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Die Wahrheit · 1937-09-05 · Heft 35-36 (5.9.1937) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1937
Issue
Heft 35-36 (5.9.1937)
Date
1937-09-05
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Nr. 35/36 — 5. September 1937 DIE WAHRHEIT SedU^ut Kk^-vn/^- $*>v 3te*^£/TV,KW&e^ u,.KU**isLn: im. %V$sX/rjt^ ' SwuSiM, »wt S -l&A&tt/ fc(fc>eü&enfce/l% w^i ,^ö^ e<v 3 Ein Tempel auf dem Erdenrunde. Neujahrsbetracbtung von Dr. Simon Hevesi, Oberrabbiner von Budapest. Wir stehen an der Schwelle der Jahreswende. Zeit und Ewigkeit sprechen uns an. Nun geben wir uns Rechenschaft über die brennenden Fragen, welche die Seele Israels beschäftigen. Unleugbar steht im Vordergrunde des allgemeinen Denkens das Problem des Aufbaus im heiligen Lande und die Lösungsmöglichkeiten desselben beschäftigen die Gemüter und regen die Geister an. Erhaben über jeden Zweifel ist das Recht Israels, im heiligen Lande Dauerndes und Großes zu schaffen. Alle mächtigen Völker und Nationen, alle Religionen und Konfessionen waren eifrig bemüht, im heiligen Lande schöpferisch zu wirken. In den Tiefen der Jahrtausende wurzelt das Recht des Judentums, sich auf diesem heiligen Boden zu betätigen. Doch erschöpft sich darin die Aufgabe des Gesamtjudentums nicht Es bleibt noch der Ewigkeitsruf zur Religion, der das Leben Israels von Urbeginn an und durch die Folge der Jahrtausende in Vergangenheit und Zukunft erfüllt und beherrscht Die Arbeit am Aufbau von Erez Israel ist an und für sich erhaben und schön, keineswegs aber kann sie als „Lösung der Judenfrage" betrachtet und gewürdigt werden. Sie bildet bloß einen Teil des Gebietes jüdischen Pflicht- und Berufsbewußtseins. Sie bedeutet keineswegs die Verneinung und Verleugnung der Pflichten und'Rechte der Juden in allen Kulturländern, in welchen sie in Vaterlandsliebe und Pflichttreue zur Förderung des Gemeinwohls beitragen. Vom Ewigkeitsgesichtspunkte aus betrachtet, bildet das Judentum in allen Ländern auf dem Erdenrunde — bildlich gesprochen — einen Tempel des Einen Einzigen Gottes und jede jüdische Religionsgemende, wo immer auf der Erdoberfläche, bildet einen lebenden Stützpfeiler dieses lebenden Ewigkeits- und Gottestempels, dessen Kuppel in die Zukunft ragt und sich über die ganze Menschheit wölbt. Die Mitzugehörigkeit zu diesem Tempel darf nicht verleugnet werden. Und damit ist eine Mission des Judentums angedeutet auf dem ganzen Erdball, überall, wo Gottes Menschenkinder wohnen. Gott der Herr, der Schöpfer von Himmel und Erde, der da spricht: „Mir gehört die ganze Erde!" will es, daß dieser lebende Tempel besteht Und damit hängt das Recht des Israeliten zusammen, sein Vaterland überall, wohin ihn die göttliche Fügung gestellt mit ganzern. Herzen in opferwilliger Treue und Hingabe aufrichtig zu lieben. Ich halte fest an der welthistorisch begründeten Geschichtsbetrachtung, die mir zur Ueberzeugung geworden ist und die sich in der Formel ausprägt: Der Körper der Weltgeschichte ist Sodom und Gomorrha; die Seele der Weltgeschichte ist Zion; die aus Zion ausgehende Lehre, Idee und System von Religion und Moral ist die Seele der Weltgeschichte. Die vom Haß geschlagenen offenen Blutwunden des Körpers der Weltgeschichte vermögen und dürfen nicht absorbieren und verschlingen die Rechte des Judentums, denn die Rechte des Judentums wurzeln nicht im Körper, sondern in der Seele der Weltgeschichte! Mit diesem Gedanken wollen wir das neue Jahr begrüßen. Für Gott und Glauben, für Religion