Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1938
- Issue
- Heft 7 (12.2.1938)
- Date
- 1938-02-12
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 Nr. 7 — 12. Februar 1938 DIE WAHRHEIT B. Murmelstein. Geschichte der Juden. Vor wenigen Wochen est in. einem stattlichen, reich illustrierten Bande eine Geschichte der luden, verfaßt von dem Wiener Gemeinderabbiner und Dozenten an der israelitisch-theologischen Lehranstalt. Dr. B. Murmelstein, erschienen. Das vorzügliche Werk will, wie der Titel besagt, die Wanderung des jüdischen Volkes durch die Länder des Erdballs in vier Jahrtausenden erzählen. Die Geschichte des ersten Jahrtausends schildert die Urzeit und die Entstehung des Volkes „von den Vätern bis zu den Königen". Das zweite Jahrtausend umfaßt die Zeit „von den Königen bis zu den Lehrern", d. h. von der Entstehung des Königtums bis zum Untergange des zweiten Reiches durch die Römer. Das dritte Jahrtausend, betitelt „Von Jabne bis Kordova", enthält den Zeitraum von R. Jochanan b. Sakkai bis zur Herrschaft des Islams. Das vierte Jahrtausend „Zwischen Ost und West" umfaßt die Zeit vom achten Jahrhundert bis zur Gegenwart Die lebendige, für jedermann leicht verständliche Darstellung läßt den Leser einen Einblick in vier Jahrtausende geschichtlichen Geschehens gewinnen, das einen so merkwürdigen Verlauf zeigt, daß es mit den Schicksalen anderer Völker, die über die Erde gewandert sind, kaum verglichen werden kann. Ständig werden die neuesten Ergebnisse wissenschaftlicher Forschung berücksichtigt und man merkt es an vielen Stellen des Werkes, daß der Verfasser über manche Punkte der jüdischen Geschichte seine eigene Meinung, die wieder auf selbständigen Studien beruht, zum Ausdruck bringt. Was die Lektüre des genannten Werkes besonders anziehend macht, ist die Tatsache, daß der Verfasser sich nicht mit der trockenen Darstellung der geschichtlichen Ereignisse begnügt, sondern auch stets bemüht ist, historisches Verstehen anzubahnen und versucht, vergangene Zeiten als etwas allmählich Gewordenes in ihren Zusammenhängen so treu als möglich zu rekonstruieren. So kommt er stellenweise zu Resultaten, die von der herkömmlichen Auffassung abweichen. Z. B. der ägyptische König, Merneptah. der Pharao des Auszuges, erzählt in seinem Siegesstele in einem nicht ganz verständlichen Zusammenhang, er habe unter den Völkern Kanaans, die -er namentlich anführt, auch das Volk Israel besiegt Nun entsteht die Frage: Wie kann der ägyptische König Israel besiegen, wenn es zur selben Zeit in Aegypten weilt. M. löst die Frage durch eine alte, im Midrasch aufbewahrte Ueberlieferung, nach welcher die Efraimiten vor den anderen Israeliten das Land Aegypten verlassen und als räuberische Beduinen die Grenzen Aegyptens beunruhigt hätten und von Merneptah besiegt wurden. Die Aehnlichkeit der im Ex 21—24 festgelegten Gesetze mit denen des Hamarabi-Kodex erklärt M. mit der Annahme, daß der baby- Bezirksgruppe Leopoldstadt. Donnerstag, den 27. Jänner 1938, veranstaltete die rührige Bezirksorganiisation Leopoldstadt im Saal des Cafe „Sächsischer Hof" eine Bezirksversammlung. Die Versammlung wies einen Massenbesuch auf. Der Vorsitzende der Versammlung, der Obmann der Bezirksorganisation, Herr Direktor G. Kol min, begrüßte die Erschienenen, insbesondere den