Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 3 (18.1.1929)
- Date
- 1929-01-18
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Preis dieser Nummer SO Groschen HelCahchdti liidtmlüJmJuifi: Erscheint MM VeröffenfÖdmnfe» der „Union denfsdiOsterr. Juden" jeden Freitag* wad den »Amtliches Verlautbarungen der Israelitisches Ktütusgemeinde Wien" Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße Nr. 13 — Telephon R42-2-16 XLV. Jahrgang Wien, 18. Jänner 1929 Nummer 3 Gotthold Eph Zur 200. Wiederkehr seines Ein Volk, das seine großen Toten ehrt, ehrt sich. Den Tag, an dem uns vor 200 Jahren Lessing geschenkt wurde, feiern wir als einen Ehrentag des deutschen Volkes. Er war einer der großen Geister, denen es den stolzen Namen des Volkes der Denker und Dichter verdankt. Politische Erfolge, politische Größe sind dem Wechsel der Zeiten unterworfen. Aber die Taten des Geistes strahlen hell auch in dem Dunkel politischen Niederganges. Ein Denker und zugleich ein Dichter war Gotthold Ephraim Lessing. Vielleicht war der erstere in ihm noch stärker als der letztere. Doch mochte er an schöpferischer Phantasie, an leidenschaftlichem Empfinden, an rhythmischer Schönheit und musikalischem Zauber der Sprache selbst hinter einem Klopstock und Wieland zurückstehen, so ist er durch die Klarheit und Lebendigkeit der Darstellung, durch seine ungekünstelte Sprache, durch die zwingende Entwicklung der Handlung und die geniale Gestaltungskraft der Schöpfer des deutschen Dramas geworden. „Minna von Barnhelm", „Emilia Galotti", „Nathan der Weise" begeistern noch heute ein kunstsinniges Publikum. Kein großer Schauspieler, der nicht seine Ehre dareinsetzte, die von ihm geschaffenen lebenswahren Gestalten zu verkörpern! Ihm war die dramatische Kunst nicht die Kunst, ein Publikum zu unterhalten. Ihm war die Bühne die ideale Erziehungsanstalt; durch sie arbeitete er am Fortschritt der Menschheit. Ihm, dem tief Religiösen, waren die Religionen die großen Erziehungsmittel, waren Offenbarung und Erziehung gleiche Begriffe; waren ihm das Mittel, die Völker zur Höhe wahren Menschentums zu erheben. Als größte Hemmnisse dazu erkannte er die Vorurteile, den Hochmut, die Ueberheblichkeit, die Unterdrückungs- und Verfolgungssucht der Religionen und ihrer Vertreter gegeneinander. Nirgends trat all das engherziger und zelotischer hervor als bei der damaligen Orthodoxie. Gegen sie richtete sich sein Kampf. Seinem klarblickenden Verstand, seiner Ehrlichkeit, seinem tiefen Rechtsempfinden widerstand es, einen Menschen nach Abstammung oder Religion statt nach seiner Persönlichkeit zu beurteilen. Das raitn Lessing. Geburtstages am 22. Jänner. 1 - - -v ■ furchtbare Unrecht, das die christlichen Kirchen£4tfc Regierungen und die Gesetze der christlichen Staaten den jüdischen Mitbürgern antaten, aus deren Religion doch die ihre erwachsen war, drückte schon dem Zwanzigjährigen zu dem Lustspiel „Die Juden" die Feder in die Hand. Die Einschätzung des Menschen nach seiner Persönlichkeit verband ihn, den bereits berühmten Dichter und Schriftsteller, später in inniger Freundschaft mit dem unscheinbaren jüdischen Handlungsgehilfen Moses Mendelssohn, dessen ehrlicher Wissensdrang, dessen philosophischer Geist, dessen edles sittliches Wesen ihn aufs stärkste anzog. Durch Lessing, der ihm die geistigen Schätze der deutschen Kultur vermittelte, wurde Moses Mendelssohn der Führer, der das Judentum aus dem engen geistigen Ghetto, in dem es bis dahin in Deutschland gelebt hatte, herausführte, es in die deutsche Kultur eingliederte. So wurden Lessing und durch ihn Mendelssohn die geistigen Befreier des deutschen Judentums. Nicht, daß er die jüdische Religion über die christliche gestellt hätte; die war für ihn die fortgeschrittenere, wenn auch nicht die letzte Stufe der Offenbarung. Jede Religion solle in sich jene Ethik erstreben, das Gute zu tun, weil es das Gute ist, ohne Rücksicht auf Lohn und Strafe im Diesseits oder Jenseits. Nur bei völliger Gewissensfreiheit war für ihn wahre Sittlichkeit möglich. Daher sein Kampf gegen die unduldsame Orthodoxie des Hamburger Hauptpastors Goeze. dem er zu trauriger Berühmtheit verholfen hat. Und als ihm die weltliche Macht die Fortsetzung der literarischen Fehde mit ihm untersagte, flüchtete er in das freie Gebiet der Kunst, schuf in „Nathan dem Weisen" das Hohelied der „Gleichberechtigung der Religionen". Das Bibelwort „in allerlei Volk, wer Gott fürchtet und recht tut, der ist ihm angenehm", hat in diesem „dramatischen Gedicht" eine herrliche Auslegung gefunden. Nicht das „Evangelium der Toleranz", als das man es so häufig bezeichnet hat, ist es, sondern das der Achtung vor dem, was anderen als Religion heilig ist. „Toleranz" — sagt Goethe — „sollte eigentlich nur eine vorübergehende Gesinnung sein; sie muß zur Anerkennung führen. Dulden heißt beleidigen". Lessing aber anerkannte gern und