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Die Wahrheit · 1937-03-19 · Heft 11 (19.3.1937) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1937
Issue
Heft 11 (19.3.1937)
Date
1937-03-19
Page
– (sequence 1)
Language
German
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V. b. b. Zeitung vom Verleger versendet „Journal expedie par l'editeur" Jüdische tt)ochcnschriff Kl« ttUrU mit ckn Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden" Erscheint jeden Freitag Preis 40 Groschen Redaktion und Administration; Wien 11., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien: A 100.918 53. Jahrgang _ Wien, 19. März 1937 Nummer 11 Der „Mever" als Nazi-Spiegel. BasicrcDIdlöDiODClMlIö In der Nachkriegszeit ist die, Scherzfrage aufgetaucht: „Wo findet man heutzutage noch Qüte und Menschlichkeit?" Die Antwort lautete: „Im Konversationslexikon unter G., bzw. M.". Die achte Auflage von Meyers Lexikon, die soeben im Erscheinen begriffen ist, scheint eigens zu dem Zwecke herauszukommen, diese Antwort Lügen zu strafen und die Ideale einer in Blut und Eisen untergegangenen Zeit auch noch aus ihrem letzten Asyl, zu delogieren. Noch liegen die Buchstaben. Q und M nicht vor, die Edition umfaßt bisher bloß A und B, aber was unter diesen unschuldigen Lettern registriert erscheint, verhält sich zu dem Standardwerke wissenschaftlicher Exaktheit und Verläßlichkeit, als das „der Meyer" bisher in der ganzen Welt berühmt gewesen ist, wie' die Purimausgaba einer sonst seriösen Zeitschrift zu deren regulären Nummern. Wenn sich das Leipziger Bibliographische Institut, einst ein hochangesehenar Verlag von Weltgeltung, entschlossen hätte, das von ihm edierte Lexikon — eben „den Meyer" — zu parodieren, so wäre dies ein grandioser Spaß geworden, der als solcher, als lustige Folie, von der sich der Ernst der in diesem Nachschlage-. werk früher geleisteten Arbeit um so achtunggebietender abgehoben hätte, die Trefflichkeit dieser Arbeit erst richtig zur Geltung bringen würde. Aber fün derlei humorvolle Absichten, die mit künstlerischer Zweckbewußtheit heitere Wirkungen anstreben, ist im Dritten Reich kein Platz. Vor einigen! Monaten ist die einst sehr beliebt gewesene deutsche Zeitschrift „Der Querschnitt" verboten worden, weil sie ein parodistisches Fremdwörterbuch veröffentlichte. Es bot folgende Etymologien: „Absurd: Wenn einer auf bessere Zeiten hofft. Charakter: Ein Hindernis in der Karrienei; Finanzen: Ein Kreuzworträtsel für den Staat. Universität: Exerzierplatz für höhere Beamte. Journalismus: Seiltanz zwischen den Zeilen." Nun, der Journalist, der diesen ergötzlichen Seiltanz gewagt hat, hat sich dabei wahrhaftig den Kragen gebrochen. Die Nazi-Behörden empfanden dieses „Fremdwörterbuch" als „eine Zusammenstellung von bösartigen intellektualistischen, zum Teil geradezu staatsfeindlichen Verirfungen." Sein Autor darf wohl nie wieder eine Zeile veröffentlichen. Die Neübearbeiter von Meyers Konversationslexikon waren also gewarnt und es ist ihnen sicherlich jede Absicht fern gelegen, bewußt parodistische Effekte in das Werk hineinzutragen. Sie haben sich bloß als erfolgreiche Absolventen des nationalsozialistischen „Exerzierplatzes für höhere Beamte" erwiesen, den sie aber wohlweislich noch immer „Universität" nennen. Von Charakter verrät ihre Arbeit keine Spur, daher kann er kein Hindernis in ihrer Karriere bilden. Sie scheinen vielmehr noch zu großen Dingen im Dritten Reiche berufen, zumal da sie keineswegs die" Absurdität begehen, auf bessere Zeiten zu hoffen, "- sondern sich lieber geschäftstüchtig den schlechtem Zeiten anpassen, die für das deutsche Geistesleben* unter der Äegide eines Reichsschrifttumkammerpräsidenten hereinbrechen mußten, der ganz offen verkündet hat: „Wir pfeifen auf den Hochmut von sogenannten Dichtern, die da glauben, auf dem Umweg von Innerlichkeit und den Phrasen von Ewigkiedtswerken dem schlichten, anständigen, eindeutigen- Bekenntnis zum Nationalsozialismus und der Tatsache des Dritten Reiches aus dem Wege gehen zu können." Das Leipziger Bibliographische Institut ist keineswegs so hochmütig. Es will dem Nationalsozialismus und der Tatsache des Dritten Reiches durchaus nicht aus dem Wege gehen, sondern mit ihnen Geschäfte machen. Darum hält es sich nicht an die früher außer den Dichtern auch den Wissenschaftlern heiligen „Phrasen" von Ewigkeitswerten, sondern* lieber an das schlichte, anständige und eindeutige Bekenntnis, das Hitlers Buch „Mein Kampf" bis zur 11."Auflage enthielt: „Der Deutsche hat keine blasse Ahnung, wie man das Volk beschwindeln muß, wenn man Massenanhänger haben will." In den späteren Auflagen ist diese Bemerkung fortgelassen worden; offenbar hat sich beim Deutschen inzwischen die vermißte Ahnung schon eingestellt. . . ...