Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1936
- Issue
- Heft 56 (25.12.1936)
- Date
- 1936-12-25
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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V. b. b. Zeitung vom Verleger versendet „Journal expedte par fedfteor" Die tBanrheif mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer luden" Ersdieint jeden Freitag Preis 30 Groschen Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien: A 100.918 52. Jahrgang: Wien, 25. Dezember 1936 Nummer 56 Nach dem Urteilsspruch in Chur. RasiereDldi$af and DUliH Der Prozeß von Chur war eine Angelegenheit des Judentums in der ganzen Welt. Freilich nicht in dem Sinne, wie die es meinten, die ihn zu einem Angriff auf die Juden ausnutzen wollten. Wissend, daß sich der Bumerang ihrer Verleumdungskampagne in rasender Drehung wieder auf sie zurückwenden würde, haben sie den Angriff als die beste Verteidigung für ihre verwerfliche Taktik benutzt. Der Prozeß gegen David Frankfurter wurde und wird noch heute von der reichsdeutschen Presse auf höhere Weisung in der bewußten Absicht ausgenutzt. aus seinem Ergebnis eine Waffe gegen das Judentum in der ganzen Welt zu schmieden. Die Form, in der das geschah und von der untenstehend bemerkenswerte Proben geboten werden, entspricht einer Methode, der man ohne Hoffnung KgenüberstehtL Hier wird keine Verständigung gewollt, hier Ist nur ein einziges Ziel vorhanden: die Vernichtung. Man hatte sich in Berlin entschlossen, und zwar von vornherein und ohne Ansehen der Ergebnisse der Voruntersuchung, daß in diesem Prozeß die Protokolle der Weisen von Zion bewiesen werden müßten. Die Schweizer Behörden, die für einen politischen Mord auf ihrem Boden wahrhaftig kein Verständnis haben und die bei aller vorbildlichen Objektivität — die Durchführung des Gerichtsverfahrens war eine moralische Erholung in dem Chaos der europäischen Rechtspflege von heute — sich doch zweifellos dem deutschen Blut näher fiTilen müssen als dem unruhigen, fieberhaften und voji Krankheit zerfressenen Wesen des jugoslawischen Juden David Frankfurter, haben eindeutig festgestellt, daß von einem Komplott, einer Mitwisserschaft ia auch nur von irgendeiner bewußten Zweckhaftigkeit des Attentats in Davos überhaupt keine Rede sein kann. Trotzdem iiaH — oder vielleicht gerade deshalb w-il es nicht der Fall war und man die Chance d-r propagandistischen Ausbeutung verlor — in 3 Das Urteil im Prozeß David Frankfurter erstattung veröffentlichen wir im folgenden eine y.nd Schweizer Presse zum Prozesse: Die Nazi-Presse. Die vor Prozeß beginn ausgegebene nationalsozialistische Propaganda-Parole. „Nationalsozialistische Parteikorrespondenz", Pressedienst der N. S. D. A. P. vom 5. Dezember 1936: „Der Mordprozeß David Frankfurter beginnt . . . Es Ist ein Prozeß, der sich abspielt zwischen dem Geist der jüdischen Gesinnung, der Verhöhnung des nationalen Denkens, der brutalen Vergiftung des Völkerfriedens und auf der anderen Seite dem Geist des Bekenntnisses zur nationalen Freiheit, zu Opfer und Einsatz für das eigene Vo/k!" „Völkischer Beobachter", Berlin, 8. Dezember 1936: Mehrspaltige L'eberschriften auf der Titelseite: ,.Die Schüsse von Davos — Eine. Anklage gegen das W ftjudentum". — „Dem jüdia^nen Mordsystem die MiJce herunter!"'— Aus dem Leitartikel des nach Chur entsandten Sonderberichterstatters Wolfgang Diewerge: Berlin das deutsche Propagandaministerium für seine Presse die Parole ausgegeben, daß hier ein Komplott des Weltjudentums vorbereitet worden sei. Das aber bedeutet nichts anders als daß man in Wirklichkeit in Berlin eine günstige Gelegenheit gefunden zu haben glaubte, die erlöschende Sympathie für den 8,Stürmer"- Antisemitismus des Dritten Reiches wieder anzufachen. Die Deutschen, die mit einer riesigen aus Journalisten, Gestapo und Propagandabeamten zusammengesetzten Kommission in den Gerichtssaal von Chur einzogen, haben kein Interesse daran gehabt, die Wahrheit über den Fall in Davos zu hören. Sie hatten von vornherein eine einzige