Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1937
- Issue
- Heft 14 (9.4.1937)
- Date
- 1937-04-09
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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DIE WAHRHEIT Nr. 14 — 9. April_1937_ Seite 7 Toleranz in Palästina unbekannt. Die „Pariser Tageszeitung" vom 12. v. M. enthält folgenden Bericht aus Haifa vom Anfang März. Eine von der antifaszistischen ■Gruppe der Studenten des Haifaer Technikums einberufene Versammlung» in der Arnold Zweig sprechen sollte, ist von Studenten anderer Anschauung gesprengt worden. Der bei dieser Gelegenheit gelieferten Saalschlacht, in der auch der Redner etwas abbekam, war eine briefliche Fehde vorausgegangen. Die Majorität der Technikumshörer •hatte bei Zweig in einem hebräischen Schreiben protestiert, daß er in den Räumen eines hebräischen Bildungsinstitutes deutsch sprechen wolle. Der Direktor des Technikums, Kaplanski, der die Genlehmigung zu dem Meeting erteilt hatte, sah sich dagegen veranlaßt, vom Verhalten seiner Studenten dadurch abzurücken, daß er Zweig seinerseits für diese Nötigung um Entschuldigung bat. Dieses schriftliche und leider auch handgreifliche Hin und Her war aus keinem anderen als dem Grunde entstanden, daß ein Versuch, den Kampf gegen den Faszismus zu führen, Opfern Hitlers nur deshalb mißfiel, weil sich der Redner des Deutschen als der ihm geläufigsten Sprache bedienen wollte. Auch sonst war das Verhalten des studentischen Rollkommandos kein Heldenstück, denn sein Furor richtete sich gegen einen körperlich schwer leidenden Menschen. Davon abgesehen, hätte schon aus Gründen politischer Vernunft auf die Anwendung von solch „zackigen" Mitteln verzichtet werden müssen, denn jüdische Akademiker nicht nur in Deutschland, sondern äuch im übrigen Europa haben die Wirkung künstlich zum Kochen gebrachten Volkszornes oft .genug übel an ihrem Leib verspürt. Das Kräutlein Toleranz führt gegenwärtig in Palästina genau so wie auf der übrigen Erde ein kümmerliches Dasein. Dabei könnte gerade der uneingeschränkte Genuß geistiger und persönlicher Freiheit für verschiedene! sonstige Mängel Palästinas einen freudig begrüßten Ersatz bieten. Leider wird die Genugtuung über ihr Vorhandensein dadurch getrübt, daß mitunter die Knüppel englischer Polizisten als ihre Schützer., gegen. Ausbrüche übersteigerten Nationalgefühls auftreten müssen. Präsident Julius Stern. Mit dem früheren Präsidenten der Wiener Börsenkammer Julius Stern, der am vergangenen Freitag im 83. Lebensjahre verschieden ist, ist eine markante Wiener Persönlichkeit dahingegangen. Ein Kaufmann bester alter Schule, verband er hervorragende Charaktereigenschaften mit bedeutenden fachlichen und allgemeinen Kenntnissen, auf denen er in zäher Arbeit seine Erfolge aufbaute. Julius Stern wurde im Jahre 1854 in Wien geboren und war von. der Pike auf im Geschäft tätig. Seine Interessen verbreiteten sich über die Firma A. Stern <& Sohn, deren öffentlicher Gesellschafter er war, hinaus und zuletzt war Julius Stern Präsident der Kleinmünchner Baumwollspinnereien und mechanischen Weberei in Linz, Vizepräsident der Anglo-EIementar Versicherungsgesellschaft, Zensor der Oesterreichischen Nationalbank usw. Zeit seines Lebens hat er in den Berufsverbänden gewirkt und an der Gründung und dem Ausbau der kaufmännischen Organisationen Wiens in den