-^ - Elektr. Heifiluftapparate auch leihweise oder Teilzahlung 2 BANDAQEN-MIKOLA&CH, Taborstraße 22 Sollte sich aber einer oder der andere noch immer zu begriffsstützig erwiesen haben, dann ist ihm die Anschaffung der neuen Auflage des „Meyer" dringend anzuraten. Bei ihrer ^Lektüre müssen auch dem Ahnungslosesten endlich die Augen aufgehen. Denn auch das Konversationslexikon will Massenanhänger haben und erprobt deshalb das zitierte Rezept. Auf diese Weise erklären sich zwanglos geschichtliche Belehrungen wie die, daß Oesterreichs Märrj rerkanzler Doktor Dollfuß nicht etwa erst am 25. Juli 1934, sondern schon am 10. Oktober 1933 einem Attentat erlag, und zwar dem Anschlag eines „Marxisten" Durtil. In Wirklichkeit hieß dieser Mann Dertil, war kein Marxist, sondern Nazi, sein Attentat hat nicht im Oktober, sondern im März 1933 stattgefunden und ist völlig mißglückt. An diesem einen Beispiel kann man also schon die deutsche Gründlichkeit konstatieren, mit der die neuen Lexikographen der historischen Wahrheit — aus dem Wege gegangen sind. Früher konnte man die Wahrheit wenigstens unter W finden, die neue Auflage scheint aber bloß beflissen, denen Weh zu bereiten, die die Oesterrelchlsclies Qoalltäfs Fabrikat *S»f Wahrheit suchen, und das entspricht völlig dem Nazi-Geiste des Dritten Reiches. Es wird niemanden mehr überraschen, wenn nach dem Erscheinen des Buchstaben W sich herausstellen sollte, daß die Wahrheit nicht einmal mehr in Form eines abstrakten Umrisses ihres Begriffes zu Worte kommt. Läßt sich doch schon jetzt, wo erst zwei Buchstaben erschienen sind, feststellen, daß viele Begriffe, die in den früheren Auflagen gründlich erörtert worden sind, in der jetzt herausgekommenen nicht einmal erwähnt sind. Natürlich sind dies solche Begriffe, mit denen die Nazi-Mentalität nichts anzufangen weiß. Daher rührt unser eingangs zum Ausdruck gebrachter Pessimismus bezüglich der Begriffe Güte und Menschlichkeit. Sehen wir doch jetzt schon, wie übel den edelsten Betätigern dieser beiden Tugenden mitgespielt wird. Ein Sturm der Empörung tobte in ganz Oesterreich infolge der Kunde, in welch infamer Weise der neue Meyer den Orden der Barmherzigen Brüder verleumdete. Besonders wir Juden, denen das segensreiche Wirken dSeser ärztlichen Betreuer der Armen im judenreichsten Bezirke Wiens am besten bekannt ist, waren aufrichtig entrüstet über die lexikographische Unverschämtheit, die die Popularität des Ordens ausschließlich auf dessen angebliche Verwicklung in einen Prozeß wegen sittlicher Verfehlungen zurückführte. Der Aufruhr der Gemüter über diese Blasphemie war so gewaltig, daß der Verlag des Meyer sich gezwungen sah, die Blätter, die die Anstoß erregende Notiz enthielten, einstampfen »u lassen und ihren Neudruck zu veranlassen, der eine den früheren Auflagen entnommene ausführlichere und sachlich stichhältigere Würdigung des Jim noch wenige Ja&el \ Ihren Bedarf zu decken an den berühmten ffhmidl-Jttaxxoth i „Sohmidl-Kaxxoth" sind eine wunderbare Delikatesse von besonderem Wohlgeschmack. „Sohmidl-MaHota" werden aus nur ftUexfelnrtaia Weizenmehl erzeugt. „Bohmidl-KaHoth." werden in peinlichst sauberenmrimwfn Fabriksräumen erzeugt. „Sokmldl-Xauoth" sind verläßlich streng koiohar. - Aufsicht Sr. Ehrwürden Herrn Oberrabbiner Babad ■ Jlathan <&rodetMÜv DlomDlerten ^enfeafe: Wien, 2. &e*ir£. Xcopoftlsgasse %3 Säften Telephone: A 46-1-90, A 4&-4-48, A 60-2-63 Die Sdkwnltn-JElmMOttk und das Fabrikat JKamtk* *<fkwwxUlt OK. f». (Mazzoth, (Meß und Farwel) sind außerdem erhältlich in allen besseren Geschäften.

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