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Die Wahrheit · 1937-01-29 · Heft 4 (29.1.1937) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1937
Issue
Heft 4 (29.1.1937)
Date
1937-01-29
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Zeitung vom Verleger versendet „Journal expedte par l'editeur" Jüdische Hyienschrift Die Wahrheit mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden" Erscheint Jeden Freitag Preis 40 Grosdien Redaktion und Administration: Wien II., HeineslraPe 13 — Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien: A 100918 53. Jahrgang Wien, 29. Jänner 1937 Nummer 4 Die Leistung entscheidet! Rasiere Dich anf und billig Während sich Hitler bisher, wenn er bei feierlichen Anlässen öffentlich das Wort ergriff, mit einem abstrakten Judentum, wie es sich seine Phantasie verzerrend ausmalt, auseinanderzusetzen liebte, wird er am 30. Jänner, dem vierten Jahrestag seiner Machtergreifung, einem wirklichen Juden aus Fleisch und Blut Rede und Antwort stehen: dem französischen Ministerpräsidenten Leon Blum, der unter der gespannten Aufmerksamkeit der ganzen Welt in seiner Lyoner Rede vom letzten Sonntag dem durch die nationalsozialistische Politik in eine Sackgasse geratenen Deutschland das „Hölzl" hinwarf, wie der Wienerische Ausdruck für derlei gutgemeinte Rettungsaktionen lautet. Und man kann sich schwer eine groteskere Kennzeichnung der politischen Situation am Ende des ersten Vier-Jahrplans des nationalsozialistischen Regimes vorstellen als die Tatsache, daß der Führer und Reichskanzler, nachdem er so oft in Wort und Schrift die Juden und das Judentum als die von einem verbrecherischen Rasseninstinkt prädestinierten Hasser und Verderber all dessen, was deutsch ist, verfemt hat, jetzt die erste Kontroverse mit einem leibhaftigen Juden über die nächsten Wege und Ziele der deutschen Politik nicht in jenem rüden Tone, der für den Antisemitismus aller Zeiten und Richtungen charakteristisch ist, halten können wird, sondern, wie immer seine meritorische Stellungnahme zu den Vorschlägen Blums aussehen mag, sich wenigstens in der Ausdrucksweise derselben Verbindlichkeit befleißen muß, die sein jüdischer Gegenspieler jenseits des Rheins am Sonntag bekundet hat. Denn in der Anerkennung dieser Eigenschaft der Blum-Rede ist die ganze Weltpresse einschließlich der gleichgeschalteten Presse des Dritten Reiches bei aller Divergenz der sachlichen Beurteilung einig. Sogar der „Völkische Beobachter" mußte auf sein abgebrauchtes Schlagwort von der jüdischen Böswilligkeit oder auch nur jüdischen Verständnislosigkeit gegenüber den deutschen Belangen verzichten. Von den Wiener Antisemitenblättern schrieb das „Wiener Montagblatt": „Blum sprach sich über die Möglichkeit und die Art der Verhandlungen mit Deutschland in so warmer Weise aus, wie es noch kein französischer Staatsmann seit dem Kriege getan hat, selbst Briand nicht." Die „Reichspost" lobt das Verständnis Blums für die Bedürfnisse der Nachbar-Nation und die taktvolle Form seiner Rede, also lauter Eigenschaften, die sonst der Antisemitismus den Juden gemeinhin abspricht. Die „Wiener Neuesten Nachrichten" stellen die inhaltliche Anlehnung der Blum-Rede an die letzte Unterhausrede des englischen Außenministers Eden fest, geben aber der liebenswürdigeren Fassung wegen der Rede des Juden den Vorzug vor der des nordischen Staatsmanns. Eden hat nämlich von Hitler die Abkehr von seinem intransigenten Rassenstandpunkt und exklusiven Nationalismus verlangt, und deshalb tadelt das Wiener betont nationale Organ den „belehrenden" Ton seiner Rede. Blum hat, obwohl selbst Angehöriger der vom exklusiven Nationalismus kontinuierlich diffamierten „Rasse", nichts dergleichen getan, und doch ist seine Rede gerade dadurch in einem höheren Sinne belehrend geworden, und zwar nach zwei Richtungen hin: Wenn die Nationalsozialisten in Blum, wozu sie ja durch ihr Rassen-Dogma verpflichtet sind, in erster Linie den Juden erblicken, dann müßten sie erkennen, wie abwegig all das ist, was ihnen bisher von ihren Führern über die jüdischen Eigenschaften und Aspirationen erzählt worden ist, da doch jetzt ein maßgebliches Mitglied der Rasse, auf die die Deutschen seit 4 Jahren alles erdenkliche Unheil häufen, das Böse mit Gutem, ihren Haß mit Beweisen liebevollen Entgegenkommens vergilt. Die religiösen Antisemiten müssen zugeben, daß dieses Beispiel von Feindesliebe in der Weltgeschichte recht vereinzelt dasteht. „An ihren Früchten sollt