letzten Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts maßgebenden Anteil genommen; er war auch Ehrenmitglied verschiedener Korporationen. In das Börsenschiedsgericht wurde er bereits im Jahre 1887 berufen, und er gehörte diesem Kollegium, dessen Vizepräsident er zwölf Jahre hindurch war, ununterbrochen bis zum Oktober 1926 an. Er fungierte ferner 35 Jahre lang als Börserat und war von 1926 bis 1935 Präsident der Wiener Börsekammer; seine objektive und zielbewußte Amtstätigkeit wurde allseits anerkannt* Präsident Stern wurde für sein Wirken auch wiederholt ausgezeichnet. Er war Komtur erster Klasse des österreichischen Verdienstordens, Besitzer des großen Ehrenzeichens für Verdienste um die Republik, Ritter des Ordens der Eisernen Krone usw. In der Textilindustrie auf dem Gebiete des ehemaligen Oesterreich-Ungarns erfreute sich der Verstorbene allseitiger Wertschätzung. Seine Ehrenhaftigkeit, sein zuvorkommendes Wesen und sein Wohltätigkeitssinn, den er im stillen außerordentlich weitherzig, insbesondere auch für jüdisch-humanitäre Zwecke betätigte, sicherten ihm jedoch weit über den Kreis seiner Berufsgenossen hinaus Ansehen und Beliebtheit. Der bis zuletzt rüstige und lebhafte alte Herr hatte auch stets intensives Interesse für jüdische Fragen; er gehörte der „Union österreichischer Juden" seit vielen Jahren als Mitglied an und bekundete für die Bestrebungen dieser Organisation immer wohlwollende Sympathien. Das Leichenbegängnis fand Sonntag, den 4. d. unter gewaltiger Beteiligung statt, u. a. wohnten ihm der Präsident der „Union", Herr Reg.-Rat Dr. H. Oppenheim und führende Mitglieder dieser Vereinigung bei. Auf Wunsch des Verblichenen wurden keine Trauerreden gehalten. Oberrabbiner Dr. I. T a g 1 i c h t nahm die religiösen Zeremonien vor. Alfred Tonelles. Alfred Tone lies ist nicht mehr. Nach langem, schweren, mit gottergebener Geduld ertragenen Leiden ist er am 4. d. M. im 59. Lebensjahre dahingeschieden und wurde Mittwoch, den 7. d. M., unter außergewöhnlich großer Beteiligung in der Familiengruft am Zentralfriedhor, I. Tor, zur ewigen Ruhe bestattet. Eine brave Frau, die mit ihm in glücklichster Ehe lebte, vertiert den fürsorglichen Gatten, jüdische Arme, denen er stets seine ganze Hingabe widmete, verlieren einen unermüdlich für das Wohl der Bedrängten tätigen Heiter, die jüdischo Gemeinschaft und insbesondere die „Union österreichischer Juden", der er mit Begeisterung anhing, einen Mitarbeiter von hervorragenden Qualitäten. Wo immer Alfred Tonelles im Dienste des Judentums wirkte, stellte er seinen Mann. Im besonderen galt seine emsige, jüdische Arbeit seiner Favoritner Gemeinde, in der er kraft seiner Persönlichkeit und seiner Leistungen eine hervorragende Rolle spielte. Er war Obmannstellvertreter des dortigen Israelitischen Humanitäts- Kaufmannin vielen Branchen b e s t e n s versiert, sudit dringend Stellung für Innen- oder AuSendienst Unter „REFERENZEN", an die „Union öster« reidüsdier Juden", L, SAottenring Nr. 25 Vereines, ja geradezu %:tiäe^€ Kraft d?eses Vereines. Er war Vorstandsmitglied der Chewra Kadischa X, außerdem auch Delegierter der allgemeinen Chewra Kadischa und in dieser Eigenschaft erwies er zu jeder Jahreszeit, bei Wind und Wetter, unzähligen Glaubensgenossen, gleichgültig, ob arm oder reich, den letzten Liebesdienst. Hilfsbereitschaft war überhaupt der Grundzug semes edlen Charakters, vornehmlich galt