^ DIE WAHRHEIT Bis auf die völlig Arbeitslosen können alle erwachsenen Einwohner diesen geringen Beitrag leisten. Warum mußte nun dieser Lärm wegen Entziehung des allgemeinen Wahlrechtes gemacht werden und Mr. Wedgwoode zu jener Anfrage im Parlamente veranlaßt wrerden, die zu der beschämenden öffentlichen Erklärung über die finanzielle Zerrüttung in Tel-Aviv geführt hat?" Wahrlich, wer diesen Bericht liest, könnte vermeinen, einen „unionistischen" Wahlredner aus dem Kultuswahlkampfe zu hören; mit weichern Hohne wurden die gegen die Einführung des allgemeinen Wahlrechtes in der Wiener Kultusgemeinde gerichteten Ausführungen von seinem jüdischen Protagonisten aufgenommen und nun erhalten alle ihre Argumente durch das Schicksal der Gemeinde Tel-Aviv ihre Rechtfertigung. Und nun: M e r k's W i e n! merkt es Ihr Wiener Kultuswähler! Soll das allgemeine Wahlrecht auch in unserer Kultusgemeinde seinen Einzug halten! Tel-Aviv wurde durch das allgemeine Wahlrecht bankerott! In der Geschichte dieser Gemeinde seht Ihr das Spiegelbild der Zukunft unserer alten Wiener Kultusgemeinde! Rückkehr zum alten Glauben. (Schluß.) „Zeichen und Wunder geschehen", heißt es in unserer alten Hagadah! Etwa vor zehn Jahren, eines Freitag abends, kam in die Synagoge zu Lissabon ein portugiesischer Hauptmann und bat den Präsidenten, Professor und Redakteur der Tageszeitung „O Secolo", Moses B. Amzalak, dem Gottesdienste beiwohnen zu dürfen. Er kam noch einigemal und dann erklärte er seinen neuen Freunden, er wolle zum Judentume übertreten. Seine Mutter war Katholikin portugiesischer Abstammung, sein Vater aber Marane, der an den jüdischen Gebräuchen stets festgehalten hatte. Er selbst habe während des Weltkrieges, speziell in Frankreich zu seinem größtem Erstaunen und zu seiner größten Freude erfahren, daß es in Bordeaux, In Paris. Amsterdam und in London noch portugiesische Juden gäbe. Nun sei er fest entschlossen, den jüdischen Glauben anzunehmen. Tatsächlich war er — Barros Basto — seit vielen Jahrhunderten der erste Marane, der offen in das Judentum zurückkehrte. Anfangs belächelten viele diesen „bizarren" Einfall, aber gar bald entstand eine religiöse Bewegung, wie sie der Gegenwart noch nie bekannt war. Hunderte, ja Tausende, jung und alt. Männer und Frauen. Gelehrte. Aerzte. hohe Offiziere und Beamte, anderseits wieder Kleinkaufleute, Handwerker, Taglöhner, Leute, die auf hoher Stufe portugiesischer Kultur standen, erinnerten sich auf einmal, daß sie jüdischer Abstammung seien und daß sich ihre Ahnen vor vielen Jahrhunderten zum jüdischen Glauben bekannt hatten. Vergebens wurde von kirchlicher Seite darauf hingewiesen, daß ja von einer reinen unvermischten Abstammung von den alten Juden her keine Rede sein könne, weil doch fortwährend Mischehen zwischen der alten christlichen Bevölkerung und den sogenannten „Christuos Novos" eingegangen worden waren; aber die Bewegung griff immer weiter um sich. Barros Basto, oder wie sein hebräischer Schriftstellername lautet, „Ben-Rosh", der mittlerweile in Porto eine hohe militärische Stellung eingenommen hatte. Ist der unermüdliche Führer und gegenwärtig auch der Präsident der dortigen Gemeinde. Er gibt eine eigene Zeitschrift. „Ha-Lapid", portugiesisch „O Facho" („Die Fackel"), heraus. Sie unterscheidet sich wesentlich von allen jüdischen Blättern und Zeitschriften der übrigen Welt. Hieß es doch schon im 16. Jahrhundert in Holland, die Maranen wären Christen ohne Glauben und Juden ohne Religionsbekenntnisse! Hier wußten alle die vielen Tausende, die nun zu ihrer jüdischen Religion wieder zurückkehrten, von Ihr so gut wie gar nichts. Im „Ha-Lapid" werden nun die Grundbegriffe der jüdischen Religion, die Gebete und Feste, die Vorschriften und Feuilleton Lessing. Zum 200. Geburtstag am 22. Jänner 1929. Im Jahre 1862. als die Errichtung eines Lessing-Denkmals geplant war, schrieb Doktor Abraham Geiger, der berühmte Vorkämpfer der Emanzipation der Juden, folgenden „Aufruf, namentlich an die Juden", der auch heute noch seine Aktualität hat. Er sei deshalb zum 200. Todestage des großen Dichters des „Nathan" hier wiedergegeben: Seinem eigenen Genius setzt ein Volk Denkmale, wenn es dessen edelsten Trägern, seinen großen Männern, solche errichtet; sie lehren es, was es vermag und was es soll, nicht bloß was der einzelne in der Vergangenheit geleistet hat. Schon in der ehrenden Anerkennung, die es dem großen Manne beweist, liegt die Bürgschaft dafür, daß es ein Verständnis für ihn hat, daß es selbst der treibenden Kraft nicht entbehrt, die den Gefeierten zum Geisteshelden erhoben hat. Ganz besonders liegt ein solcher Ausdruck des Selbstvertrauens und der ermutigenden Anregung in dem Entschlüsse, Gott hold Ephraim Lessing neben Schiller und Goethe ein Denkmal zu errichten. Von dem Andenken dieser beiden Lieblinge der Musen ist längst aller Erdenstaub abgeschüttelt; ihr ganzes Wirken steht vor uns in idealer Verklärung, ihre ganze geistige Arbeit, das was uns von ihnen geblieben und worin wir ihr Abbild sehen, ist emporgehoben über den täglichen Lebenskampf, ist ohne Berührung mit den sich immer wiederholenden und quälenden Aufgaben der Geschichte den Idealen zugewandt, die aus heiterer Höhe bald mild, wie die Sterne, bald wärmend und zeitigend, wie die glühende Sonne herniederleuchten. Selbst der Lebenskampf Schillers ist nun, da er in die Ferne gerückt ist, idealisiert. In seiner jugendlichen Leidenszeit, der Flucht aus der Karlsschule, in seinem Proteste gegen die feststehenden Ordnungen, den Räubern, sehen wir den überwallenden Jugendmut, den stürmischen Tatendrang, der sich dann in Harmonien auflöst. Wir begleiten ihn froh auf seiner Lebensbahn, denn wenn sie auch hier und da rauh gewesen, so ward sie durch zarte Freundschaft, durch huldigende Liebe geebnet. So wird aller Lebensschmerz in unserem Andenken an die großen beiden Dichter zu süßer Wehmut. Der Zauber ihrer Anmut fesselt uns, der ruhige geistige Genuß, den wir aus ihnen schöpfen, erquickt uns. Anders L e s s i n g! Sein Wirken und sein Andenken führt unmittelbar ins Leben ein, aus dem er nicht entführt, um es von der Höhe aus zu be^

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