Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1938
- Issue
- Heft 7 (12.2.1938)
- Date
- 1938-02-12
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Nr.7 _12^Februar 1938 Seite 3 Jüdischnationale Statistik. In dem Blatt, als dessen Eigentümer, Verleger und Herausgeber Herr Oberbaurat Robert Stricker zeichnet, ist unter dem demagogischen Titel „Eine bösartige Legende — Methode ä la Goga" — die Methoden der Demagogie hat Herr Oberbaurat Stricker wohl noch im alten österreichischen Parlament von den nationalistischen Parteien gelernt — ein Artikel erschienen, in dem der Verfasser mit Ziffern und Zahlen Schneidermeister IDalter 23ücfyler I., Rotenturmstr.?. Telephon U 28-2-80 verfertigt nach Ma6 Mäntel, Kostüme, Komplets. Erstklassige Ansführung. Zahlungserleichterung in einer Art und Weise jongliert, die sich selbst im Zirkus der Demagogen sehen lassen können. Auf einige falsche Zitate kommt es dem Blatt des Oberbaurates Stricker — dais haben wir wiederholt bewiesen — nicht an. Unter den vielen unrichtigen Zitaten sind einzelne, die dem Sinne nach richtig sind und nur noch entsprechend ergänzt werden müssen. So ist es zum Beispiel richtig, daß die Jüdischnationalen die Majorität im Vorstand der Wiener Judengemeinde hauptsächlich dem Umstände verdanken, daß auch die Ausländer das aktive Wahlrecht in der Kultusgemeinde besitzen, was notabene den Unionisten im Vertrauen darauf, daß die Kompetenz der Kultusgemeinde, für die Befriedigung der religiösen Bedürfnisse der Wiener Juden Sorge zu tragen, nicht überschritten und die Gemeinde nicht zu politischen Zwecken mißbraucht wird, zu verdanken ist, außerdem verdanken die Jüdischnationalen noch die Majorität dem Umstände, daß mehr als die Hälfte der Wähler und Steuerträger, nämlich 24.000 von zirka 44.000, 1 bis 10 Schiling pro anno an'Kultussteuer vorgeschrieben erhalten, was insgesamt einen Betrag von ungefähr S 125.000.— pro anno ergibt, bei einer Gesamtsteuervorschreibung von 2,7 Millionen Schilling pro anno, so daß wohl festgestellt werden kann, daß die Zusammensetzung des Kultusvorstandes nicht nach dem Gesichtspunkte der österreichischen Staatsbürgerschaft und nicht nach dem Gesichtspunkte der. Leistungen für die Kultusgemeinde erfolgt. Dazu kömmt, daß das Wahlrecht schon dann ausgeübt werden kann, wenn ein Zensit nur einmal in drei Jahren vor den Wahlen die vorgeschriebene Steuer auch wirklich bezahlt hat, so daß bei der faktischen Minimalisteuer von S 1.— eine jährliche Leistung von 33V3 Groschen für die Israelitische Kultusgemeinde Wien genügt, um das Wahlrecht für den Kultusvorstand auszuüben. Die jüdischnationalen Anhänger des autoritären Regimes, wenn sie einmal gewählt sind, sind große Demokraten, solange es sich um die Erweiterung des Wahlrechtes in Kreisen ihre präsumptiven Anhänger handelt. Nun zu den Zahlen, die im Blatt des Herrn Oberbaurates Stricker, der „Neuen Welt", publiziert werden. Das geschieht nicht zum erstenmal, schon in der „Neuen Welt" vom 26. Februar 1937 waren diese Ziffern unter dem Titel „Eine interessante Statistik" zu lesen. Damals hieß es aber nur, daß „das Steueramt der Kultusgemeinde eine Statistik über die Staatszugehörigkeit der 31.760 Wähler .ausgearbeitet' hat, welche bei den Wahlen im November 1936 zur Wahl gingen". Jetzt heißt es natürlich schon anders. Jetzt er- V&Uangt in Cafes usw.