Direktive, koste es was es wolle, der deutschen Oeffentlichkeit zu zeigen, daß die Wahnsinnsphantasien von einer internationalen Verschwörung des Judentums in diesem Prozeß einen neuen Beweis gefunden hätten. Ein furchtbares Trommerfeuer, eine Schimpfkanonade entfesselte sich gegen alle, die nicht mit der deutschen Auffasung einer Meinung waren, so daß die Schweiz vor dieser hemmungslosen Brutalität, die sie zum ersten Male selbst zu verspüren bekam, erbebte. „Das haben wir noch nicht erlebt", schrieb die rechtsbürgerliche „Neue Zürcher Z a i t u n g", „Eine so verlogene, widerwärtige und bösartig verzerrte Berichterstattung war uns bisher unvorstellbar." (Weitere auf den gleichen Ton gestimmte Schweizer Presseäußerungen finden sich in der untenstehenden Gegenüberstellung). Aber was kümmert das Deutschland? „Recht ist das, was dem deutschen Volke nützt" ist der Grundsatz, nach dem jedes Verhalten organisiert ist. Und dem deutschen Volke nützen soll dieser Prozeß Frankfurter. Seine Ausbeutung soll ein Schlag werden gegen die Juden in aller Welt, und zum ersten Male mag wohl der konservative, sehr reservierte und in sich zurückgezogen lebende Schweizer Jude ebenso verspürt haben, wie das Judentum in der anderen Welt, daß der deutsche Antisemitismus nazistischer Prägung der gefährlichste Ausfuhrartikel ist, den es überhaupt für die Juden gibt. ist gesprochen. Zum Abschluß unserer Bericht- Gegenüberstellung von Auszügen aus der deutschen „Die Mitschuld des Weltjudentums. Denn sehr selten konnte bisher die breite Oeffentlichkeit einen so tiefen Eindruck in die Methoden und Leitsätze der Arbeit des Weltjudentums gewinnen, wie aus Anlaß des Mordes an Wilhelm Gustloff . . ." „Berliner Börsenzeitung", Berlin, 8. Dezember 1936: Ueberschrift des Leitartikels: „Den Richtern in Chur". Aus dem Text: „Der Nationalsozialismus hat den Oesterreichlsches OoalHälsrabrlha! Ueberau erhältlich Mord als Kampfmittel im politischen Kampf niemals angewandt, (!) er hat ihn stets auf das eindeutigste abgelehnt. (!) Dagegen hat das Weltjudentum, besonders kraß verkörpert im Bolschewismus und seinen marxistischen Vorläufern, in Hunderten von Fällen mit kalter Ueberlegung zur Meuchelwaffe gegriffen . . ." „Leipziger Neueste Nachrichten", Leipzig, 9. Dezember 1936: Drahtbericht des Sonderberichterstatters in Chur Dr. H.: „Hier (in Chur) ist auch das ganze jüdische Literatenttim vertreten. . . . Schon auf dem Bahnhof sah man die verbissenen, entseelren Profile, die man aus den Kaffeehäusern der Systemzeit kennt - diese Menschen, in deren Blick die Unrast der Heimatlosigkeit flackert. . . . Das Weltjudentum und seine Helfer suchen alles andere als das Recht in diesem Prozeß, sie suchen darin die politische Note . . ." Die Tendenz der nationalsozialistischen Berichterstattung während des Prozesses. „Nationalsozialistische Parteikorrespondenz" vom 'J. Dezember 1936: Ueberschrift: „Deutsche Worte zum Mord von Davos. Die Vaterlandsliebe Gustloffs, die Blutschuld des Weltjudentums." — Dieselbe Korrespondenz vom 12. Dezember 1936: „Wer sind die Hintermänner Frankfurters? Die unbeantwortete Frage." Massenflugbiatt des „Völkischer Beobachter": Titelseite unter anderem abgedruckt im „Völkischen Beobachter", Berlin, vom 10. Dezember 1936 mit einer Karikatur Frankfurters. Darunter unter anderem die Unterschriften: „Das Weltjuuentum ist angeklagt. Dem jüdischen Mordsystem die Maske herunter!" — Titelschlagzeile derselben Nummer des „Völkischen Beobachter": „Skandalöses Gutachten des medizinischen Sachverständigen". „Berliner Lokalanzeiger", Berlin, 13. Dezember 1936: Zweispaltige Schlagzeile: „Mordwerkzeug Frankfurter. — Frage nach dem Prozeßabschluß: Wer sind die Auftraggeber?" — Aus dem Artikel des Sonderberichterstatters Dr. Otto Kriegk: „Komplott planmäßig verschleiert. ... Die mit Recht scharfen Angriffe, die in den deutschen Zeitungen während des Prozesses zu KOHEE'KOKS ANIHRAIIT .Iiiree Slarr B A S C Hl IV., Arxentinlerulrafle 22 ♦ Tel. 0 41"5~4d In la ab er: Dr. RICHARD BÄSCH