sein Wirken den., armen Kindern, denen eine Freude zu bereiten, ihm selbst Freude war, und den Hungernden, deren arges Los er 'in Gemeinschaft mit seiner ihn in allen FürsorgeaJttionen unterstützenden Gattin Tini durch Schaffung eines Ausspeisungsvereines zu lindern sich bemühte. Im Favoritner Tempelverein nahm er eine geachtete Stellung ein, wie er auch allgemein sich in der Favoritner Judenschaft größter Wertschätzung und Beliebtheit erfreute. Er war deshalb auch berufen, in der Favoritner Bezirksorganisation der „Union Österreichtscher Juden" führend tätig zu sein. Wann immer die „Union" ihren Ruf an ihn ergehen ließ, um die unionistischen Ideen im Bezirke zu propagieren, Alfred Tonelles war zur Stelle und stellte seine wertvollen Kräfte in den Dienst der österreichisch-jüdischen Sache. Es war daher mar eine selbstverständliche Dankessohuld, daß die „Union" ihn schon vor vielen Jahren in ihren Zentnalvorstand berief und ihn auch bei der kürzlich stattgehabten Generalversammlung in den Zentralvorstand wieder wählte. Hier hörte man gerne seinen klugen Rat, der gestützt war auf die reichen Erfahrungen, die er in seiner AveitverzAveigten Tätigkeit im Dienste der jüdischen Allgemeinheit sich erworben hat. Auch in der Bezirkskommission IV/V/X der Kultusgememde war er ersprießlich tätig, als Fürsorgerat der Kultusgememde leistete er zum Wohle der Armen Hervorragendes. Ein reiches, jüdisches Leben wurde allzu irühzeitig abgeschlossen, die allgemeine Teilnahme wendet sich der schwergeprüften Gattin zu, die Teilnahme nicht nur jüdischer Kreise, sondern auch vieler maßgebender christlicher Mitbürger, denn der Heimgegangene war auch in seinem Berufe als Trafikant allseits hoch geachtet; in seiner wirtschaftlichen Standesorganisation hat er sich ebenfalls bleibende Verdienste erworben. Die überaus große Beteiligung am Leichenbegängnis gab Zeugnis von der Liebe und Verehrung, die sich der Dahingeschiedene im Leben errungen hat, und von der Trauer, von der alle, die ihn gekannt und geschätzt haben, angesichts seines so frühzeitig erfolgten Ablebens Schmucining von Ginnen and Grabern LEopoldDßutschJißnXl. einzige jüdische Gärtneret beim Zentralfriedhof I. Tor, Tel. U 13-0-40 Zentralfriedhof IV. Tor, Tel. U 17-0-08 Eigene Kulturen erfüllt sind. Außer der Familie des Verblichenen und hervorragenden Funktionären der Tabak-Regie und der wirtschaftlichen Organisation der Tabaktraiikanten sah man u. a.: eine starke Abordnung des Zentralvorstandes der „Union österreichischer Juden" mit Ehrenpräsidenten Dr. J. O r n s t e i n an der Spitze, zahlreiche Vorstandsmitglieder des Favoritner Tempelvereines unter Führung des Obmannes, Herrn B. Scher, in Vertretung des „Bundes jüdischer Frontsoldaten", Bundesführer Hauptmann Edler v. Friedmann, eine große Deputation des Favoritner Humanitätsvereines, sowie des dortigen Frauenvereines mit seiner Präsidentin Frau Dr. A. Mandl u. v. a. Die Trauerrede hielt in ergreifender Weise Rabbiner Dr. A. W e i n e r, der ein schönes Bild des Wesens und Wirkens des Heimgegangenen entwarf und insbesondere seine pietätvolle Gesinnung rühmte, der auch sein edler Humanitätssinn entsprang. Für den Favoritner Humanitätsverein sprach Schrittführer S c h m e i e r ehrende Worte des Dankes und Abschiedes. Der Obmann der Bezirksorganisation X der „Union österreichischer Juden", Herr Leopold Grünspan, nahm mit