anwesenden "Präsidenten der „Union österreichischer Juden", Herrn Regierungsrat Dr. Hermann Oppenheim. Als erster Referent sprach Herr Professor Doktor M. Papo über das Thema „Assimilation, ein Begriff oder ein Schlagwort?". In geistreicher Weise erörterte Professor Dr. Papo dieses schwierige Thema und erntete lebhaften Beifall. Sodann ergriff Herr Dr. Feldsberg das Wort. Er erklärte einleitend, daß er sich mit den nächsten Aufgaben der „Union" innerhalb und außerhalb der Kultusgemeinde beschäftigen will. Die wichtigste Frage, die heute alle Wiener Juden beschäftigt ist die Frage der Eingliederung der Juden in das „Jungvolk". Ueber dieses Thema entwickelte der Redner eingehend den bekannten Standpunkt der „Union". Es muß Aufgabe der „Union österreichischer Juden" sein, alle Eltern zu vereinigen, um auf die Erziehung ihrer Kinder in jüdischer Beziehung maßgebenden Einfluß zu erlangen. Es ist nur zu bekannt, mit welcher Kühnheit jüdischnationale Religionslehrer in der Schule und als Exhortanten von der Kanzel und vor geöffneter Bundeslade den Geist des Nationalismus gegen den Lehrplan und gegen ihre Pflicht als Lehrer den Jugendlichen vermitteln. Es muß endlich dafür Vorsorge getroffen werden, daß die von der Wiener Kulrusgemeinde aus den Steuergeldern aller Kultussteuerträger mit der Erziehung der Jmgend betrauten Lehrer aufhören, beim Unterrichte Trabanten einer politischen Partei zu sein. Es sei aber zur Ehre mancher Religions- Verlag Josef Belf, Wien. Ionische Gesetzeskodex von dem Babylcnier Abraham nach Palästina gebracht und später von Moses retor-' miert wurde. Nicht to allen Punkten wird man der Meinung des Verfassers zustimmen können. So kann ich seiner Auffassung der bekannten Worte des Propheten Arnos: „Ich bin kein Prophet und kein Prophetenjunger" nicht teilen. Die Geschichtspbilosophie. die der Verfasser an geeigneten Stellen entwickelt ist theistiisch: Das Weltgeschehen ist dem Willen des Schöpfers unterworfen und das historische Handeln ist durch göttliche Inspiration beeinflußt (5. 7). Ein großer Vorzug des Geschichtswerkes liegt darin, daß sehr oft die Quellen im Wortlaut angeführt werden, so wird auf S. 10 ein längeres Zitat aus den Responsen der Geonim gebracht und die Anschauungen der Karäer werden durch die Schilderung zweier Zeitgenossen dem Leser klar vor Augen geführt Ganz besonders hervorzuheben ist die Darstellung der neuesten Geschichte des Judentums, dessen wechselvolles Geschick und besonders die inneren Strömungen 'innerhalb des Judentums nicht immer rein verstandesmäßig aufgefaßt werden können. Es bleibt immer ein größerer oder geringer Rest von gefühlsmäßigen Irrationalen übrig, dessen Ergründung nur durch liebreiches sich Versenken und Einfühlen in jene wirksamen Seelenkräfte gelingt, denen dieser irrationale Rest seine .Existenz verdankt Gerade diese Einfühlung ist deutlich zu beobachten in dem Kapitel über die Welt der Kabbala und in der vorzüglichen Schilderung der mystischen Strömungen und der Behandlung des Sohars, den M. nicht, wie üblich, als literarische Fälschung betrachtet. Die religionsphilosophischen Richtungen und der Philosophische Gehalt der Hauptwerke der jüdischen Philosophie des Mittelalters werden klar und in Kürze leicht faßlich dargestellt. In der Verdeutschung der hebräischen Büchertitel