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Die Wahrheit · 1937-10-08 · Heft 40 (8.10.1937) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1937
Issue
Heft 40 (8.10.1937)
Date
1937-10-08
Page
– (sequence 7)
Language
German
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DIE WAHRHEIT Rumänien lenkt ein. Der rumänische Außenminister Victor A n t on e s c u setzte die Regierung von Genf her in Kenntnis, daß das Zirkular des Handels- und Industrieministers Valer Pop an sämtliche Betriebsinhaber in den neuen Provinzen betreffend Entlassung von den Minderheitenangehörenden Angestellten und ihre Ersetzung durch Personen rumänischen Stammes in den Völkerbundkreisen einen sehr ungünstigen Eindruck gemacht und Mißstimmung ausgelöst hat Daraufhin trat der Ministerrat zusammen und beschloß, wie verlautet, das Zirkular Pops zurückzuziehen. Es kam während der Sitzung zu stürmischen Auseinandersetzungen. Einige Minister erhoben gegen Pop wegen seiner hypernationalistischen Politik schwere Vorwürfe. Mißglücktes Höllenmaschinen-Attentat gegen das Londoner Jewish College. Gegen das Gebäude des Jewish College am Woburn Platz zu London wurde in der Nacht zu Samstag, den 2. Oktober, ein Anschlag mittels einer Höllenmaschine versucht. Die Höllenmaschine, die unmittelbar vor das Gebäude hingelegt wurde, enthielt einen auf 12 Uhr nachts eingestellten Zeitzünder. Außen war ein Zettel angebracht, der die Aufschrift trug: Nicht zu nahe kommen! Da der Täter beobachtet wurde, wie er aus seinem Taxi stieg, die Höllenmaschine niederlegte und flüchtete, konnte die Polizei rechtzeitig die Explosion verhüten. Englands Mandats-Verpflichtungen in Palästina. In ihrer Ausgabe vom 30. September weist die Zeitschritt „Great Britain and t.he East" darauf hin, daß eine Verauickung der Pa'lästina-Frage mit der von osteuropäischen Staaten gewünschten Abwanderung ihrer ..überschüssigen jüdischen Bevölkerung" nicht möglich ist. Daß das Palästina-Mandat von Anfang an miteinander Unvereinbares enthalten hat, so heißt es in dem Aufsatz, ist von der Kgl. Kommission der Welt bewiesen worden; zweifellos aber sind die Schwierigkeiten, die an sich mit der Verwaltung des Mandates verbunden sind, durch den in den letzten Jahren von europäischen Juden auf Palästina ausgeübten plötzlichen Druck erhöht worden. Daß dieser Druck nicht nachläßt, das ist es gerade, was gewisse europäische Staaten, wie etwa Polen, anstreben: sie scheinen sich nicht danuim zu kümmern, welche endgültige Lösung für Palästina gefunden werden wird, solange nur i'hre „überschüssigen" Juden weiterhin einen Ausweg dorthin ha,ben. Diese Diaignose wird jedoch weder von den mohammedanischen Staaten des Völkerbundes, noch von der Britischen Regierung akzeptiert. Es wäre offenkundig untragbar, wenn Palästina nach den Worten des irakischen Delegierten im Völkerbund „das.Opfer des Suchens nach einer Lösung der Judenfrage" werden würde: von Anfang an hat die Mandatarmacht ihre Aufgabe in dem Heiligen Land niemals als Teil eines Flüchtl Lngsproblems 'betrachtet. Wenn der Völkerbund, heißt es zum Schluß, die We J.tj ud e nf r ag e anpacken will, dann alle Ehre und Glück dazu; aber er möge scharf unterscheiden zwischen dem, was die Mandatspflichten Englands sind, und