-A-\ | „Die Wahdieit" I j zählt das Blatt des Herrn Oberbaurates und Vizepräsidenten der Kultusgemeinde, daß das Präsidium die Namen aller Juden, welche an den letzten Kultuswahleni teilgenommen haben, der Wiener Polizeidirektion übergeben hat und durch diese die Staatsbürgerschaft der Wähler feststellen ließ. Das Ergebnis — es wird auch von einer amtlichen Prüfung gesprochen — ist natürlich absolut unrichtig. So möchte es gerne Herr Oberbaurat Stricker haben. Aber an den Tatsachen und an den wirklichen Verhältnissen wird er nichts än- Österrelchisch - Jüdisch« Akadamlkerunion Heim: Wien IX., Berggasse 4 Erste kulturelle Veranstaltung Samstag, 12. Februar, 20 Uhr, im Union- Klub, k, Schottfehring 25 Es bringt Herr Jofef BerljcKDffu) Stimmführer des Musika-Viva-Orchesters (Seherchen) Violinschöpfungen von Bach, Beethoven, Mendelssohn, Sarasate, Wieniawsky, Ravel etc. Am Klavier Felix Lenk Eintritt: S 1__ Union ösfeiretthlsAer Joden BeHrhsorganlsatlon NcnDau Donnerstag, den 17. Februar. 8 Uhr abends im Souterrain-Saal des Kaffee Kandlhof, VII., Kaiserstraße 61 Versammlung [der BezlrhsoraanlsaJion Neubau Es sprechen: der Präsident der „Union österreichischer Juden" neg.-Raf Dr. Hermann Oppenheim und der Vizepräsident der lsr. Kultusgemeinde Wien und der „Union österreichischer Juden" Dr. Jos«! Tkho über Aktuelle Fragen Gälte willkommen. FEUILLETON TOLEDO. Von Johanna Tauber. Bs war sonderbar, daß Spanien im Gegensatz zu Italien so wenig von Touristen besucht wurde, obwohl seine landschaftlichen Schönheiten als auch seine Kulturgüter den Vergleich wohl aufnehmen könnten. Revolutionen können dite Seelen der Völker verändern. Aus dem russischen Muzik, dessen Motto „nieewo!" war, ist ein fleißiger Industriearbeiter, aus dem indolenten Italiener ein gefährlicher Konkurrent auf dem europäischen Textilmarkt und aus dem liebenswürdigen höflichen Spanter ein fanatischer Revolutionär geworden. Schon im Eisenfoahncoupe gewann der Reisende einen angenehmen Eindruck von der spanischen Galanterie: Ehe sich ein Herr eine Zigarette anzündete, bot er zuvor allen seinen Fahrtgenossen seine Tabatiere an. Auch bei ehiem Glas Bier oder einem Brötchen machte er zuerst die Geste des Anbietens, -es war aber auch nur eine solche. Noch mehr fiel ein Besuch in einem spanischen Hause auf. Die meisten Häuser sind im maurischen Stil gebaut, die Fenster gehen auf einen Kartenartigen Hof, den. Patio, in dessen Mitte ein Springbrunnen rieselt. Der Hausherr empfängt seine Gäste und sagt nach orientalischer Sitte: „Betrachten Sie mein Haus als das Ihrige!" Aber auch dies ist mir Höflichkeit, denn wenn der Gast auch nur den Mut liätte, im Garten eine Rose zu pflücken, wäre er unmöglich. Toledo ist eine der ältesten Städte des Landes. Sie stand zur Zeit der Mauren in höchster Blüte und wirkt noch heute vollkommen mittelalterlich. Das Rathaus, von El Greco dekoriert, trägt an der Wand der Treppe die berühmten Verse von Gomez Manrique, die an jedem Verwaltungs- und Gerichtsgebäude stehen sollten: „Ihr edlen klugen Herrn, berufen Zu Lenkern unserer Stadt Toledo, Laßt hinter Euch auf diesen Stufen Den Zorn, die Furcht, die böse Neigung, Die Habsucht und die Gunstbezeugung. Gerecht und treu sei Euer Credo, Wollt nicht nach eigenem Nutzen fragen, Sinnt nur gemeinem Wohle nach!" Für uns Juden ist Toledo eine Stadt schmerzlichen Gedenkens. Die größten Autodafes haben auf dem großen Platz stattgefunden, von der Terrasse des Alcazar, des jetzt so traurig-berühmten Königspalastes, sahen die Majestäten mit ihren Granden dem Schauspiel zu. Ein großes Autodafe wurde anläßlich der glücklichen Entbindung der Königin Isabella veranstaltet. Die Blüte des Judentums wurde so vernichtet War auch die Inquisition angeblich zu Ehren Gottes und der Kirche eingesetzt worden, so fielen doch die Güter der Verurteilten dem 'König anherm und die Ketzerrichter wurden von diesem ernannt. Auch während der Hinrichtungen und Folterungen waren die Unterschiede zwischen arm und reich nicht ausgelöscht, denn die Reichen konnten sich durch Bestechung des Henkens eine Verkürzung ihrer Qual