Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1937
- Issue
- Heft 7 (19.2.1937)
- Date
- 1937-02-19
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Die Wahrheit V. b. b. Zeitung vom Verleger versendet „Journal expedie par F&flteur" chrifl mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden" Erscheint jeden Freitag Preis 40 Groschen Redaktion und Administration; Wien IL, Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien: A 100.918 53. Jahrgang Wien, 19. Februar 1937 Nummer 7 Oesterreichs Weg. In die politischen Sorgen unseres österreichischen Alltags klingen soeben wie eine symbolische Absage an den Pessimismus und die Hypochondrie die beseligenden Harmonien eines jubilierenden Strauß-Walzers, der schon vor siebzig Jahren die ' itwort auf die Probleme des Donauraumes in lebensbejahendem Sinne und mit einer die wechselvollsten Entwicklungsphasen dieses Raumes überdauernden Ueberzeugungskraft vorweggenommen hat: Herrlich wie am ersten Tage tönen die Sphärenklänge von „der schönen blauen Donau" dem Wiener ins Ohr, ins Blut, ins Herz, wie Boten aus einer holderen, leichter beschwingten Zeit. Und doch zeigt das Geburtsjahr des Wiener Nationalwalzers in den äußeren Konturen, der historischen Situation eine beinahe unheimliche Analogie mit der geschichtlichen Phase der Gegenwart. Auch 1867 stand Oesterreich nach einem verlorenen Krieg, und so wie jetzt hatte es seine Niederlage auch, damals mit •seinem-Aus^.. scheiden aus ebiem größerem Reichsverbande, in dem es lange die führende Stelle innegehabt hatte, bezahlen müssen. Und doch fehlten nach Königgrätz die krächzenden R a b e n stimmen, die dem staatlichen, allerdings auch noch stattlichen „Torso" Oesterreich die Möglichkeit selbständigen Lebens absprachen, sondern die österreichische, besonders die Wiener Seele hielt es damals lieber mit-der Lerche, die sich tirilierend und singend emporschwingt zum sonnigen Aether, und schenkte der entzückt aufhorchenden Welt unsterblichen Melodienreichtum. Beinahe ebenso populär wie der Blaue-Donau-Walzer von Johann Strauß, von dem jüdische Abstammung behauptet wird, wurde bald darauf das Fiakerfied von Pick, in dem der j ü d i s c he Dichter-Komponist mit jubelnder Inbrunst verkündete: „Mein Stolz is, i bin halt a echts Weana Kind!"- Das entsprach der damaligen Auffassung von Blut und Boden .. . Die Einstellung zu diesen beiden Begriffen und ihrem Zusammenhang hat seither eine sehr einschneidende Wandlung durchgemacht und ohne Zweifel liegt gerade hierin der tiefgehende Unterschied zwischen der seelischen Struktur der beiden Zeitepochen: Der Zeit, in der Johann Strauß lebte und schuf, in der die Basteien und Linienwälle als Symbole veralteter Scheidewände zwischen den Bürgern desselben Staates niedergelegt. wurden und die stolze, freie Ringstraße als Ausdruck des ästhetischen Gedankens einer neuen Epoche, die alle schöpferischen Kräfte ans Werk rief, erstand, und unseren Tagen, in denen neue Bastionen des Blutmythos zwischen Mensch und Mensch errichtet werden und die Klängschönheit, die einst der künstlerische Ausdruck der bürgerlichen Harmonie war, der schon von Goethe beklagten Dissonanz der Anschauungen wich: „Politisch Lied — ein garstig Lied!" > Als die österreichische Verfassung, von -1867 geschaffen wurde, war der selbstverständliche Grundgedanke die Gleichberechtigung aller Staatsbürger ohne Unterschied des Glaubens. Derselbe Gedanke .liegt auch der Dollfuß-Verfassung des heutigen . Oesterreich zugrunde; was aber .vor 70 Jahren von allen verfochten, von niemandem bestritten war, das ist jetzt ein heftig umfehdeter Zankapfel. Es ist sehr zu begrüßen, daß Bundeskanzler Dr. Schuschniggrden -djfctejr Bundes-' appell der Vaterländischen Front, der am Sonntag im Sitzungssaal des Parlaments stattgefunden hat, dazu benützte, um in einer zweistündigen 'meisterhaften Rede das unbeirrbare "Festhalten "der ^Regierung an den klaren Richtlinien der Verfassung zu betonen. Nachdem der Redner seine Genugtuung darüber ausgesprochen hatte, daß das Abkommen vom 11. Juli der naturgegebenen Verbindung mit dem Deutschen Reiche wieder lebendigen Ausdruck gegeben habe;; beeilte er sich; der allzu voreiligen Freude jener Elemente, die dieses Abkommen für dns Morgenrot eines nationalsozialistischen Regimes in Oesterreich gehalten hatten, einen Dämpfer aufzusetzen. Der Kanzler sprach von illegalem Geistesgut das, schon durch die Namen seiner Verschleißer als landfremder Importartikel gekennzeichnet sei. in. der Tat erheitert hoch-jetzt die Eriimerun^^an^die Nämen^isterr österreichischer Naziführer, die sich wie