dem, was die Verantwortung gegenüber den Juden der ganze* Welt ist. Im Kaffee-Restaurant Kronprinz, II., Aspernbrückengasse 2 (Inhaber Massarek) fühlt man sich nicht nur tagsüber bei erstklassiger Konsumation und zivilen Preisen sehr wohl, auch abends findet man in der stimmungsvollen Bar, ebenfalls zu bürgerlichen Preisen, Musik, Tanz und Unterhaltung. ausbesitzer welche ihr Haus selbst verwalten oder zu l administrieren wünschen, wollen ihre Adresse bekanntgeben. Dr. Heinrich Herbatschek, Wien I. Rosenbursenstraße Nr. 2 Die Angst vor^ Krankheiten im Mittelalter. Von Medizinalrat Dr. Paul S t r a s s e r. Dr. A. Q. Varron beiaßt sich in der Ciba-Zeitschrirt, Erscheinungsort Basel, in treffender Weise mit der Hygiene des Mittelalters. Die Angst ist aus dem seelischen Leben des Mittelalters nicht wegzudenken. Man fühlt ihren beklemmenden Druck in den Vorstellungen von Hölle und Fegsieuer und in den Bildern vom Teufel und den Dämonen. Das Sündenbewußtsein des mittelalterlichen Menschen läßt ihn die Schrecken des Krieges und der Epidemien als unabwendbare Heimsuchungen vorausahnen. Von unheilbarer Krankheit befallen zu werden, war eine der quälendsten Angstvorstellungen der Zeit, um so sehr als man sich der Gefahr gegenüber fast machtlos fühlte. Und doch — der Mensch des Mittelalters war ihr gegenüber nur seelisch passiv eingestellt; praktisch tat er alles, was er konnte, um sich zu schützen, tat es. wie es der Zeit entsprach, indem er medizinisch begründete Abwehrmaßnahmen mit religiös-magischen zu vereinen trachtete. Die große, sich täglich erneuernde Fu-.cht galt dem Aussatz. Ein Aussätziger bedeutete eine öffentliche Gefahr, die Gesunden hatten ein Recht, sich zu schützen, und der Aussätzige wurde aus der Gemeinschaft ausgestoßen. Die Angst vor den Aussätzigen ging weit über das sachlich Gerechtfertigte hinaus. Man traute ihnen zu, daß sie mit Absicht andere Menschen anstecken wollten, vermutete gar, daß sie eine Weltverschwörung anzuzetteln gedachten, durch die sie, die Aussätzigen, sich zu den Herren der Welt machen wollten. Erst im 16. Jahrhundert, in dem strenge Schutzmaßnahmen fortgesetzt wurden, verlor der Aussatz an praktischer Bedeutung. Gesteigert wurde die allgemeine Furcht vor Krankheiten durch die großen Pesteprdemien, die vom Ili2. Jahrhundert an in schreckenerregendem Ausmaß über die Länder hereinbrachen und ganze Gegenden (buchstäblich entvölkerten. Die stärkste Pestepidemie war die des Jahres 134S. Durch sie soll Europa ein Viertel seiner Bevölkerung verloren haben. Und die noch Gesunden versuchten die Pestkranken wie die Aussätzigen möglichst zu äsolieren und dadurch die Gefahr der Ansteckung zu verringern. Die Aerzte selbst fühlten sich der Seuche gegenüber ohnmächtig. Jede Schutzmaßnahme schien ihnen angesichts der unausweichlichen Ansteckungsgefahr fast nutzlos. Schrecken und Angst vor dem u ncrklärlichen Uebel, das die Menschen heimgesucht hatte, trieb sie, nach dem Schuldigen, der Gottes Zorn so herausgefordert hatte, zu suchen. In vielen deutschen Städten wurden die Juden verfolgt, man beschuldigte sie, die Brunnen vergiftet zu haben. So geschehen im Mittelalter. Das 20. Jahrhundert ist in manchen Ländern au,f die Kulturstufe des Mittelalters gesunken. In deutschen Städten werden die Juden verfolgt, man b e/s c hu 1 d i g t sie . . . . Mitteilungen der Union. Generalversammlung der Bezirksorganisation Wieden-Margareten. Die 1. Generalversammlung der Bezirksgruppe IV.