bewegten Worten Abschied von dem treuen Kampfgefährten und gab der Versicherung Ausdruck, daß das Andenken an den Verblichenen, der der „Union" so treu ergeben war und ihr so wertvolle Dienste leistete, in deren Reihen nie erlöschen werde. Am oftenen Grab sprach im Namen der vielen, denen Alfred ToneUes seine hingebungsvolle Fürsorge zuteil werden ließ, einer der von ihm Betreuten rührende Worte des Dankes. Namens der wirtschaftlichen Organisafion der Tabaktraiikanten nahm ein führender Funktionär des Verbandes herzlichen Abschied von dem Heimgegangenen, dessen Verdienste gebührend gewürdigt wurden. Die kantorale Funktion hatte Oberkantor S. Weis spinne, dermit besonderer Wärme am offenen Grabe einige „El moie rachamim" rezitierte. Mit dem schmerzlichen Bewußtsein, einen seelensguten Menschen und aufrechten Juden begraben zu haben, verließen die zahlreichen Teilnehmer des Leichenbegängnisses den heiligen Ort. h. Semeindednonib. 75 Jahre Israelitische Kultusgemeiade Zürich. Am 29. März waren 75 Jahre seit der Gründung der Israelitischen Kultusgemernde Zürich vergangen. Im Jahre 1850 wohnten in Zürich erst 56 Juden; sie hatten noch kein Recht zur Niederlassung, die Bewilligungen mußten periodisch erneuert werden. Als der berühmte Bundesbeschluß im Herbst 1856 kam, der d:e Emanzipation einleitete, fielen die ersten Schranken; die niedergelassenen Juden, welche Schweizer waren, enhielten politische Rechte -und wurden zum Militärdienst herangezogen. Am 3. März 1862 wurden durch ein Gesetz, betreffend die Rechtverhältnisse der Juden, die Beschränkungen hinsichtlich Verkehr und Niederlassung, ganz aufgehoben. Am 29. März 1862 fand die Griindungsversammltmg der Israelitischen Kultusgemeinde statt, an der zwölf Männer teilnahmen. Schon vor der offiziellen Gründung hatten sie sich zum Gottesdienst versammelt; zum erstenmal seit Jahrhunderten in Zürich war dies zu Rosch Haschana 185S der Fall. Am 16. September 1884 wurde die Synagoge in der Löwenstraße, die mit einem Kostenaufwand von Frcs. 300.000 erbaut wurde, eingeweiht. Die Gemeinde hatte damals 80 Mitglieder. Der erste Rabbiner der Gemeinde war Doktor Lew in, der 1S67 nach Zürich kam. Ihm folgte Doktor Kisch, der 1877 nach Prag ging. Hierauf kam Rektor Dr. Landau, der bis 1892 in Zürich blieb: 1893 kam Rabbiner Dr. Littmann, der nach 43jähr»ger Tätigkeit 1936 in den Ruhestand trat. Die Gemeinde wird jetzt von Rabbiner Dr. Zwi Taubes betreut, ^ler bekanntlich vom Wiener Pazmanitentempel berufen wurde. Er befaßt sich jetzt mit Plänen der Errichtung eines Lehrhauses, der Erweiterung des Schulprogramms und der Erhebung Zürichs zu einer jüdischen Bildungsstätte ersten Ranges. Der erste Präsident der Gemeinde war M. D r e y f u s, jetziger Präsident ist Saly Braunschweig. 1912 zählte die Gemeinde mehr als 500 Mitglieder. Im Laufe der Jahre haben sich zwei andere Gemeinden;n Zürich gebildet: die streng orthodoxe Religionsgesellschaft und die" ostjüdische Gemeinde Agudas- Achnn. Zwischen den drei Gemeinden bestehen sehr gute Beziehungen. Nicht alle Juden in Zürich gehören den jüdischen Gemeinden an: es wird deswegen jetzt eine ..Anschlußpropaganda" durchgeführt. In Zürich lebten 1920 6662 Juden, bei der Zählung im Jahre 1930 war ein Rückschlag auf 5728 zu verzeichnen. Die am 2. November 1930 angenommenen Statuten nennen als Zweck der Gemeinde: „Erweckung und Erhaltung religiöser