Verzeichnisse panslaw istisch er Kongreßteil- Rasiere Didi auf und billig \ Ocsterrelcilsdies laamitöfs-rimrtifaf Ca!6 Buchsbaum 11. Kleine Pfangane 21 Tal. A 43-5-19 Treffpunkt der guten jüdisdien Gesellschaft Vollttindig neu renoviert nehmer lasen. Merkwürdigerweise wurde diese lustige Reminiszenz in jüdischen Kreisen grotesk mißverstanden, die dem Bedauern darüber Ausdruck gaben, daß das Jonglieren der antisemitischen Presse mit jüdischen Namen nunmehr auch den Kanzler falsch beeindruckt habe. Wäre dies der Fall, dann hätte nicht seitens der Regierung wiederholt in der letzten Zeit der Wille betont werden können, an der sozialen Gesetzgebung der früheren Aera festzuhalten. Es ist allgemein bekannt, daß an dieser Gesetzgebung Juden hervorragend mitgearbeitet haben. Wenn man sie trotzdem als wertbeständigen Besitz in den christlichen Ständestaat eingebaut wissen will, ist dies der beste Beweis dafür, daß man sie nicht gleichzeitig als landfremden Import ablehnen kann. Was unter diesem Titel wirklich abgelehnt werden sollte, wurde zum Glück von denen, die es anging, ganz gut verstanden. So schreibt der „Völkische Beobachter": „Aus den Darstellungen des Bundeskanzlers ergibt sich, daß mit der Genehmigung des Deutschsozialen Volksbundes als Sammelpunkt der nationalen (Opposition kaum zu rechnen ist." „Diese Frage ist," wie der Kanzler ausführte, „dadurch aktuell geworden, daß Proponenten aus verschiedenen Kreisen in der Absicht, dem durchaus richtigen Gedanken der Befriedung zu dienen, darangegangen waren, Statuten für einen deutsch-sozialen Volksbund auszuarbeiten, in dessen Reihe* sich die vorwegs national eingestellten Kreise Oesterreichs,, und zwar von der extremsten akßvistischen Richtung bis herüber zu denen, die langst den Weg zum Staat gefunden oder die innere Verbindung mit ihm nie verloren hatten, zu gemeinsamer Arbeit finden sollten. Ich-nehme hiebei gerne an, daß diese Aktiah van item begrüßenswerten Vorsatz ö' Ueberau erhältlich getragen war, Trennendes zurückzustellen, um bisher Abseitsstehende für die Mitarbeit im Staate und in der Gemeinschaft zu gewinnen. Wenngleich dieser Vereinsgedanke also nicht gegen die Vaterländische Front gerichtet gedacht war, könnten doch allzu leicht Mißverständnisse entstehen, die geeignet wären, die Atmosphäre der Zusammenarbeit zu trüben, statt sie zu verbessern. Ich bin daher der Auffassung, daß diese oder ähnliche VSelhsxrimtiungen nicht zweckmäßig sind." (Langanhaltender Beifall,/) Der Kanzler fügte allerdings, hinzu, daß er durch Schaf fung en tsprechender Referate bei den leitenden Führungsstellen der Vaterländischen Front das Seinige dazu tun werde, um die Befriedungsarbeit auch nach der ehemals nationalsozialistischen Seite weiter zu fördern. Die von dieser Seite gestellten Referenten werden durch ihre Berufung gezwungen sein, die Propaganda für ihre Parteigrundsätze aus der geheimen Werkstatt der Illegalität ins volle Licht der Oeffentlichkeit zu verlegen. Ihren Hoffnungen, dadurch entscheidenden Einfluß auf den Geist der Gesetze zu erlangen, hat aber die Kanzlerrede sofort Riegel vorgeschoben. Dr. Schuschnig« betonte Oesterreichs kulturelle Verbundenheit mit den europäischen Weststaaten und legte besonderen Wert auf das Verständnis, das wir in England finden. Gerade aus England liegen aber so entschiedene Absagen von maßgebendster Seite an die Barbarei des deutschen Nazismus vor, daß Oesterreichs Gleichschaltung an diese Barbarei die Sympathien, die unser kleiner Staat dort genießt, unfehlbar in ihr Gegenteil verwandeln müßte. Bs fehlt auch gerade jetzt nicht an Beweisen, daß es den Briten mit ihrer Verachtung des Rassenwahns durchaus ernst ist. Die hohen Gäste aus England, die Oesterreich in der letzten Zeit zu beherbergen die Auszeichnung genoß und zum Teil noch genießt, haben durch die Wahl ihrer Gastgeber, ihrer ärztlichen Berater und ihres sonstigen Umgangs praktisch ihre Uebereinstimmung mit den theoretischen Prinzipien, die englische Staatsmänner, Kirchenfürsten und Schriftsteller zu diesem Thema wiederholt geäußert haben, in nicht zu übersehender Weise an den Tag gelegt. Auch aus uns geographisch näher liegenden Ländern, deren Freundschaft der Bundeskanzler in seiner Rede gleichfalls als wertvolle Errungenschaft unserer Außenpolitik feierte, liegen ähnliche Bekenntnisse vor. So bezeichnete es dieser Tage der ungarische Ministerpräsident Dr. Daranyi als seine Aufgabe, den Kampf gegen die extremen Strömungen aufzunehmen, und zwar nicht nur gegen die Linksstehenden, sondern auch gegen die Pfeükreuzler, die bekanntlich die magyarischen Nachahmer der