Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1937
- Issue
- Heft 21 (28.5.1937)
- Date
- 1937-05-28
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Nr. 21 — 28. Mai 1937 DIE WAHRHEIT SectU^e^ KJ&xUvv^- tyüi, dtsüViZnr^}KtfuiJb^u.\<^ % rJ&Uuyv Smj&SIm, twc J&e-L S/B^e/Uklfctafcenfte/t$u)ü^i ^ö^eq,.3 Wie lange noch „Neue Zeit"? JCucacl Sauet&cutm Ausflugsort u. Sommerfrische, Kohlensäurebäder u. fein schmeckender Säuerling. Gesunde u. preiswerte Sommerwohnungen. Rituelle Speisehäuser zu billigen Preisen. Auskünfte erteilt die Kurkommission Sauerbrttnn, die Vverbes eile des Landesverbandes für Fremdenverkehr im Burgenland und der Heil- und Kurorteverband, beide Wien /., Nibelungengasse 1 Die L i n z e r „Neue Zeit" findet es in ihrer letzten Ausgabe für notwendig, in einem langatmigen Leitartikel zu der aus Anlaß des fünfzigjährigen Jubiläums der „Union österreichischer Juden" erschienenen Festschrift Stellung zu nehmen und ihren Lesern, gestützt auf Zitate aus dieser Schrift, die sensationelle Weisheit zu verkünden, daß es Antisemitismus in Oesterreich schon von dem — Nationalsozialismus gab. Bevor wir in einer unserer nächsten Nummer auf diesen geistreichen Erguß antworten, wollen wir heute unseren Lesern die Meinung bekanntgeben, die in vaterländischen katholischen Kreisen über dieses „national betonte" Blättchen vorherrscht und ihren Ausdruck im folgenden Artikel des bekanntlich dem Herrn Bundeskanzler Dr. Kurt von Schuschnigg nahestehenden „Sturm über Oesterreich" findet: Die „Neue Zeit": Was will man denn von ihr? Die „Neue Zeit", Linz, erregt seit geraumer Zeit das stärkste Mißfallen der vater- IHOTEL ELISABETHHOF Zeitgemäße Preise. Kein Mahlzeitenzwang ländischen Bevölkerung. Diese läßt sich in ihrem ungebrochenen Instinkt auch durch sozusagen „vaterländische" Leitartikel nicht beirren, besonders wenn darin behauptet wird, die Linie des Bundeskanzlers sei die der „Neuen Zeit" und werde von ihr gegen alle „Scheinheiligkeit und Verlogenheit" verteidigt. Die vaterländische Bevölkerung ist ebenso durchaus nicht gewillt, zu übersehen, daß alle fanatischen Angriffe auf die katholische und evangelische Kirche ohne jeden Kommentar in der „Neuen Zeit" gebracht werden, daß eine systematische Juden- und Tschechenlietze entfaltet wird, daß Verhandlungen und Verurteilungen von nationalsozialistischen Staatsieinden in ziemlich eindeutiger Form gemeldet werden. Manche bedenkliche Gleichheit von Text und ASitarbeitern betont unösterreichischer Blätter und der „Neuen Zeit" verstärkt jene Stimmung in der österreichischen Bevölkerung, die ihren prägnantesten Ausdruck in der immer lauter werdenden Frage findet: „Wie lange noch?" Dessenungeachtet glaubt die „Neue Zeit", in einem Leitartikel fragen zu dürfen, was man denn von ihr wolle! Sie spricht von einer „Pressemeute", die gegen sie ist. Nun, diese „Pressenieute" besteht auch aus uns, dem „Sturm", besteht aus dem „Weltblatt", besteht aus den „Wiener Stadt-Stimmen" und tapferen Blättern der Bundesländer. Alle diese Zeitungen und Zeitschriften sind nicht von jüdischem Kapital gelenkt, wie die „Neue Zeit" behauptet, und kein Jude oder Emigrant, so sehr wir diese armselige Argumentation an sich ablehnen, sitzt in diesen Redaktionen. Alle diese Zeitungen sind schlicht und einfach „österreichisch" und bekennen sich nicht „auch" zur politischen Linie des Bundeskanzlers, sondern „nur" zu ihr und „seit je". Die „Neue Zeit" steht zu all diesen Blättern und ihren Anhängern in