Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1937
- Issue
- Heft 2 (15.1.1937)
- Date
- 1937-01-15
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Nr. 2 — 15. Jänner 1937 DIE WAHRHEIT Ehrliche, aufrichtige Worte an alle Juden. Von Siegmund Ortony. Die folgenden Ausführungen wollen ohne jede Voreingenommenheit oder einseitige Einstellung gelesen werden. Sie stammen von einem Juden, der keiner Partei angehört und sind im Interesse aller Juden geschrieben, wobei dem verhängnisvollen Fehler ausgewichen ist, an die Möglichkeit zu glauben, daß das Gesamtjudentum welches in der ganzen Welt unter den verschidensten Umständen und Verhältnissen lebt, unter einen Hut gebracht werden könne. An diesem Fehler krankt auch der Zionismus, wie er vielfach verstanden, respektive mißverstanden wird. Die Tatsache steht fest und ist selbstverständlich, daß die vielen Juden, die in dem Lande, in welchem sie ansässig sind und das ihre Heimat ist, ihre geordnete Existenz haben und keinen Verfolgungen ausgesetzt sind, für sich keine Aenderung anstreben und sich gegen jede Aktion wehren müssen, die ihnen diese Existenz zu erschweren geeignet ist Als Juden sind sie aber gerne bereit, ihren, wo immer befindlichen Glaubensgenossen, denen eine solche gesicherte Lebensführung nicht beschieden ist, uneigennützig behilflich zu sein, indem sie an der Schaffung der Existenzmöglichkeit für diese Armen oder Verfolgten in Palästina oder nötigenfalls in anderen Ländern nach Kräften mitarbeiten wollen. Sie lehnen aber entschieden den Zwang ab, sich in den Rahmen einer nicht existierenden „Nation" pressen zu lassen, da die Fiktion einer solchen für sie schädigend, ja verderblich sein könnte. Es ist eine arge Selbsttäuschung, daß die Juden angeblich, weil sie sich als „Nation" fühlen, lediglich aus Sehnsucht nach ihrer bloß historischen, aber seit Jahrtausenden nicht mehr wirklichen „Heimat" nach Palästina auswandern wollen. Eine solche Annahme ist schon deshalb falsch, weil sich niemand der Tatsache verschließen kann, der sich nicht absichtlich blind stellt, daß bei der totalen Mehrheit der nach Palästina Auswandernden der jüdische Glaube nicht in der gleichen Innigkeit und bedingungslosen Aufopferungsfähigkeit Wie bei den Vorfahren besteht, sondern der Grund des Verlassens der Heimat ist einfach der, daß sie in Palästina eine neue Existenz suchen und bei manchen auch, daß sie dort Profit finden wollen. Der jüngst verstorbene berühmte Budapester Bischof, Dr. Baltazär, hielt kurz vor seinem Tode einen Vortrag, dem wir folgende Stellen entnehmen: Aufgabe der Wissenschaft ist, die geschichtlichen Tatsachen der Menschheit im Lichte der objektiven Wahrheit zu untersuchen und den Mensehen unbefangen zu präsentieren. Gerade diese Aufgabe bringt die Wissenschaft in Gegensatz zur Politik. Es erwies sich nie als rentabel, geschichtliche Ideale gegenüber den Zeitströmungen zu verteidigen. Allein die Moral verleiht den Kämpfern für die Wahrheit Selbstbewußtsein, das Gebot der Seele erhöht den Beruf zum Heldentum. Auch heute greifen noch viele die Heilige Schrift an, neue „Propheten" marschieren auf, allein auch in Rußland kann man die Bibel nicht endgültig den Flammen preisgeben, und auch anderwärts kann man nicht das Alte Testament von der Heiligen Schrift losreißen, obwohl unnütze Schlagwörter die Perlen fortzuschwemmen drohen. Es ist politische Mode geworden, den Handel als ein schädliches wirtschaftliches Element hinzustellen. Die erste Beschäftigung des jüdischen Volkes war die Urproduktion. Noah war Landwirt, Kain Gewerbetreibender. Zwischen den beiden Produktionszweigen entwickelte sich ein Tauschverhältnis. Die kriegerische Welt Israels war dem Handel nicht günstig, der Handel kam höchstens als Begleiterscheinung der Feldzüge