Ihr sie erkennen." Aber vermutlich werden sowohl die religiösen als auch die Rassen-Antisemiten in diesem Fall die Auslegung vorziehen, daß Blum nicht als Jude, sondern afs französischer Staatsmann zu betrachten sei. Diese Auffassung ist selbstverständlich auch die unserige. Wir wissen, daß Cafe Buchsbaum 11. Kleine Pfanrgasse 21 TeL A 43-5-19 Treffpunkt der guten jüdisdien Gesellschaft Vollständig neu renoviert Leon Blum kein Zufallsjude ist, sondern daß er sich bewußt zum Judentum bekennt und an dessen Problemen lebhaften Anteil nimmt. Es ist klar, daß er, wenn er Hitler als Jude entgegentreten wollte, keine Worte des Entgegenkommens fände, sondern nur unbedingte Ablehnung des Unrechts, das der Nationalsozialismus den Juden auf Grund völl:g absurder Verdächtigungen antut, in eindeutiger Form zum Ausdruck brächte. Gerade diese Selbstverständlichkeit gibt aber der Lyoner Rede Blums erst den richtigen belehrenden Wert. Denn just durch die Erkenntnis, wie sehr der Staatsmann Blum sich von dem Juden Blum zu distanzieren vermag, zeigt sie, wie falsch die Ansicht ist, daß der Jude in jeder Situation und in jeder Stellung in erster Linie Jude ist und bleibt und niemals andere Interessen verficht als rein jüdische. Nicht einmal der deutsche Nationalsozialismus, der sonst jede jüdische Aeußerung vom Blickwinkel des jüdischen Strebens nach Weltherrschaft beurteilt, macht diesmal den Versuch, an Blums Rede diesen abgeschmackten Wertmesser anzulegen. In einer so ernsten Angelegenheit will er sich denn doch nicht lächerlich machen. Wenn nun aber nicht einmal mehr ein jüdischer Regierungschef unbedingt und unter allen Umständen als ein Faktor jüdischen Machtstrebens zu werten ist, um wie viel unsinniger erscheint diese Methode gegenüber jüdischen Positionen, die nicht so hoch in der staatlichen Machtsphäre rangieren! Wenn man Statistiken jüdischer Aerzte, Rechtsanwälte, Journalisten und Schauspieler veröffentlicht, um das die Juden überaus ehrende Kulturstreben durch die Forderung nach Entrechtung der Juden zu bestrafen, oder sich darüber aufregt, daß Juden in Oesferreichlsclies QcüMüts r aDrlhai Ueberau erhältlich Wien einen Verein der Freunde der Individualpsychologie gründen, wo man doch bessere Geschäfte als Freund der Massenpsychologie: „An allem sind die Juden schuld!" machen kann! Oder wenn man die Förderung der Zuckerindustrie als dem Geiste des christlichen Ständestaats widersprechend qualifiziert, weil die Verwaltungsräte dieser Industrie angeblich lauter Juden sind. Diese Dummheit hat sogar das „N e u i g k e i t s- Weltblatt" zu dem Proteste auf den Plan gerufen: „Wir sind die letzten, die in irgendeiner Form eines „Philo-Semitismus" geziehen werden können, wir glauben aber gerade deswegen genau so wenig, daß man die Wirtschaftspolitik ausschließlich von der Frage des Rassenstand- Punktes aus sehen kann und darf. Die Liste des Verwaltungsrates eines Unternehmens hat schließlich mit großen wirtschaftspolitischen Aktionen, so wie die Preissenkungsaktion eine ist, nichts zu tun, um so weniger dann, wenn auch die als Beleg angeführten Ziffern falsch sind. Damm also nicht immer gar so sehr nach Ordnung rufen, sondern erst einmal bei sich selbst zu Hause Ordnung halten durch Voranstellung der Sachlichkeit vorder Demagogie." Man kann daraus entnehmen, welch unerträgliches Ausmaß die Judenhetze in Oesterreich schon angenommen hat, wenn sie nachgerade sogar dem „Neuigkeits-Weltblatt" „gar nicht gefällt." Es ist schon ungerecht genug, wenn man Verfehlungen einzelner deren ganzer Religionsgemeinschaft anlastet. Aber uns Juden kreidet man paradoxerweise auch höchst ehrenhafte Ambitionen auf künstlerischem, wirtschaftlichem und wissenschaftlichem Gebiete als Verbrechen an. Die wirklichen Uebeltäter lehnen wir selbst ab, und wenn sich die Antisemiten über die angebliche Verjudung des Beruisstandes der Gauner und Betrüger beklagen, wollen wir ihnen gern den numerus clausus, ja sogar den numerus nullus für diesen Stand zubilligen und ihre Forderung, daß das Valutenschieben, Bauernlegen u. dgl. mehr an den Besitz einer arischen Großmutter oder wenigstens eines Taufscheins gebunden sein soll, wärmstens unterstützen. Umso energischer verwahren wir uns aber gegen jede Einschränkung unserer positiven Leistungen aut allen Gebieten, wo einzig und allein das individuelle Können den Ausschlag geben darf. U bervueiseti Sie noch heute Ihr Abonnement!

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