Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1937
- Issue
- Heft 5 (5.2.1937)
- Date
- 1937-02-05
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Zeitung vom Verleger versendet „Journal expedie par l'Witeur" Jüdische Uöodicnsdirift Die tDahrhcit mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden" Erscheint jeden Freitag Preis 40 Groschen Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien: A 100,918 53. Jahrgang Wien, 5. Februar 1937 Nummer 5 Hitlers Reidisiagsrede. Rasiere Dtdignt ond billig Obwohl Hitlers letzte Reichstagsrede sich nioht mit den Juden befaßte, enthält sie doch viele Stellen, die vom jüdischen Standpunkt Beachtung verdienen. Besonders pikant ist für uns die Stellungnahme Hitlers gegen eine „Horde von Brunnenvergiftern und eine Clique von Meinungsverfälschern, die durch eine Flut von Lügen Mißtrauen zwischen zwei Völkern zu erzeugen versucht hat, was leicht zu schrecklichen Folgen hätte führen können". Pathetisch rief der Reichskanzler aus: „Es ist in diesem eklatanten Fall gelungen, dank dem Eingreifen eines ausländischen Diplomaten und seiner Regierung die sofortige Aufklärung zu schaffen. Ist es nicht denkbar, daß es einmal nicht gelingt, der Wahrheit so schnell zum Erfolg zu verhelfen? Und was dann?" Nun, wir Juden erinnern uns da an unsere Erfahrungen mit dem Berner Urteil über die „Protokolle der Weisen von Zion". Auch damals ist es gelungen, gründliche Aufklärung über die Fälschung einer Horde von Brunnenvergiftern zu schaffen. Aber in diesem Falle waren die Nazis keineswegs erfreut über den schnelien Erfolg der Wahrheit und sie haben nicht nur nichts zu deren rascher Verbreitung, sondern vielmehr alles zu ihrer Verschleierung getan . . . Die Katastrophe des spanischen Volkes im Bürgerkrieg hat überall in der Kulturwelt Mitleid und Entsetzen hervorgerufen, nur in Hitler scheint sie — Neid erweckt zu haben. Er meint, daß angesichts des dortigen Gemetzels die nationalsozialistische Revolution in Deutschland das Recht (!) gehabt hätte, 400.000 bis 500.000 Menschen zu töten. Mit Verlaub — auf welches göttliche oder menschliche „Recht" stützt sich diese Auffassung von der unverdienten Schonung einer Menschenzahl, die merkwürdigerweise identisch ist mit der Zahl der in Deutschland lebenden Juden? Man darf bloß nioht übersehen, daß in Spanien von beiden Seiten geschossen wird: von den Angreifern und den Angegriffenen, und nicht bloß, wie in Nazi-Deutschland, von einer Seite: den Angreifern. Vermutlich ist das auch der Grund., warum man sich im Dritten Reiche nicht auf das von Hitler geltend gemachte „Recht" auf eine halbe Million Leichen versteifte, sondern mit der bescheideneren Ausbeute des 30. Juni 1934 begnügte . . . Was damals in ganz Europa Grausen erweckte, gilt den Fährern des Dritten Reiches bloß als ein magerer Ersatz für das, was sie für ihr gutes „Recht" halten. Auf Ersatz ist das Dritte Reich allerdings auch sonst eingestellt. Konsequenterweise hat man jetzt dort auch einen Nobelpreis-Ersatz geschaffen. Es wurde ein deutscher Nationalpreis für Kunst und Wissenschaft gestiftet, der alljährlich in der Höhe von 100.000 Mark an drei verdienstvolle Deutsche zur Verteilung gelangen soll. Angesichts dieses Mäzenatentums ist es kein Wunder, daß die neudeutsche Nazi-Poesie üppig in die Halme zu schießen beginnt. Ein 18 jähr ig es Mädchen hat im „Stürmer"-Verlag ein Büchlein „für große und kleine Kinder" erscheinen lassen, das so erstaunliche Proben gemütvoller Poesie enthält wie die folgende, einen betenden Juden schildernde: „Dann nimmt er seinen Riemen Und mauschelt mit den Kiemen Zu seinem Jahwe-Gott O Gaudi, sapperlot!" Und ein Walter Rainer dichtet: „Adam lebte mit der Eva Damals im Konkubinat, Weil ein Standesamt zu schaffen, Gott, der Herr, vergessen hat." Wie man sieht, kommt der Nationalpreis gerade zur rechten Zeit — es fehlt schon jetzt nicht an würdigen Anwärtern . . . Dafür hat Hitler den Deutschen die Annahme des Nobelpreises verboten. Die heutige Pflege der Wissenschaft in Deutschland hat bereits einen solchen Tiefstand erreicht, daß jüngst Oberst Hilpert in einem Cafe Buchsbaum IL Kleine