ist der Verfasser manchmal zu weit gegangen. Man lese einen Satz (S. 367): ..Die Wiener „Erstlinge" erinnern noch zu sehr an den Berliner „Sammler". „Der liebliche „Weinberg" enthält dagegen wissenschaftliche Beiträge." Mit der Transkription einiger Eigennamen bin ich nicht einverstanden. „Sadia" statt „Saadia" zu schreiben, ist nicht zu billigen. Eine schöne Zierde des Buches sind die zahlreichen Bilder, durchgehend klassische Darstellungen, die zu den wertvollsten Schätzen der berühmtesten Museen Europas gehören. Alles in allem genommen, erweist sich die Geschichte der Juden vohrMurmelstein als eine wertvolle Bereicherung der jüdischen Literatur. Das Buch sollte in keinem jüdischen Hause .fehlen. Dr. H. Redisch lehrer, bei weitem nicht der Mehrheit, gesagt, daß sie treu ihre Pflicht als Lehrer erfüllen. Diesen nackensteifen, nicht jüdischnationalen Religionslehrern gebührt vor allem der Dank der Wiener jüdischen Eltern. Dr. Feldsberg hat in einer Versammlung in der Leopoldstadt im Dezember 1937 behauptet daß sich die Beeinflussung durch die Jüdischnationalen auch unter den Beamten der Kultusgemeinde fühlbar mache. Diese Behauptung wurde in der „Neuen Welt" als eine „niedrige Verleumdoing" bezeichnet, für den Fall, als Herr Dr. Feldsberg nicht Beweis für seine Behauptung führt. Dr. Feldsberg hat wegen dieser .in der „Neuen Welt" vorgebrachten Behauptung die Ehrenbeleidigungsklage eingebracht Man sollte meinen, daß sich der Artikelschreiber, der diese Ehrenbeleidigung vorgebracht hat, dem ordentlichen Gerichte stellen wird. Weit gefehlt! Der verantwortliche Redakteur hat sich damit verantwortet daß er diesen Artikel nicht gelesen habe. Hiefür wurde er vom Gerichte bestraft. In der Sache selbst hat es die „Neue Welt" vorgezogen, die Flucht aus dem Gerichtssale zu ergreifen. Mit den beleidigenden Worten einer niedrigen Verleumdung kann man nicht Behauptungen und Tatsachen aus der Welt schaffen. Ein Teil der Beamtenschaft der Wiener Kultusgemeinde ist in der Führung der Amtsgeschäfte nicht objektiv und läßt sich von der jüdischnationalen Gesinnung eben leiten. Dr. Feldsberg befaßte sich weiters mit der im Jahre 1938 durchzuführenden Steuerreform. Auch über dieses Thema wurde schon wiederholt berichtet. Es sei hier nur kurz wiederholt daß die Steuerreform dem Zensiten endlich die Möglichkeit schaffen muß, nach seinem Vermögen und nach seinem Einkommen bemessen zu werden. Der Zensit muß die Bemessungsgrundlage wissen, auf Grund welcher die Bemessung vorgenommen wurde. Er muß in dem von ihm einzubringenden Rekurs -sich gegen -die Vorscbreibung auf Grund k GROSSFLEISCHHAUEREI flEGM, KORNMEHl WIEN IX., BERGGASSE HR. 19 FILIALE i XVIII., WAHRINGERSTRASSE 97 Telephon Nr. A 17-3-99 und A 16-8-34 Lieferant für Heilanstalten Abteilungen für Koscherfleisch - unter Aufsicht das ehrw. Rabbinates der Isp. Kultusgemeinde Wien. Sämtliche Fleischsorten von ausschließlich [ Prima-Qualität zu den billigsten Marktpreisen der aufgegebenen Daten und Grundlagen an Hand eines vorhandenen Steuerschlüssels rechtfertigen können. Es muß vor allem jenen Wählern ein Recht in der Kultusgemeinde eingeräumt werden, die am meisten durch ihre Steuerzahlung zur Erhaltung der Kultusgemeinde beitragen. Es sei an dieser Stelle nur festgestellt, daß; 24.000 kleine Steuerzahler