Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1938
- Issue
- Heft 3 (21.1.1938)
- Date
- 1938-01-21
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/3062972-3064714-3064717--21461-3086818- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 0-21. Jänner l«j.3S DIE WAHRHEIT Erbe jener, die „vor uns den Boden der Heimat gepflügt, gepflegt, verschönt, zu einem Kulturboden gestaltet und mit geistigen Werten besetzt haben, vor dem Hinwegschwemmen durch die große Flui von Land zu Land und von Erdteil zu Erdteil bewahrt werde. Aber solche Gedanken sucht mau bei den heutigen Verfechtern dieser Forderungen vergeben«. Einem Schlitzverlangen für Bodenständigkeit aber, w ie es heute auf den Straßen ausgerufen wird, das nur willkürliche, gehässige und eigensüchtige Diskriminierungen bewirken will und das sogar davor nicht zurückscheut, den Heimatbodc-n im übelsten Sinne zu provinzialisieren und?.n schädigen, kann nur ein schroffes „Ne'n" entgegengehalten werden. Diesen? Mythos der Bodenständigkeii wollen wir nicht aufsitzen. Rumäniens Judenpolitik. KabinettsbeschluB über die Revision der Staatsbürgerschaften. Der rumänische Ministerrat befaßte sicli in einer am Montag, den 17. Januar, abends, unter dem Vorsitz des Ministerpräsidenten Octavian G o g a abgehaltenen speziellen Sitzung mit der Frage der Bürgerschaften. Nach Schluß des Ministerrates wurde ein Communique veröffentlicht, in welchem es heißt: „Der Justizminister erstattete ein Expose über das Dekret betreffend die Revision der auf unge- Täpezierer u. Dekorateur Eigenes Heinrich Bauer Wien III., Löweng. 26, Tel. U-11-8-?6 setzlichem W'ege erworbenen Staatsbürgerschaften. Es wurde beschlossen, die Durchführung dieser Revision als dringend zu betrachten und sie auf Grund der bestehenden Gesetze und im Rahmen der Minderheitenverträge zu verwirklichen. Die Revisionsarbeiten weiden von den zuständigen Gerichtsbehörden vorgenommen werden. Das Dekret wird auch die öffentliche Anzeige über falsche Angaben bei den Revisionsarbeiten vorsehen. Das Dekret wird in einigen Tagen seine definitive Form erhalten und sofort in Kraft treten." Hierzu ist zu bemerken, daß bereits unter der früheren liberalen Regierung Tatar escu eine Revision der in der Nachkriegszeit erworbenen Staatsbürgerschaften vor sich gegangen war; die Gerichtsbehörden gingen dabei außerordentlich rigoros vor und erkannten vielen Hunderten jüdischen Familien in den neuen Provinzen die von ihnen rechtmäßig erworbenen Bürgerrechte lediglich auf Grund irgendwelcher Formfehler ab. Warnung vor einer antisemitischen Politik. Der frühere nationalzaranistische F i n a n zminister Madgearu hielt im Bezirke Iltov eine Rede, in der er davor warnte, eine antisemitische Politik zu führen, die letzten Endes auf einen Bruch der Gesetze und der Veriassung hinauslaufe. Gewiß, sagte er, sei eine Re- LUMAG-K,"Är" Gesundheiftswagen Tiaefcstircli'osc luttdarcbl&islge Pslttemrg. -iaher kein Schwitzen des Kindes Pstentierte Sctwlcpachstofcöcrtag Mmng! 34,*Tjä7e?s" 4indeS ufe fBm€Sk§&®Mm. "'Jen II., Kleine Pfarrg. sse 21 Telephon A Treffpunkt bürgerlichst Gcsclhduft. in- und »u* gelang der Judentrage notwendig, Sondermaßnahmen aber würden nur die Unfähigkeit erweisen, die Judeufrage im Rahmen der bestehenden gesetzlichen Ordnung zu lösen. Gegen eine Revision unrechtmäßig erworbener Staatsbürgerschaften habe niemand etwas einzuwenden. Schächten in Bukarest verboten. Der Oberbürgermeister von Bukarest hat angeordnet, daß iil den städtischen Schlachthäusern das Schächten v o n V i e h nach jüdischem Ritus nicht mehr vorgenotn m e n werden soll. Die Anordnung des Oberbürgermeisters stützt sich auf keinerlei Gesetz. Cnza für Ausweisung oder gewaltsame Vertreibung