schärfstem Gegensatz. Sie steht in ihrer ganzen Linie im Gegensatz zu dem, was christliches Gebot verlangt: wenn sie also Gleichberechtigung verlangt, so verlangt sie Vorrechte. Denn gleichberechtigt kann nur der sein, der den Sinn des österreichischen Wollens klar und ohne Vorbehalte, ohne „doppelten Boden" erfüllt. „Wir lassen uns nicht düpieren" — das Wort bleibt bestehen. Es ist lächerliches Bemühen, jene weitesten Kreise der Bevölkerung, die der Terror- und Mordwelle von 1934 Widerstand boten, jetzt als gegen die Verfassung bestehend auszuspielen; es ist lächerliches Bemühen, sich selbst die Rolle der Verfassungshüter anzumaßen und absolut einseitig die wirtschaftlichen und politischen Gegebenheiten darzustellen; es ist lächerlich, die bewährten vaterländischen Massen schulmeistern zu wollen und über Leopold usw. kein Wort aufrichtiger Ansicht zu schreiben. „Was will man denn von uns?" so fragt die „Neue Zeit". Die Antwort ist leicht: in dem Sinne offene Verurteilung aller Methoden, die mit Mord oder nordischer List Oesterreich unterwühlen wollen; offene Verurteilung aller jener, die immer noch gegen den Staat hetzen; offene Verurteilung all jener Methoden, die die christliche Religion angreifen, daher auch der 'antikatholischen Schauprozesse; offenes Bekenntnis der österreichischen Haltung auch darin, daß man Elemente, wie jene Vorarlberger Firma, die von der V. F. zu sozialer Haltung gezwungen werden mußte, auch in der „Neuen Zeit" an den Pranger stellt und nicht bloß mühselig nach „jüdischen" Feinden sucht. Und eine Ahnung wenigstens dessen, was christliche Weite und deutscher Mut ist! Und wenn das alles zu schwer ist: Schweigen, schweigen! Das will man, das fordert man, das will man erzwingen. Die Massen christlich-deutscher Bauern und Arbeiter verlangen das und so wird es geschehen! Niel*! düpieren lassen? Die deutschen Handballer haben am Sonntag im Wiener Stadion eine österreichische Mannschaft 15:6 besiegt. Es war ein Spiel, reich an Toren: an solchen, die auf sportliche Weise geschossen wurden, leider aber auch an solchen, deren Torheit der Veranstaltung ein unsportliches Gepräge gaben, das von der Tagespresse mit Recht als eine Sabotage gegen den österreichisch-deutschen Pakt vom 11. Juli gedeutet wird. Das kleine Oesterreich hat immer wieder seinen guten Willen bewiesen, diesen Pakt ehrVich zu halten. Dagegen häufen sich auf der anderen Seite charakteristische Zwischenfälle, die beweisen, daß der Krokodilshunger unseres großen Vertragspartners die Sicherheit Oesterreichs immer noch gefährdet. Darüber dürfen uns' auch die Krokodilsmt Pension Echsfein Semmering tränen nicht täuschen, mit denen die braunen Offiziösen derlei immer wiederkehrende Entgleisungen liquidieren möchten. Auch diesmal hat der Reisediplomat der reichsdeutschen Handballmannschaft, Reichsfachamtsleiter Brigadeführer Herrmann, Sonntag abends noch sich und seine Leute von dem unerhörten Ereignis, daß ein Wiener Sportpublikum gegen eine repräsentative Mannschaft des eigenen Landes, ja gegen dieses Land selbst Stellung nahm und für die ausländischen Spieler Partei ergriff, zu distanzieren gesucht. Die letzte und endgültige Meinung des „Brigadeführens" ist das freilich nicht gewesen, denn schon am nächsten Tage hatte auch er bereits eine andere, offenbar jene, die höheren Orts von ihm gewünscht worden war. Die Mehrzahl der Krawallmacher vom Sonntag haben sicherlich noch kein Handballspiel gesehen. Kenner der österreichischen Sportverhältnisse