erkaufen. Die bewaffneten Volksaufstände, welche sich den unsinnigen Greueln entgegenstellten, scheiterten an der königlichen Uebermacht, im Süden der Stadt befand sich einst die Juderia, das Judenviertel, dessen reiche Bewohner zum Schutz ihres Besitzes eine Burg angedern können, durch noch so große Akrobatenkunststücke seiner Zeitung. Am 5. März 1937 hat „D i e W a h r Ii e i t" unter dem Titel „Eine nichtmaßgebliche Statistik"' diese „Ausarbeitung" des Steueramtes charakterisiert. Darüber wurde folgendes gesagt: „Wir haben schon in der Plenarsitzung des Kultusvorstandes getragt, wieso das Steueramt dazukommt, eine solche Erhebung kontrollos durchzuführen, und wozu der Kultusvorstand eine statistische Kommission besitzt. Die Herren Jüdischnationalen haben das auch eingesehen und haben einstimmig auf Antrag der „Union" beschlossen, die Statistik durch die hiezu berufene statistische Kommission durchführen zu lassen." Das war also ungefähr vor einem Jahre. In der Zwischenzeit hat die statistische Kommission, die unter der Leitung eines jüdischnationalen Mandatars steht, offenbar keine Zeit gefunden, dem einstimmigen Beschluß des Kultusvorstandes entsprechend, diese Ausarbeitung des Steueramtes, die jetzt als eine „amtliche Prüfung der Wiener Polizeidirektion" der Wiener jüdischen Bevölkerung vorgegaukelt wird, auszuführen. Die Vertreter der „Union" haben auch in einer der ersten Sitzungen der Finanzkommission im Jahre 1936 oder anfangs 1937 beantragt, einen verläßlichen Kataster aller jüdischen Bewohner Wiens zu schaffen, aus dem auch die Staatsbürgerschaft ersichtlich sein soll. Es ist wieder ein Jahr her und diese Arbeit ist noch nicht fertiggestellt, vielleicht kaum noch richtig in Angriff genommen, wiewohl diese Arbeit auch im Interesse der Erfassung neuer Zensiten, daher der Vermehrung der Einnahmen der Gemeinde, dienlich ist. Aber so wie alles, was Klarheit schaffen und den jüdischnationalen Nebel vertreiben kann, von den Führern der Verwaltung der Gemeinde auf. die lange Bank geschoben wird. legt hatten. Zu den Perlen der jüdischen Architektur aller Zeiten gehören die beiden Synagogen. Die jetzige Kirche Santa Maria la Bianca wurde im 12. Jahrhundert im Mudejarstil, einer Synthese aus christlichem und maurischem Stil, als Synagoge erbaut. Seit 1450 eine christliche Kirche, dann ein Asyl iür Büßerinnen, im 18. Jahrhundert Kaserne und Magazin. Das Innere ist fünfschiftig. An den Kapitalen tritt besonders die Pinienapfelform hervor. In der Nähe befindet sich d?e Synagoge del Transite, im 14. Jahrhundert auch im Mudejarstil von Rabbi Meir Abdeli auf Kosten Samuel Levys, des später hingerichteten Schatzmeisters Peters des Grausamen erbaut Nach der Vertreibung der Juden 1492 übergaben die katholischen Könige das Gebäude dem Valatrava Ritterorden und nannten es San Benito. Später wurde es dem Tode (transito) der heiligen Jungtrau geweiht. Der Raum ist mit Arabesken, Friesen und hebräischen Inschriften bedeckt. Das Gebäude wurde vom Staat mit viel Verständnis restauriert und dient heute nicht mehr dem Gottesdienst, sondern wird nur noch als Nationaldenkmal erhalten. Toledo ist die zweite Heimat des Malers Theotokopuli, der in Spanien El Greco (der Grieche) genannt wurde. Der von ihm bewohnte Palast ist noch heute in seiner ursprünglichen Gestalt erhalten. Im Nebenhaus befindet sich das Museum del Greco. Trotz aller Schönheit kann sich der Tourist nicht des Bedauerns über all die vandalischen Zerstörungen und Verwüstungen erwehren, die im Lauf der Jahrhunderte von den jeweiligen Machthabern verübt worden sind. Der gegenwärtige Bürgerkrieg, der von beiden Seiten fanatisch geführt wird, bringt weiter Zerstörungen unersetzlicher Kulturgüter mit sich.