und Ethik, für Recht und Menschlichkeit, für Freiheit und Brüderlichkeit wollen wir eintreten und ein geweihtes Leben führen; denn in dieser Weihe ward uns ewiges Leben eingepflanzt. Wenn man alte Stadtteile abträgt, um neue Gebäude zu errichten, sieht man oft zwischen den demolierten Trümmern einzelne Mauerreste wie Säulen ragen. Das sind die Pfeiler und Wandreste, welche die Beleuchtungs-Apparate und die Wasserleitungsrohre tragen, die zum Weiterbau unerläßlich sind. So geht es in der Weltgeschichte. Abbau und Aufbau wechseln. Den Fortbestand sichert der Beruf: Träger der labenden Heilquelle und des Lichtes zu sein! Aschrecha Jisrael! Heil und Glück dir, o Israel! Leschono tau wo! CBCST1DIN] il \ SEMMERING {—J %üß JAHRESWENDE 5<ßS>§ In althergebrachter Weise werden wir den Jahresbeginn in unseren Gotteshäusern und im Kreise der Familie mit Andacht und Zuversicht, innerer Einkehr und Gottvertrauen feiern. Wir werden uns gegenseitig die Hand drücken, uns „Schono Tauwo" wünschen, wie wir es von Vorzeiten her gewöhnt sind. Wir werden uns an den alten Melodien, die schon die Herzen unserer Vorfahren ergriffen, erbauen. Wir werden während der Andacht wohl innehalten und vor- und rückwärtsschauen. Ob wir wollen oder nicht die Betrachtung über die Jahreswende ist gegenwärtig bei uns nicht mehr ganz die gleiche wie früher! Während wir in den früheren Jahren zu Beginn eines neuen Jahres uns gegenseitig beglückwünschten und den hoffenden Blick mehr in die Z u k u n f t richteten, ist es heute anders geworden. Bei gar vielen wenigstens. Unser Blick haftet noch zu stark am Vergangenen, an den unfaßbaren Geschehnissen der letzten Jahre. Wir haben es noch immer nicht begriffen; ja, wir können es noch gar nicht fassen. Und wie ein Kind am Sederabend an den Vater die Frage stellt: „Warum?", stellen viele heute an den Weltvater die Frage nach Sinn und Wert dieser Weltordnung . . . Man wird da an jenen Midrasch erinnert der uns tröstend erzählt, daß vor Gott ein Becher stehe, der sich mit den Leidenstränen Israels fülle, und daß erst dann, wenn der Becher voll sein werde, auch Israel Gerechtigkeit widerfahren werde. Und wir fragen bekümmert, ob denn der Becher noch immer nicht voll, ob es noch nicht genug oder ob der Becher der Leiden gar bodenlos sei? Gewiß, unser altehrwürdiger Kalender stellt gewissermaßen einen Adelsbrief dar. Ein Volk nicht von gestern und ehegestern, ein Volk, an dessen Glaubensflamme sich große Weltreligionen entzündet an dessen Lehren und Satzungen Völker sich geformt an dessen heiligen Schriften und Prophetenreden Denker und Dichter sich gebildet Was sagt schon allein nicht die Jahreszahl 5698? Und dennoch, wir begegnen heute gar vielen jüdischen Menschen — es darf dies nicht verschwiegen werden —, die sich vorwagen, mit Gott zu hadern, dem Weltvater jenes große Warum entgegenschleudem oder mindestens die Frage: wie lange noch? Warum wird zu allen Zeiten und bis in unser „aufgeklärtes" Zeitalter hinein, für jedes Unglück in der Welt, für jede Krise und für jedes Mißlingen die jüdische Gemeinschaft immer neu verantwortlich gemacht? Schämt man sich denn gar nicht daß man einst in ähnlicher Zeit von durch „Juden" vergifteten Brunnen sprach, wie man aus purem Aberglauben Hexen verbnannte und Scherbengerichte hielt? Hat man all das vergessen oder will man die Menschen verdummen und ins Mittelalter zurückdrängen? Menschen, die so kleinmütig sind, die in Jahren und Jahrzehnten rechnen, statt in Jahrhunderten und Jahrtausenden, wie es einem alten