-V. der „Union österreichischer Juden" findet am 14. Oktober, 8 Uhr abends, im großen Saale des B. J. F., IV., Hauslabgasse 2 (Garteneingang) statt. Erscheinen der Mitglieder ist Pflicht. Gäste willkommen. Anschließend ein sehr interessanter Vortrag über aktuelle Ereignisse. m m GEMEINDECHRONIK. Eröffnung des Winter-Semesters 1937/1938. fies Wiener Beth-Hamidrasch. Am vergangenen Sonntag fand die feierliche Eröffnung des Winter-Semesters des Wiener Beth-Hamidrasch im Zeremoniensaal des großen Tempels in der Tempelgasse statt. Die kantoralen Funktionen versah mit gewohnter Meisterschaft Oberkantor Funke. Hierauf folgte ein tiefgründiger Vortrag des Präsidenten des Wiener Beth-Hamidrasch, des Ehrenpräsidenten der „Union österreichischer Juden", Dr. Jakob O r n s t e i n, über die Persönlichkeit des berühmten jüdischen Finanzmannes und Gelehrten Abrabanel, ein Thema aus einer Epoche, als deren Kenner Herr Präsident Dr. Ornstein seit jeher bekannt ist. Auch diesmal zeigte sich die profunde Kenntnis des Vortragenden auf diesem Spezialgebiet und als er mit dem Appell, die jüdische Religionslehre hochzuhalten, schloß, konnte er den ergriffenen Beifall des von seinem Vortrag gepackten Publikums einheimsen. Dann kam Lektor Dr. Simon Rubin zum Wort. Man ist es gewöhnt, daß die Eröffnungsvorträge des Lektors Doktor S. Rubin wissenschaftliche Ereignisse bedeuten, was nicht verwundern kann, da Lektor Dr. Rubin heute der einzig lebende jüdische Gelehrte ist, der gleichzeitig in drei von den vier Fakultäten, nämlich der philosophischen, juristischen und theologischen zu Hause ist, was seine bekannte literarische Tätigkeit auf diesen drei Gebieten bezeugt.- Maimonides-Verehrer werden sich gerne» daran erinnern, daß sich die bekannte „Gesellschnfflckunit voa Gruiten and Gräbern LeopoIdßeutschJienXI. einzige jüdische Gärtnerei beim Zentralfriedhof I. Tor, Tel. U 13-0-40 Zentralfriedhoi IV. Tor. Tel. U 17-0-08 Eigene Kulturen Schaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums" in Berlin, als sie vor dem Krieg das universelle Standard- Werk „Moses Ben Maimon" herausgab, an Lektor Dr. Simon Rubin wegen der wissenschaftlichen Begutachtung dieses Werkes wandte, die dann auch in einem Umfang von 28 Seiten erfolgte. In seinen Ausführungen am vergangenen Sonntag rechnete der Vortragende mit den antisemitischen Methoden, die Bibel für ihre Zwecke zu verfälschen und das Judentum unter pseudowissenschaftlicher Maske zu verunglimpfen, gründlich ab. Geradezu von modernster Aktualität in Anbetracht der heute mehr denn je gegen das Judentum gerichteten Verleumdungen war die Schilderung des Verhältnisses zwischen Jakob und Laban, ein Stoff, dessen sich der pseudo-wissenschaftliche Antisemitismus stets gerne bemächtigt hat. Das zahlreich erschienene Publikum lohnte dem Vortragenden mit lebhaften Applaus. Dr. K. Wahlen in die jüdische Gemeinde von Rom. Der Innenminister hat für den!5. Oktober 1937 die Wahl des Vorstandes der Jüdischen Gemeide in Rom, die gegenwärtig von einem Regierungskommissar geleitet