Pfangasse 21 TeL A 43-5-19 Treffpunkt der guten jüdischen Gesellschaft Zeitungsartikel der Sorge Ausdruck gab, daß es der Armee an Nachwuchs von brauchbaren Unteroffiziers- und Offiziersaspiranten fehlen könnte. Dieses Resultat der nationalsozialistischen Jugenderziehung ist um so grotesker, als sie die wissenschaftliche Bildung zugunsten der militärischen Ausbildung hintansetzte. Nun zeigt sich das Verkehrte dieser Pädagogik. Oberst Hilpert hat zum Leidwesen des Jugendführers Baidur von Schirach erklärt, daß man ohne ein Mindestmaß von Bildung nicht einmal Unteroffizier, geschweige denn Offizier werden könne. Auf die Führung von lauter Gefreiten scheint man sich aber i m Ernstfall nicht verlassen zu wollen. Oeslerrelchisclics Qualifä(s f aDrihal Ueberau erhältlich Hitler hatte daher allen Anlaß, in seiner Rede Gott, den Allmächtigen um Erhaltung des Friedens anzuflehen. Fragt sich nur, welchen Gott er da eigentlich gemeint hat. Der Gott des Alten Testaments, den die deutschgläubige Zeitschrift ..Nordland" jüngst als „das gigantische Konterfei eines alten, durchtriebenen, abgefeimten Viehjuden" agnoszierte, scheidet von vornherein aus. Der Neutestamentarisohe hat nur Chancen, wenn er sich mit den heroischen Eigenschaften eines nationalen Vorkämpfers auszuweisen vermag. Das verlangt das neueste Edikt der Anhalter Schulbehörden vom christlichen Religionsunterricht. Wir tipen auf den alten Wotan, dessen Wiedereinsetzung die äußere Anerkennung eines innerlich niemals ganz überwundenen Regimes bedeuten würde. Denn der Gott, „zu dessen größerem Ruhme" die Scheiterhaufen des Mittelalters und die des Herrn Goebbels vor vier Jahren entflammt wurden — die Verbrennung der jüdischen Bücher an Stelle der Juden selbst deklariert sich durch Hitlers oben zitierte Aeußerung über den Verzicht auf die halbe Million menschlicher Opfer der Nazi-Revolution als eine Symbolhandlung für damals verdrängte Komplexe — ist jedenfalls den Göttern der Edda wesensverwandter als dem Gotte der Bibel, der schon die Opferung Isaaks abgelehnt und sein auserwähltes Volk in dem „verbrecherischen" Geiste dieser Ablehnung erzogen hat. Die Neukonstituierung des Wiener Kultusvorstandes. In der am 3. d. M. abgehaltenen Plenarsitzung des Wiener Kultusvorstandes wurde Herr Doktor Josef T i c h o mit 27 von 28 abgegebenen Stimmen zum Vizepräsidenten der Gemeinde nach dem Rücktritt des Herrn Dr. Jakob Ehrlich gewählt. Mit dem gleichen Stimmenverhältnis wurden die von der „Union" vorgeschlagenen Kandidaten, Herr Geza K l i n g e r und Herr Dr. Maximilian S t i g I i t z, in das Vertreterkollegium entsendet Seit der Wahl vom 8. November v. J. sind beinahe drei Monate vergangen, innerhalb welcher Zeit die Mandatare der „Zionistischen Liste" sich weigerten, dem Ausgang der Wahl durch Anwendung des Proportionalwahlsystems in den Vertretungskörpern der Kultusgemeinde, insbesondere im Präsidium, Rechnung zu tagen. Die Jüdischnationalen hatten sich erlaubt, auf die Bestimmung der Personen, die als Vertrauensmänner der „Union österreichischer Juden" und ihrer 12.000 Wähler diese Stellen, insbesondere die Stelle des Vizepräsidenten, bekleiden sollten, Einfluß zu nehmen. Der Dringlichkeitsantrag der Unionisten wegen Festlegung des Proporzes, der bisher immer auch im Vorstande der Kultusgemeinde und bei der Besetzung der Stellen im Präsidium, Vertreterkollegium und in den Kommissionen gehandhabt wurde, wurde zwar einstimmig angenommen, seine Rückwirkung auf die Konstituierung für das Jahr 1937 jedoch verweigert. Die Unhaltbarkeifr dieses Standpunktes der Jüdischnationalen lag dennoch klar zu Tage. In immer weiteren Kreisen der eigenen Parteigenossen machte sich die Opposition gegen die unberechtigte, eigensinnige Haltung einzelner führender Mitglieder des zionistisch-jüdischnationalen Klubs geltend, die an den Methoden der Gewalt festhalten wollten. Dazu kam, daß die anläßlich der Wahlen aufgebaute Mauer der Einheitsfront der „Zionistischen Liste" bedenkliche Sprünge aufzuweisen begann. Nicht nur, daß die zwei Vertreter der radikalen Zionisten dem Klub der „Zionistischen Liste" nicht beitraten, auch sonst "gab