Volke geziemet, müssen wir die Frage entgegenstellen, ob es etwa der Technik, der Wissenschaft, der Philosophie heute besser gehe? Ob sie auf das Geschehen unserer Tage eine Antwort wissen? Was hat sich die Welt vom Fortschritt auf dem Ge- HOTEL ELISABETHHOF Zeitgemäße Preise. Kein Mahlzeitenzwang biete der Technik nicht alles versprochen? Wie sehr hatten wir schon auf die verstaubten Gelehrten und auf die „rückständige" Vergangenheit herabgeschaut? Wie stolz war der Mensch, als er im Fluge sich erheben konnte und seine Herrschaft auch in das Reich der Lüfte ausdehnte? Träumte man da nicht von einer Annäherung der Völker aneinander? Von Ueberwindung der Entfernungen, von einem Näherkommen des Menschen zum Menschen? Statt dessen haben die gleichen Menschen den Segen in Fluch verwandelt. Was wir noch vorgestern ersehnt und angebetet, wird heute schon gefürchtet wovon man sich das höchste Glück versprach, davor lernt man heute sich schützen. Nicht viei anders geht es heute mit der Wissenschaft. In manchen Ländern ist sie beinahe bedeutungslos geworden; irgendeine militante Restaurant Stefanie Hugo u. Julie Herlinger, geb. Zollner II., TaborstraQa 12 Tel. R 48-4-46 "^S^D Erstklassige renommierte Küche, große Auswahl. Reichhaltige Menüs von S 1.60 aufwärts. Exakte Bedienung. Schöner schattiger Garten. Angenehmer Aufenthalt. Organisation hat oft mehr zu bedeuten als sie. Ihr Einfluß ist fast bis auf den Nullpunkt gesunken. Man denke nur an die gewaltigen Kostenaufwände für eine Olympiade im Vergleich zu den Ausgaben für wissenschaftliche Forschungsinstitute in unserer Zeit. Was hat nicht auch die Welt für Erwartungen an die Buchdruckerkunst, an die Vervollkommnung des Rundfunkes geknüpft? Beide dienen heute der Vergiftung der Atmosphäre und Verhetzung der Menschen und Völker. Straßen werden erweitert damit das Heer schneller vorwärts komme, motorisierte Fahrzeuge werden immer mehr vervollkommnet damit der „Feind" schneller überrascht werden könne! So verwandeln Menschen den Segen in Fluch, Fortschritt in Verfall, Erkenntnis in Verdummung, Aufklärung in Barbarei. Man sage darum nicht Gott habe die Menschen verlassen, sondern der Mensch hat sich allzu weit von Gott entfernt. Er wollte sich Gott gleichsetzen und ist nun — entsetzt Wieder hilflos und verängstigt wie einst. Ob die Vorsehung das älteste Religionsvolk zu allererst dafür verantwortlich macht? Wer vermag es zu sagen? Uns dünkt, der Leidensbecher ist nun übervoll. Wir leiden mit den Völkern und leiden außerdem besonders als Juden. Den Mut lassen wir aber nicht sinken, im Gegenteil, je voller das Maß, desto näher die Erlösung. In unserem Kalender nähert sich das siebente Jahrhundert im sechsten Jahrtausend seiner Vollendung. Es sind dies sozusagen Höchstjahre, in kaum erträglicher Glut zwischen Hammer und Amboß geformt Harte und bittere Jahre liegen hinter uns. Auch unschuldige Kinder, die noch nicht einmal ahnen konnten, was das Schicksal ihnen mit in den Schoß gegeben, müssen leiden, ohne zu wissen wofür und warum. Der Haß feiert Siege und Triumphe und tobt sich reichlich aus. Aber auch viel Menschenliebe hat sich aufgetan. Bei Juden wie bei Nichtjuden. Das Gefühl des Erbarmens und der Gerechtigkeit hat nur die allerhärtesten Menschen, soweit sie diesen Namen noch Verdienen,! verlassen. Der göttliche Funke IDir bitten um Einsendung von Adressen« an die wir Probeexemplare versenden können. Die Verwaltung „WAHRHEIT" IL, Heinestrafje Nr. 13

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