in Betracht. Es entwickelte sich zunächst ein Tauschhandel, und erst zu Jakobs Zeiten schaltete sich auch Palästina in den Handelskreis Aegyptens ein. Während der sieben mageren Jahre gelangt der Handel mit Getreide zu einer großen Bedeutung, Josef ist es, der das Wirtschaftsleben des jüdischen Voäkes neu aufbaut. Als interesssantes Moment hebt der Vortragende hervor, daß nach einer Verordnung Mosis der Boden vom Kauf und Verkauf ausgeschlossen bleibt Dieses konservative besitzpolitische System zeugt am meisten dafür, daß das alttestamentarische Volk keine Krämerseele besaß. Das ist die Wahrheit und daraus folgt, daß der Zionismus ein Janusgesicht hat und zwar hat er eine positive Seite für die Auswanderer und eino negative für die nicht direkt Interessierten, sondern nur Unterstützenden, und es ist ein arger Fehler, daß man den Zionismus nicht deutlich und klar lediglich in dieser Weise beurteilt. Herzl war bekanntlich kein „frommer" Jude, sondern seine Schöpfung entsprang den vorstehenden Erwägungen gemäß seinem „jüdischen Herzen", und es ist bedauerlich, wenn Fanatiker sich nicht mit der Anteilnahme der „Unbeteiligten" an dem Zionismus begnügen, sondern diese in ein schädliches Politikum drängen wollen, denn „Nation" ist lediglich ein politischer Begriff, der für die Juden in Palästina freilich nötig ist, weil er dort eine Machtfrage bedeutet, während in anderen Ländern die Juden zum Volk gehören und gehören sollen, mit dessen Kultur sie verwachsen sind, dies ohne Rücksicht auf Religion. Durch Aufzwingung eines unnatürlichen „jüdischen Nationalismus" wird der Zionismus arg gefährdet, da dadurch eine solche Erbitterung bep vielen Juden entsteht, die diese der ganzen zionistischen Bewegung abwendig machen. Zur Vermeidung von Mißverständnissen soll bemerkt werden, daß es selbstverständlich ist, daß Juden sich nicht an ein Land klammern, welches sie verfolgt und „ausrotten" will, aber ebenso selbstverständlich ist es, daß in einem solchen Lande die Juden dem Verfolger nicht die Waffen gegen sich selbst in die Hand geben werden, indem sie sich selbst als fremde Nation bezeichnen und dadurch dem Feinde den besten Vorwand geben, einen solchen „Fremdkörper" auszustoßen. Oesterreichische Juden, ziehet aus diesen, jedem unbefangen Denkenden richtig erscheinenden Feststellungen den Schluß: Seid glücklich, daß Ihr in einem Lande lebet, wo diese Zustände nicht herrschen und zieht euch nicht durch eine unnötige Abschließung und Isolierung als „Sondernation" das Mißtrauen und die Feindschaft der Bevölkerung, jedenfalls aber Entfremdung, zu. Mit zahlreichen Daten und Zitaten führt Bischof Baltazär den Beweis, daß König Sa 1 omon die Abwicklung des Handels Fremden anvertraut und der Handel bei der alttestamentarischen Judenschaft eine untergeordnete Rolle gespielt hat. Gewissenlosigkeit beutete wohl auch dort die schwierige Lage aus, obwohl das Alte Testament den Wucher auf das strengste verbietet. Das Aite Testament bringt die Moral überdieHerrschaftdes Mammons zur Geltung. Die drohenden und tröstenden Weissagungen der Propheten stehen alle mit dem Grund und Boden in Zusammenhang. Man müsse sämtliche Wahrheiten der heiligen Schrift schützen, das Ganze steht und fällt gemeinsam! Das spätere Judentum nahm den Platz ein, zu dem die Christenheit es zuließ oder wohin sie es trieb. Die Propheten sagen: „Wirket an der Wohlfahrt des Landes mit, in das ich Euch gesendet habe." Aus Anlaß des 50jährigen Künstlerjubiläums Arnold Barkays, Artisten-Präsidenten a. D., findet Samstag, den 16. Jänner, 8 Uhr abends, im Festsaal des Hotel „Bayrischer Hof", II., Taborstraße 39, eine große Akademie statt. Prominente Künstler wirken mit. Gäste herzlichst willkommen! Ab 6tide Sänner erscheint die „Wahrheit im Großformat Die alte „Wahrheit" im neuen Gewand! Bestellungen und Abonnements (vierteljährl. S 5.