genau iso viel an Steuern entrichten als 32 große Steuerträger. Diese 24.000- Steuerzahler haben achthundertmal so viele Rechte als. die 32 Steuerzahler, denn jede Stimme zur Wahl in die: Kultusgemeinde wird in gleicher Weise gewogen. Die Kultusgemeinde soll und muß die Mittel erhalten, die sie zur Führung ihrer Geschäfte braucht, auch dann, wenn weitestgehende Opfer von den Steuerträgern verlangt werden müssen. Aber anderseits muß. äußerste Sparsamkeit walten, <um den ohnedies wirtschaftlich in schwerer Not befindlichen Juden nur die unbedingt notwendigen Leistungen aufzuerlegen. Die- Wiener Kultusgemeinde muß alles aufbieten, um die religiösen Bedürfnisse der Bevölkerung im weitasten. Sinne des Wortes, also vor allem auf dem Gebiete der Fürsorge zu erfüllen. Alle übrigen Subventionieroingen,. soweit sie nicht den Kultus und die Fürsorge betreffen,, haben gegenüber diesen unbedingt notwendigen Forderungen entsprechend zurückzutreten. (Stürmischer Beifall.) Nachdem noch Herr Obmannstell Vertreter Heublum über verschiedene organisatorische Fragen berichtet und Redakteur Oskar Hirschfeld eine den Standpunkt der „Union" bekräftigende Resolution in der „Jungvolk"-Frage vorgebracht hatte, die einstimmige Annahme fand, schloß der Vorsitzende die eindrucksvoll verlaufene Versammlung. Die Bezirksorganisation Leopoldstadt der „Union österreichischer Juden" und die Bezirksgruppe II-XX der „Jugend-Union" veranstalten gemeinsam Samstag, den 19. Februar, halb 9 Uhr abends im Blauen Saale des Cafe „Sächsischer Hof", II., Taborstraße 46a einen geselligen Abend mit Akademie und Tanz. Erstklassige Kunstkräfte und Jazz. Entree S 1.50' — Jugendkarte S 1—. Die Mitglieder und Freunde der „Union" und der ,,Jugend-Union" werden gebeten, diesen Abend, für den besondere Vorbereitungen durch ein eigenes Vergnügungs-Komitee: getroffen werden, recht zahlreich zu besuchen. Bezirksgruppe Floridsdorf. Eine ganz ausgezeichnet besuchte Versammlung, fand am 8. d. M. im Cafe „Goldener Engel" am Spitz statt. Unter den zahlreichen Anwesenden bemerkte man Herrn Rabbiner Dr. M. Rosenmann, der vom Vorsitzenden Dr. J. Grünwaldi herzlichst begrüßt wurde. Das einleitende Referat über „Assimilation — ein Schlagwort oder ein Begriff?" hielt auch hier Prof. Dr. M. Papo; dieser interessante, von den Zuhörern höchst beifällig aufgenommene Vortrag wird demnächst in der „Wahrheit" im Auszug erscheinen. Stürmisch begrüßt beschäftigte sich hierauf Präsident Reg.-Rat Dr. H. Oppenheim mit den aktuellen Fragen des österreichischen Judentums, wobei er nach einer kritischen Betrachtung des dieser Tage in Prag abgehaltenen revisionistischen „Nationalkonvents" das Problem des „Oesterreichischen Jungvolks" in den Mittelpunkt seiner eingehenden Betrachtungen stellte und die Ansichten der „Union" zu dieser lebenswichtigen Frage des österreichischen Judentums entwickelte. Die Versammlung teilte vollkommen den ihr mit ausgezeichneten Argumenten bekanntgegebenen Standpunkt der „Union" und bewies dies sowohl durch den lebhaften Beifall, der dem instruktiven Referate folgte, wie auch duTch die einstimmige Annahme einer von Prokurist L. Kettner vorgelegten Resolution, in der der Leitung: der „Union" das Vertrauen ausgesprochen wird. Mitteilungen der Union. Versammlungen der Bezirksorganfsatienen.