wird, ausgeschrieben. Bekanntlich hat der Innenminister vor einigen Monaten, nachdem die nichtzionistischen Mitglieder des Vorstandes der Jüdischen Gemeinde ihre Demission gegeben hatten und der Vorstand aus diesem Grunde seine Tätigkeit nicht fortsetzen konnte — statutenmäßig wird der Vorstand bei Ausscheiden von mehr als einem Drittel der Vorstandsmitglieder beschlußunfähig — einen Regierungskommissar zur provisorischen Leitung der Geschäfte der Gemeinde eingesetzt. In maßgebenden jüdischen Kreisen befürchtet man einen äußerst heftigen Wahlkampf zwischen Zionisten und Nichtzionisten. Der Aufruf der italienischen Rabbiner zur Einheit hat nicht den gewünschten Erfolg gehabt. Der Rabbiner von Turin, Dr. Diesgni, der den Aufruf mitunterschrieben hatte, hat infolge der Opposition der nichtzionistischen Elemente gegen ihn sein Amt als Rabbiner zurückgelegt. Die Turiner Jüdische Gemeinde ist einer der stärksten Stützpunkte der Anttzionisten. (Tout comme chez nous Anm. d. Red.) Maimonides-Institut, II., PraterstraSe 11. Vorlesunsen im Wintersemester 1937/38. Sonntag, 5 bis 6 Uhr: Dr. Josei Schächter, Talmudische Diskussionen in logischer Beleuchtung. Montag, 6 bis 7 Uhr: Rabbiner Dr. M. Bauer, En Jakob: 7 bis 8 Uhr, Albo, Ikkarim. Dienstag, 6 bis 7 Uhr: Dr. S. Rappaport, Kusri; 7 bis 8 Uhr: Rabbiner M. Zikier, Talmud (Berachet): 7 bis 8 Uhr: Pesikta. Donnerstag, 6 bis 7 Uhr, Rabbiner Doktor A. Kaminka, Tehillim; 7 bis 8 Uhr: Hervorragende Tannaim und Amoraitn. Samstag, 4 Uhr: Vortrag Ratbbiner Dr. A. Kaminka im Anschluß an die Sidra. Todesfall. Im Alter von 72 Jähren verschied kürzlich in Wien Frau Oberrabbiner Rachel Dinah J e r uchem, Gattin des berühmten Talmudrsten Oberrabhiner Chaim Jeruchem. Die Verewigte war eine hervorragende Persönlichkeit von sprichwörtlicher Güte und Vornehmheit. Von seltener Frömmigkeit und Reinheit des Charakters vereinigte sie in sich reiches Wissen und gediegene Herzensbildung. Die Verbliebene war eine edle Frau großen Formats, die mit allen Attributen eines ausgezeichneten Weibes ausgestattet war. Ihre unvergleichlichen Vorzüge und herrlichen Eigenschatten verschafften ihr unzählige Bewunderer und Verehrer. Die außerordentliche Beliebtheit, deren sie sich in den weitesten Kreisen erfreute, kam bei ihrem Leichenbegängnis zum Ausdruck. Tausende versammelten sich vor dem Trauerhause, um der edlen Heimgegangenen das letzte Geleite zu geoen. Sie wurde in ihren Geburtsort Limanowa überführt. Auf den Stationen fanden sich zahlreiche Verehrer ein, die tiefergriffen der großen Toten den Abschiedsgruß entboten. In Limanova, woselbst ihr Vater Oberrabbiner war, wurden bei Eintreffen der irdischen Hülle sämtliche Geschäfte geschlossen und die gesamte Bevölkerung trauerte um die Heimgegangene. In der Talmud Thora, HL ErdbergstraBe. haben die Sprach- und Bifoelkurse wieder begonnen. Einschreibung täglich von 2 bis 3 Uhr. Honorar S 4.— im Monat Unbemittelte smd vom Schulgeld befreit Humanitärer Unterstützungsverein „Ahavath Chesed", Wien IL, Gabelsbergergasse 3/5. Freitag, den 8. d. M., 'AS Uhr, spricht anschließend an den Oneg Sabbath Herr Julius C h e i t z e r über „Der religiöse Sinn der Schöpfung". Gäste hejglich willkommen.

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