—) Wien II., Heuiestraße 13 Tel: R 46-2-16 GROSSFLEISCHHAUEREI flEGM. KORNMEH 1 WIEN IX., BERGGASSE HR. 19 FILIALE t XVIII., WÄHRINGERSTRASSE 97 Telephon Nr. A 17-3-99 und A 16-9-34 Lieferant ffir Heilanstalten Abteilungen für Koscherfleisch unter Aufsicht des ehrw. Rabbinates der Isr. Kultusgemeinde Wien. Sämtliche Fleischsorten von ausschließlich Prima-Qualität zu den billigsten Marktpreisen Stocker gegen den Rassenwahn. Um Adolf Stoecker, den Hundertjährigen, ist in Nazideutschland ein Streit ausgebrochen. Die Wotans-Christen beanspruchen ihn für sich, während die Bekenntnistreuen behaupten, daß der volkstümliche Eiferer zu ihnen gestanden hätte. Die Frage ist auch für den, der Stoeckers Schriften kennt, der ihn selbst reden gehört hat und wirken sah, schwer zu entscheiden; aber soviel steht fest, daß Stoecker zwar fanatischer Antisemit war, daß er jedoch im Kern von den Anschauungen des Nationalsozialismus abweicht. Der plumpe Materialismus der Blutkörper wäre von Stoecker abgelehnt worden. Er hat sich hierzu eindeutig geäußert: „Wer die Judenfrage nur als Rassenfrage behandelt, gerät leicht in Gefahr, zu gehässigen oder brutalen Waffen in ihrer Behandlung zu greifen und dadurch dem Christentum mehr zu schaden als den Juden. Man kann sich in dieser Hinsicht keine unfruchtbarere und schädlichere Handlungsweise denken! Das beständige Drohen mit dem Faustrecht und die Aufforderung zu wilden Gewalttaten, auch wenn es von den Volksversammlungen und von den Richtern nicht ernst genommen wird, ist ein Unrecht und ein U n s i n n." Die Ra"ssenfanatiker können danach nicht ohne weiteres Stoecker als Schwurzeugen anrufen. Die jüdische Siedlung in Palästina „eine Zitadelle" „Augur", der bekannte englische Experte für Außenpolitik, hat in den „New York Times" einen Artikel über die Bedeutung der jüdischen Siedlung in Palästina für das Prestige des britischen Reiches im Nahen Osten veröffentlicht. Die jüdische Bevölkerung Palästinas sei ein Element, das die Sicherheit einer Basis für die englischen Luftstreitkräfte garantiere. Die palästinensischen Juden seien ein isolierter Vorposten Europas in dem Meer der eingeborenen Bevölkerung Arabiens und, wenn man sie richtig behandelt, ein Element der Stärke für das Weltreich. Trotz der Obstruktion seitens der am Alten festhaltenden Beamten des englischen Kolonialdienstes hätten die Juden sich als mannhaftes, sich vermehrendes Element an der Stelle festgesetzt, die das Nervenzentrum der Verbindungen des Reiches ist. Es zeige sich bereits die Möglichkeit, daß die jüdische Bevölkerung genügend physische Stärke nicht nur zu ihrem eigenen Schutz, sondern auch zur Verteidigung der palästinensischen Zitadell.e gegen jeden von außen zu erwartenden Angriff aufbringen werde. Militärische Fachleute erklären, daß eine jüdische Miliz von 50.000 Mann morgen Wirklichkeit werden könnte (!!!). Dies bedeute, so wird in dem Artikel weiter ausgeführt, daß die englische Luftflotte in Palästina das finden könnte, was sie im Irak, der als zentraler Punkt der Reichsaktivität in Aussicht genommen war, nicht erlangen konnte: Sicherheit am Standort. So sei Palästina vielleicht mit Cypern durch seitifr Lage und die Beschaffenheit seiner Bevölkerung dazu bestimmt, eine Säule der englischen Luftmacht im Nahen Osten auf dem Hauptweg nach Indien und den Besitzungen im Stillen Ozean zu werden. Die Spannung zwischen England und Italien habe die Politiker in London von der Bedeutung des Palästina-Mandats überzeugt. Palästina sei ein Aktivposten des englischen Reiches. Es biete das einzige Beispiel einer erfolgreichen, großzügigen europäischen Kolonisation nach dem Kriege, "■ft '. \!.' Der Handel im Alten Testament.