Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1937
- Issue
- Heft 13 (2.4.1937)
- Date
- 1937-04-02
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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V. b. b. Zeitung vom Verleger versendet „Journal expedle par l'editeur" clirift IHeUUrU mit dzn Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden" Erscheint jeden Freitag Preis 40 Groschen Redaktion und Administration: Wien IL, Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien: A 100.918 53. Jahrgang Wien, 2. April 1937 Nummer 13 Keine Blasphemie? Rasiere Didi aot and billig Das „Wiener Montagblatt" beschäftigt sich in aufgeregtester Weise mit unseren vorwöchigen Darlegungen, in welch bedenklichem Ausmaß es dem Nazismus bereits geglückt ist, seine nach dem Urteil der letzten päpstlichen Enzyklika auf „Verkehrung und Fälschung der gottgeschaffenen und gottbefohlenen Ordnung der Dinge" abzielende Rassen-Ideologie in die Mentalität berufsmäßiger Stützen des. österreichischen Ständestaates einzuschmuggeln. Das Blatt, das allwöchentlich die belanglosesten Zuträgereien zu gewaltigen antisemitischen Anklagen aufbauscht, zittert plötzlich um unsere—.Beliebtheit, die es seltsamerweise durch unslere Abwehr . gehässigfer Judeftverleumdungen in. höherem .Maße gefährdet glaubt als durch solche Verleumdungen selbst, und setzt diese daher — selbstverständlich nur im Interesse unserer Beliebtheit — gleich fort, indem es unsere Erinnerung daran, was die Arbeiter dem Lebenswerk Dr. Viktor Adlers verdanken, in ein „vielsagendes offenes Embekenntnis unizerstörbarer Bewunderung für die eigentlichen Begründer der österreichischen Sozialdemokratie'^1 umdeutet, während wir natürlich nicht die vergängliche Parteischöpfung meinten, sondern die von Dr. Adler inspirierte W r b e i it e r g e s.e t z gl le b u n g, deren Unvergämiglichkeit von. den autoritativsten Repräsentanten des heutigen Oesterreich schon wiederholt anerkannt worden ist. Da wir nicht glauben, daß Regierungsmitglieder und Gewerkschaftsführer im österreichischen Ständestaat zersetzende und schädliche Produkte jüdischer Gesetzgeber verewigen würden, wollten wir mit dem Hinweis auf das positive Lebenswerk Doktor Adlers die haltlosen Anwürfe Dr. Czermaks gegen die angeblichen Gefahren der Juden für die Wirtschaft widerlegen. Eine viel größere Gefahr für das österreichische Wirtschaftsleben erblickten wir in der Tatsache, daß das Lehrer-Fachblatt eines Bundeslandes, das so iudenrein ist, aber dem jüdischen Festspielregisseur Reinhardt und den jüdischen Festspielgästen so viel materielle und geistige Bereicherung verdankt wie Salzburg, antisemitische Hetze treibt. Wir sprachen die Warnung aus, daß die ganz grundlos angepöbelten Juden ein Land, das ihnen solcherart Gutes mit Bösem vergilt, mit ihrem unwillkommenen Besuch verschonen werden. Diese patriotische Warnung, deren Berechtigung durch die-jüngst von dem Fachblatt „Wiener Film" gemeldete Ausdehnung des amerikanischen Antinazi-Boykotts auf die unter Goebbels Diktat gleichgeschalteten österreichischen Filme klar und deutlich geworden ist, vernadert das „Wiener Montagblatt" als „Boykotthetze". Schließlich ereifert es sich über unsere „Unverfrorenheit, irgendwelche dem Judentum nicht genehme Aeußerungen als Blasphemien, also Gotteslästerung zu bezeichnen." Wir hatten, um die Ziele des konsequenten Antisemitismus aufzudecken, aus der „Reichspost" einen Unterrichtsprogrammpunkt des Dritten Reiches zitiert: „Wir müssen das Christentum ausrotten", um das Judentum zu besiegen." Diese Order hält das „Wiener Monitagblatt" also für keine Blasphemie! Ebensowenig" vermutlich die vor kurzem veröffentlfchten Verse eines Nazi-Poeten: „Priesterhunde heulen durch Oesterreichs Straßen. Sie zerren, was deutsch ist, in ihre schmutzigen Gassen. Sie jagen, was deutsch ist, hinein in die Arme des völkischen Todes, Sie töten, was deutsch ist, zur Ehre des jüdischen Gottes." Das „Wiener Montagblatt" nimmt wohl auch an dieser Qualifizierung des christlichen Gottesbegriffs als eines jüdischen National gottes keinen Anstoß! Die päpstliche Enzyklika urteilt hierüber anders: „Nur oberflächliche Geister können der Irrlehre verfallen, von einem nationalen Gott, von einer nationalen Religion zu sprechen, können den Wahnversuch unternehmen, Gott, den Schöpfer aller Welt, den Körrig und Gesetzgeber alter Völker, vor dessen Größe die Nationen klein sind wie Tropfen am Wassereimer (Is. 40, 15), in die Grenzen eines! einzelnen Volkes, ia die blutmäßige Enge einer einzelnen Rasse' einkerkern zu wollen... Nur Blindheit und Hochmut können ihr Auge vor Krankenfahrstühle neu und gebraucht von S 70.