schätzen die Zahl der heimischen Interessenten für Handballspiele auf höchstens dreitausend. Dem österreichisch-deutschen Handballmatch vom Sonntag wohnten aber gegen 40.000 Zuschauer bei und die Veranstalter hatten merkwürdigerweise mit einer so unerklärlich großen Besucherzahl gerechnet, weil sie sonst kaum den größten Wiener Sportplatz, das Stadion, für ihre Zwecke gemietet hätten. Da stimmt aiso etwas nicht! Vielleicht wird einmal ein ähnlicher Zufall diese Frage klären, wie jüngst die Verhaftung eines österreichischen Nazi, der Rechnungen über die Kosten einiger in Wien verübten Stinkbombenanschläge nach Deutschland schmuggeln wollte, das Rätsel lösen half, von welcher Seite diese dem Pakt vom 11. Juli auch nicht gerade entsprechenden „Freundschaftsbeweise" bestellt und bezahlt werden. Jedenfalls ist höchstes Mißtrauen geboten, wie es auch Bundeskanzler Schuschnigg den illegalen Hakenkreuzanbetern gegenüber an den Tag legte, als er in der letzten Zeit wiederholt erklärte: „Wir lassen uns nicht düpieren!" Es hat in der letzten Zeit nicht an Warnern gefehlt, die auf die naheliegende Gefahr hinwiesen, daß die Teilnahme von reichsdeutschen Sportlern an Wiener Veranstaltungen politische Nazidemonstrationen auslösen würden. Die offiziellen Arrangeure ließen sich aber nicht stören, sondern verlachten die Warnungen. Motto: „Wir lassen uns nicht düpieren". Der Erfolg dieser Taktik waren die skandalösen Vorfälle beim und nach dem Handballspiel: Einschüchterung der österreichischen Mannschaft, die infolge des gegen sie gerichteten Publikumterrors nicht zu ihrer vollen Form auflief, staatsfeindliche Demonstrationen und ' Insultierung harmloser Praterbesucher, insbesondere jüdischer. Düpiert wurden freilich nur die reichsdeutschen Spieler, die statt eines sportsachverständigen bloß ein „sensationslüsternes" Publikum vorfanden und statt der erhofften österreichischen Gemütlichkeit einen Gleichschaltungstaumel, den sie wahrscheinlich gern für ein paar Tage losgewesen wären. Nicht düpiert aber wurden die Wiener: Nicht das Prater-Publikum, weil sich niemand die Mühe nahm, ihm etwas vorzutäuschen: Wenn ein Spaziergänger, der heil und gesund vom Hause fortging, mit ein paar Beulen auf dem Kopfe heimkehrt dann weiß er in der Regel, wieviel es geschlagen hat, und er kann sich nicht über Düpierung beklagen. Ebensowenig die staatlichen und sportlichen Behörden. Denn sie haben trotz allen Warnungen den Nazilockungen nachgegeben. Nachgeben ist aber bekanntlich immer Sache des Klügeren, während Düpiertwerden das Privileg der Dummen ist. Oesterreich ist also nicht düpiert worden. Das ist immerhin ein Trost . . . JUGEND-UNION. Mitteilungen der Zentrale. Mittwoch, den 19. d. M. sprach der Leiter der Jugend-Gruppe IV. und V., Herr Rechtsanwalt Dr. Julius K 1 ü g 1 e r in unserem Heime über das Thema „Jüdisches Eherecht einst und j e t z t". Der sowohl juristisch wie rhetorisch ausgezeichnete Vortrag erweckte lebhaften Beifall und größte Teilnahme bei der überaus zahlreich erschienenen Jugend. Insbesonders die rechtliche Bedeutung der rituellen Ehe und die Einwirkungen der Nürnberger Gesetze auf unser österreichisches Eherecht waren Grundlage einer regen Diskussion. Heimgruppe IV. und V. Der am 22. d. M. in unserem Heime in der Hauslabgasse veranstaltete Gesellige Abend kann als in jeder Hinsicht äußerst gelungen bezeichnet werden. Sowohl die beiden Einakter wie auch die musikalischen Darbietungen waren von großem Beifall begleitet.