Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1937
- Issue
- Heft 14 (9.4.1937)
- Date
- 1937-04-09
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Zeitung vom Verleger versendet „Journal expedte par Feditenr" „journai expeaie par reaneur- Jüdische üöodicnsdirift Die Wahrheit mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden" Erscheint jeden Freitag Preis 40 Groschen Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien: A 100.918 53. Jahrgang Wien, 9. April 1937 Nummer 14 Die Aristokratie des Pöbels.4 99 In Zürich sprach kürzlich Thomas Mann über Judentum und Antisemitismus. Das eindrucksvolle Bekenntnis des deutschen Dichters zu Freiheit und Menschenwürde, zu Kultur und Humanität fand eine Formung, wie sie nur einem geistig Großen zu idgen sein kann. Thomas Mann charakterisierte den Antisemitismus, den „Popanz einer Minderheit", als die „Aristokratie des Pöbels", deren Devise sei: „Ich bin nichts, aber der Jude ist noch weniger." „Wir leben in einer Epoche", führte Thomas Mann aus, „dal jdiel Freiheit und iMenschlichkieit geknechtet und bedrückt werden. Man hat oft seiner Zeit zu verzeihen, aber man muß trotzdem der Not zu widerstehen versuchen, selbst wenn man dadurch gegen seine Zeit leben muß. Denn man darf nicht nur Repräsentant, sondern muß auch Kämpfer seiner Zeit sein. Der populärste der Mängel, welche unsere Gegenwart und viele Perioden der Vergangenheit zu verzeichnen haben, ist der Antisemitismus. Das Verlangen, für dia Ungunst der Zeit einen Schuldigen zu suchen und finden, ist etwas Menschliches, aber auch Allzumenschliches. Dem muß man widerstehen. Man darf nicht einstimmen in das Gegröhl der Masse, sondern ihm sein entschiedenes Nein entgegenstellen. Der geistige Führer darf nicht zum Pöbel heruntersteigen, um ihn unter dem Leitwort der Bluts- und Volksverbundenheit zu veredeln versuchen, denn der Pöbel wird dadurch nicht veredelt, wohl aber — wie viele Gegenwartsbeispiele es beweisen — dar geistige Adel verpöbelt. Es braucht aber einen Geistesadel, der die große Masse führt! Ich bekenne, daß ich tiefe Abneigung gegen den antisemitischen Dünkel heg©- und daß meine Abneigung gegen den Antisemitismus gewachsen ist, je mehr sich dieser ausgebreitet und an Macht gewonnen hat. Wenn man die Verdienste in Betracht zieht, die die Juden für das kulturelle Deutschland geleistet haben, so ist der Antisemitismus dort überhaupt nicht verständlich .. . Erst mit dem Vordringen des christlichen Glaubens ist Deutschland in den Kreis der Kulturvölker eingetreten. Eine Mischung des vorchristlichen Barbarismus und der christlichen Kultur entstand, welche aber doch nicht so gefestigt war — und ist! —, als daß nicht Rückfälle in die vorkulturellla Barbarei möglich wären, welche stets mit antisemitischen Ausschreitungen verknüpft sind. Die Juden bedeuten für die deutsche Atmosphäre eine wichtige und wertvolle internationale Komponente mittelländischen Einschlags. Der Antisemitismus wendet sich nicht nur gegen die Juden, sondern ganz allgemein gegen die europäische Kultur und gegen die Freiheit. Ein Kulturmensch kann nicht Antisemit sein, denn sonst ■ verstößt er gegen die abendländisch-christliche Kultur, und wer diese Kultur verleugnet, der ist ein /verlorener Geist, GutmtsniiMPFf^ m ewmi tfotttsr Fachfirma 6 BAH DAG El-IIIKOLASCH, Taborstraße 22 eine verlorene Seele. Die Juden waren für die Entwicklung der abendländischen Kultur ebenso wichtig wie die Griechen. Was Goethe von den Deutschen sagte, daß sie ihre Aufgabe auf Erden Union österreichischer Juden Klubheim u. Sekretariat: Wien /., Schottenring 25 Telephon A 19-2-77 In den Räumen des „Union=KIub" finden in der kommenden Wodie zwei interessante Vorträge statt. Am Dienstag, den 13. April, 8 Uhr abends, spricht O&ee&aueat 3m$. £udmq. Zischet über das aktuelle Problem Umschichtung in jüdischen £ehciveiksiätten 2)c. phil. x.1 tet. #ol.!hcuui3*sel Weiss Oloma Judaica Gäste willkommen! Oesterrelclilsclies