—, auch leihweise oder Teilzahlung 3 BANDAGEN-MIKOLASCH, TaborstraSe 22 den heilserzieherischen Schätzen verschließen, die das Alte Testament birgt. Wer die biblische Geschichte und Lehrweisheit des Alten Bundes aus Kirche und Schule verbannt sehen will, lästert das Wort Gottes, lästert den Heilsplan des Allmächtigen, macht enges und beschränktes Menschendenken zum Richter über göttliche Geschichtsplanung." Durften wir nicht angesichts dieses Urteils der höchsten kirchlichen Autorität von Blasphemie sprechen, wenn „enges und beschränktes Menschendenken" gegen Oesterrcichlsclics Quamäls Fabrlkal Ueberau erhältlich den jüdischen Einfluß in der Wissenschaft, in der Wirtschaft und in der Kunst sich ereifert? Viel schärfer als unsere Abwehr äußert sich hierüber die päpstliche Enzyklika: „Sittlichkeitsbildende Kräfte von so starker Tiefenwirkung ungenützt lassen oder ihnen den Weg in die Bezirke der Volkserziehung gar bewußt versperren, ist unverantwortliche Mitwirkung an der religiösen Unterernährung der Volksgemeinschaft." . . . „Die gewissenhafte Beobachtung der zehn Gebote Gottes ist für jeden Einzelmenschen eine unvergleichliche Schule planvoller Selbstzucht, sittlicher Ertüchtigung und Charakteriormung." Mit diesen Worten ist aber auch das wahre Urteil über das Wesen der „Verjudung" gesprochen, vor der die diversen Czermaks in Oesterreich warnen zu müssen glauben. Es ist völlig widersinnig, die tiefsten Glaubenssätze der Juden willig zu übernehmen und gleichzeitig über „Verjudung" zu zetern, wenn jüdische Wissenschaftler sich den Nobelpreis verdienen, jüdische Künstler und Literaten den Ruhm Oesterreichs in der Welt verbreiten und fesitigen und jüdische Sportfunktionäre, wie die „Reichspost" dem verstorbenen Hugo Meisl nachrühmte, als „Künder und Wegbereiter ihrer Heimat" wirken. . . Wir werden nicht aufhören, diesen Widerspruch als Blasphemie zu werten. Die löwenheriler. Wie man aus den Tageszeitungen vom 31. v. M. entnehmen konnte, hat die Friedmann- und Stricker-Partei den Wiener Juden den Dr. Josef Löwenherz als definitiven Amtsdirektor nicht ersparen wollen. Dr. Löwenherz wurde mit dem unserer Meinung nach unerlaubten Mittel der Abstimmung im Rumpfvorstand des Jahres 1936 mit der Minorität der Stimmen von nur 16 Kultusvorstehern von 36 als provisorischer Amtsdirektor der Israelitischen Kultusgemeinde in Wien aufgezwungen; mit derselben Minorität von 16 Stimmen von 36 erfolgte seine Bestellung zum definitiven Amtsdirektor. Es ist eine Sache des Geschmackes, ob man ein Amt, das das Vertrauen aller erfordert, jemanden verleiht, wenn gegen seine Besetzung und gegen die Methoden, die bei der Besetzung geübt wurden, die absolute Majorität der Vertreter der Wählerschaft Stellung nimmt. Die Friedmanit- und Stricker-Ziorüsten werden nicht darüber hinwegkommen können, daß trotz aller von ihnen angewandten Mittel, trotz der S. O. S.-Rufe nach Palästina und London, an die Jewish Agency und die zionistische Exekutive, und trotz der persönlichen, telegraphischen und teilephonischen Interventionen der Delegierten dieser höchsten Behörden des jüdischnationalen Zionismus bei den sechs, der Plaschkes- und Sokalgruppe angehörigen zionistischen Kultusvorstehern kein anderes Resultat erzielt werden konnte, als daß Dr. Josef Löwenherz mit einer Minorität von 16 von 36 zum definitiven Amtsdirektor bestellt worden ist. Welcher Zwang auf die freien Entschließungen der Wüener Kultusvorsteher zionistischer Richtung geübt wurde, geht aus dem Umstand hervor, daß in dem in unserer letzten Nummer veröffentlichten Rundschreiben des „Führers" der zionistischen Landeskomitees, Dr. Grün bäum, de dato 10. März, festgestellt wurde, daß die Plaschkes- und Sokal-Gruppe erklärt hätten, daß sie gegen Löwenherz stimmen werden. Die ganz unerlaubte Einmischung der Jewish Agency und der zionistischen Exekutive in die inneren Angelegenheiten der Juden Oesterreichs muß auf das energischeste zurückgewiesen werden. Abgesehen davon, daß diese Organisation momentan in Palästina. und in London Wichtigeres zu besorgen hätten, als sich um die Versorgung des Herrn Dr. Löwen-