der Juden. „G i o r n a 1 e d'l t a 1 i a" veröffentlicht eine Stellungnahme des Staatsministers ohne Portefeuille A. O. C u z a, der sich ausschließlich mit der Judeufrage beschäftigt. Es gebe, sagle Cuza. nur zwei Möglichkeiten: Ausweisung der Juden in gesetzlicher Form oder gewaltsame Vertreibung durch einen Volksaufstand. Genf sei eine vom Judentum zur Beherrschung der Völker geschaffene Institution. Er persönlich betrachte die Genfer Einrichtung als eine Leiche, die noch ihrer feierlichen Bestattung harre. Auch Goga fürchtet nicht die ..Drohung Genfs". Der rumänische Ministerpräsident.Gogia und Minister Professor Cuza haben den römischen FEUILLETON Jabotinsky spricht.1 ff einmal ff Das Plakat, das seit einiger Zeit in solcher allerknappster Formulierung einen Vortrag des originalen und pikanten ..Führers" — wir leben m Zeitalter der Fülirer — der Zionisten-Rev künd'gt, macht auf mich jedes Mal den fatalsten Eindruck . . . Sooft ich in den letzten Tagen an einer Litfaßsäule vorbeikomme, von der herab diese sensationelle, eine überlebensgroße Handschrift vortäuschende Affiche mit geradezu elementarer Wacht der Aufmerksamkeit der Oeffentlichkeit.entgegenschreit, ersteht in mir sofort, auf dem mir selbst unbewußten Wege geheimnisvoller Assoziation, die Erinnerung an eine alte, gute Likörmarke und -.viU sich nicht verscheuchen lassen. Ich sehe die mit genialem Schwung hingeschriebenen Worte ..Jabotinsky spricht*" und meine Lippen murmein unwillkürlich und wie automatisch: Nur drei Worte: ..Allvater — Geßicr — Jägerndriri". Die moderne Technik der Reklame und Propaganda kenn', den Wert der Formel, der ins Ohr gellenden Worlgefüge. „Jabotinsky spricht" ist gut. ist sogar sehr gut. .•st fast besser als der schon etwas altfränkische und langatmige ,.Altvater" . . . Hier stehen sogar nur zwei Worte — je kürzer, desto wirksamer —. aber die sagen alles. Sie sprechen, sozusagen, alle Sprachen. Sie sagen zwar nur „Jabotinsky spricht", aber schon schnalzt der Kenner mit der Zunge im Vorgeschmack der kommenden Dinge, schon macht er sich geiaßt auf den bevorstehenden Genuß, die nicht alltäglichen geistigen Leckerbissen und vergißt vor lauter Eifer, daran zu denken, welches Gericht ihm eigentlich vorgesetzt werden wird. Die Ankündigung selbst scheint darauf auch ganz geflissentlich wenig Wert zu legen, denn der Titel des Vortrages, das Thema, über welches „Jabotinsky spricht", ist weiter unten in bei weitem kleineren, ganz gewöhnlichen Blockbuchstaben angegeben, so gewissermaßen beiläufig und nebensächlich . . . Denn die Hauptsache ist eben durchaus nicht, w a s und worüber gesprochen werden wird, die Hauptsache, der Hauptspaß, der Clou der Veranstaltung im Musikvereinssaal ist eben: „Jabotinsky spricht" . . . Es ist männiglicli bekannt, daß es unter Gottes weitem Himmel keine größeren Gegensätze zwischen den Völkern und ihren verschiedenen Sendungen gegeben hat und — in einem bestimmten weltanschaulichen Sinne — noch heute gibt, als jene zwischen Griechen und Juden, zwischen Hellenismus und Judaismus. Schon Heine hat diesen Gegensatz in seinem vollen Umfange erkannt und ihm klassischen Ausdruck verliehen. Vor seiner . Rückkehr" zum alttestamentarischen Glauben in einem, dem Judentum (und Christentum) absprechenden Sinne und n a c Ii Ii e r, in den Jahren seiner grausam-erhabenen Qualen, aber ebenso erhabenen Erkenntnisse in der „Matratzengruft", durch das entschiedene Bekenntnis zur Große und Gewalt altjüdischer Geschichte und Religion. Nach Heine ist dieser Gegensatz zutiefst weltanschaulicher Natur und ganz Europa, ja die ga'uze Erde ist durch diesen Gegensatz, wie durch einen Abgrund, in zwei einander feindliche Elemente gespalten. Hellas, das is: Materialismus, Sinnlichkeit, Schönheit und Kunst. Judäa aber bedeutet üottesglaube, bedeutet Sittlichkeit. Ethik. Moral, was alles aber durchaus nicht mit Sinncnfeindschaft. Schönheitsferne und Kunstiremdheit verwechselt werden darf. Beim Judentum, als der sittlich weit entwickelteren Lebensform, handelt es sich eben um die Versittüchung aller jener Lebenseiemente . . . Nun, den Griechen, den Nur-Künstlern, den Artisten, blieb es vorbehalten, auch das Sprechen als eine „Kunsr" auszubilden, eben als die Kunst der Rede, die Redekunst, die Oratorik . . . Das Judentum aber, zumindest in seiner heroischen Zeit, legte kein allzu großes Gewicht auf Worte . . . Dem griechischen Sophisten war es völlig gleichgültig, welches Thema ihm zugerufen wurde. Er ergriff jeden Gedanken, fing jedes Thema auf, wie ein geschickter Jongleur den ihm zugeworfenen Ball. Er sprach über alles und über alles sprach er gut und glänzend. Die Juden aber hatten keinen Demosthenes aufzuweisen, sie zeigten — ganz im Gegenteil — eine ausgesprochene Abneigung gegen jede Art von Schwatzhaftigkeit und Aloses, der Größte unter den Juden, war ein „Mann schwerer Zunge" ... Viele unserer bedeutendsten Propheten wehrten sich dagegen — im Bewußtsein der furchtbaren sittlichen Verantwortung, die das einmal gesprochene Wort auferlegt — öffentlich vor dem Volke zu sprechen und sie flohen vor dieser Verantwortung, versteckten und verkrochen sich sogar bis in den Bauch eines Walfisches. Fern jeder persönlichen Eitelkeit, wo es um die Verkündigung sittlicher Ideale und Notwendigkeiten ging und völlig unbekannt mit der Idee moderner Parteireklame und mit dem Wesen der sogenannten politischen Propaganda, mußten sie von Gott selbst zu ihrer Aufgabe angetrieben, ja mit Gewalt gezwungen werden zu sprechen und dann erst, unter dem Druck der Idee, im Banne ihrer Berufung, auf Gottes ausdrücklichen Befehl hin, dann erst verkündeten sie das „Wort Gottes", hinter welches sie, als Gottesboten, fast ganz in den Hintergrund traten ... Der Anfang ihrer Rede war daher auch des öfteren: „Also spricht Gott . . .". Die Idee, das Thema, der Inhalt wurde gewissermaßen mit fetten Balkenlettern vorangestellt und der Redner, der Vermittler der Idee, der Verkündiger des Ideals bekam die kleineren Blockbuch- Man wird vielleicht einwenden, ich hätte aus einem zu kleinen Apercu zu große Weiterungen gezogen. Es sei „taut de bruit pour une omelette", wenn ich den nichtigen Vorwand der Ankündigung zum Anlaß genommen hätte, daran ganze geschichtsphilosophisehe Betrachtungen anzuknöpfen ... Aber man wird mir zugestehen müssen, daß im Reiche der Assoziation solche Anknüpfungen durchaus gang und gäbe sind. Da kann ein kleines Sandkorn einen großen Berg hervorzaubern und ein kleiner Vortragsahend im Großen Musikvereinssaal in Wien zu dem monumentalen Geschichtsabschtiitt altjüdischer Prophetie hinüberleiten ... Diese Betrachtungen seien daher auch durchaus nicht etwa als herausfordernde Parallelen anzusehen. Ich weiß, die Zeiten ändern sich und es hat keinen Sinn, vergangenen Epochen nachzutrauern. Jede Zeit hat ihr Gesicht und unwiederbringlich verrauscht im ewigen Wandel Jahrhundert um Jahrhundert... Was vor zweitausend Jahren galt, gilt heute nicht mehr und heute spricht und denkt man nicht mehr, wie man einst gedacht und gesprochen ... Einst sprach der alte Prophet nur zögernd im Name des ewigen Gottes und nur, wenn er sich als dazu berufen, also gewissermaßen als von Gottes Gnaden legitimiert zu erklären vermochte ... Heute spricht man im Zeichen diktatorischer Selbstherrlichkeit und eines „Führertums" aus eigenen Gnaden... Darum hieß es eben einst „Also spricht Gott" und heute heißt es eben „Jabotinsky spricht..." San ei.