Qualit«Hs TaDrihal Ueberau erhältlich noch nicht erfüllt haben, kann man wohl auch von den Juden behaupten; denn trotz all den herben Schicksalsschlägen, dem Kummer und Elend, die dieses Volk zu erdulden hatte, existiert und lebt es noch. Als Bindungsglied zwischen der Gegenwart und tiefsten Vergangenheit bildet es ein Korrektiv unserer heutigen Zeit. Immer, wenn eine antisemitische Welle in Deutschland heranzog, war dies ein Zeichen dafür, daß das Volk sich irgendwie betroffen fühlt, Schlechtes plant und Metzeleien anstellen will. Doch man braucht nicht bange zu sein. Der wirklich-wahre Humanismus ist in den Herzen noch stark verbreitet und bildet den Nährboden für die kommende dritte humanistische Periode. Das Judentum lebt und wird weiterleben und gemeinsam mit allen Völkern durch Krisen und Hindernisse hinweg zum Weltfrieden schreiten!" Ein offenes Wort an die Beamtenschaft der Kultusgemeinde. Der Kultusvorstand hat mit 16 zu 13 Stimmen bei 5 Stimmenthaltungen Herrn Dr. Josef Löwenherz zum definitiven Amtsdirektor bestellt. Die jüdischnationalen Zionisten haben damit ihr Werk der Stellenvermittlung in der Seitenstettengasse für ihre Parteifreunde fortgesetzt, wahrscheinlich aber noch nicht beendet. Während des Kampfes, der über ein Jahr gegen diese Parteilichkeit der Majorität im Kultusvorstande geführt wurde, haben die am meisten Betroffenen, das sind die Beamten der Wiener Kultusgemeinde. nichts unternommen, um dia primitivsten Rechte jeder Beamtenschaft zu wahren. Mir sei es nun gestattet, im folgenden meine Meinung über den „Fall Löwenherz" vom Gesichtspunkte eines Beamten offen zu sagen, vielleicht kann für die Zukunft verhindert werden, daß weiterhin die Rechte der Beamtenschaft der Kultusgemeinde verletzt werden. Ich will vorausschicken, daß ich als Schreiber dieser Zeilen selbstverständlich nicht Beamter der Kultusgemeinde bin. Als außenstehender Beamter, der ich die einzelnen Phasen des Kampfes um die Politisierung der Amtsdirektorstelle mitgemacht habe, fühle ich mich verpflichtet, meine Ansicht kundzutun, weil ich die innere Ueberzeugung habe, der Sprecher aller jener Beamten der Kultusgemeinde zu sein, die sich — dem Terror der jüdischnationalen Majorität sich beugend — fürchteten, ihre Meinung zu sagen, und weil ich mich insbesondere mit jenen Beamten der Kultusgemeinde auseinandersetzen will, die unbekümmert um ihre Stellung sich im Amte und außerhalb des Amtes zu politischen Akteuren des „Schauspieles Löwenherz" gemacht haben. Es gehört zu den grundsätzlichen Rechten, die allerdings nicht gesatzt, aber gewohnheitsrechtlich erhärtet und natürlich begründet sind, daß jedem Beamten die Möglichkeit geboten wird, in seiner Dienstzeit vorzurücken und — seine Befähigung vorausgesetzt — an Stelle seines Vordermannes zu treten, wenn dieser von seinem Dienstposten scheidet Keinesfalls aber ist es üblich, daß frewerdende Beamtenstellen höherer Kategorien mit Personen besetzt werden, die, von außen geholt, ohne jede Vorpraxis und ohne jede Vordienstzeit einfach an eine vorgerückte Stelle aus Protektion berufen werden. Schon als die Ausschreibung der Stelle eines Amtsdirektors erfolgte, hätte die Beamtenschaft der Kultusgemeinde wie ein Mann sich erheben und gegen diesen Eingriff in ihre persönlichen Dienstrechte protestieren müssen. Vor allem wäre es Pflicht der Beamtenvertretung gewesen, dem Präsidium der Kultusgemeinde vorzuhalten, daß sie diese Willkürakte in der Besetzung von Beamtenstellen nicht auf sich beruhen Lassen wolle. Die Vertretung der Beamtenschaft hat nichts getan, die Beamtenschaft selbst hat geschwiegen. Sie hat ebenso geschwiegen, als die Leiterstelle bei der Gemilath Chesed-Kassa mit einem Außenstehenden (Verwandten eiries, Kulfcusvorstehers) besetzt wurde. Sie hat geschwiegen, als der Kultusvorsteher Moses Rath ohne jede Eignung für sein Amt zum Bibliothekar bestellt wurde, und sie hat geschwiegen, als der Posten des