Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1936
- Issue
- Heft 55 (18.12.1936)
- Date
- 1936-12-18
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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IEIT i Uhr c h t". gliche Prof, mitag, forte: :mber, Vorte: Heinz iunzel. d Judies- Karun<i ischen V. b. b. Zeitung vom Verleger versendet „Journal expedfö par Pedtteor" Jüdische Ut)ochcnschritr Die Wahrheit mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden! Erscheint jeden Freitag Preis 40 Groschen Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien: A 100.918 52. Jahrgang Wien, 18. Dezember 1936 Nummer 55 hweis, gendsi beiter, , Aus- Maslen für - und daruntechninieure, rstellen;n iür: äen für ulnach- Confek- Haus- /"RADIO? ' Horagphoa und sämtliche andere Marken RadioHaus am Ralhauiplal langfristiger Kredit B 43B5"?0 unverb. Vergleichvorführung 18 Jahre zadffliaas für David rranhiorfer, r L "*\ RaslcreDIdi gilt ond billig Jahre, 2. Bez. i. Bez. or). - Maier lichter, JahTe. ). Bez. . Tor). - Ru- Moritz K Bez. . Tor). - Adolf 3. Bez. '. Tor), or). - 1. Bez. , Bez. :. Tor), oseflne aracha, Jahre, . Bez. '. Tor). 9. Bez. Jahre, or). - - Felix Ungar, Franz ■. Leo charias Eugea cheindl steinen Jahre. 2. Bez. . Bez. . Tor). Wie zu erwarten gewesen, ist David Frankurter wegen seiner Mordtat ah dem Nazi-Agenien Wilhelm Qustloff verurteilt worden, und zwar zu der vom Staatsanwalt beantragten Strafe 18 Jahren Zuchthaus. Das war das in keiner Weise überraschende Ende eines nichts weniger als aufregend verlaufenen Prozesses, den gleichwohl die gesamte Presse des Dritten Reiches als „das zentrale Weltereignis" aufbauschte, „auf das sich die Blicke der ganzen- Menschheit konzentrierten". Es ist nicht eicht einzusehen, warum sich die Blicke der ganzen Menschheit' just auf das in dezentester Form mit der Bluttat befaßte Gericht von Chur konzentrieren sollten, wo doch dieselbe „Augenweide" in reichlichstem Ausmaß in allen Zonen der Erde täglich genossen werden kann. Oder wollen die Nazi behaupten, daß Mord und Mordprozesse derzeit einen Seltenheitswert besitzen? Gerade in Hitler- Deutschland kommt das Beil des Henkers fast an keinem Tage zur Ruhe, in Rußland sorgt der Galgen geschäftig für die einzige Form der Kontinuität zaristischer Tradition im Sowjetstaate und auch die anderen Länder bilden in kriminalistischer Beziehung keine Welt, in der man sich langweilt. Und doch haben die Nazi Recht: In einer Beziehung, und zwar gerade in der für sie wichtigsten, war die Mordtat von Davos wirklich etwas ganz. Ungewohntes, etwas unerhört Außergewöhnliches, also wahrhaftig eine Sensation. Dieses Einzigartige, das ihr anhaftet und sie aus all den unzählbaren Bluttaten der Gegenwart bezeichnend heraushebt, ist die Tatsache: der Mörder ist Jude! Ein Jude als Mörder! Das wirkt selbst in dieser von den Greueln der Kriegs- und der Nachkriegszeit schon reichlich abgestumpften Zeit noch als ein Wunder. Nietzsche hat uns deshalb als .,Heroen der Ethik" gefeiert, für Hitler sind wir .,das dümmste Volk der Welt"! Der Erwecker der Deutschen zur heroischen Weltanschauung hat für Heroismus der Ethik nichts übrig als Verachtung. Theoretisch fundiert der Nationalsozialismus seine Verachtung auf der Rassenlehre. Die von dem Dilettanten H. St. Chamberlain, behauptete Ueberlegenheit der Germonen berechtigt diese, alle anderen Rassen geringschätzig zu behandeln. Hitler aber ist, wie er selbst bei allen Gelegenheiten bekennt, kein wissenschaftlicher Theoretiker, sondern praktischer Politiker und die Praxis der Politik bringt es zwangsläufig mit sich, nur diejenigen verächtlich zu behandeln, die sich das gefallen lassen. Darum gellten die Schüsse von Davos den Nazis, besonders unheimlich in den Ohrenv Denn sie verrieten ihnen die latente Gefahr, daß der Jude aus seiner Rolle als der'dumme August des Nazismus auch, herausfallen kann. Dieser Gefahr vorzubeugen, machten sie die groteskesten Anstrengungen, um dem Prozeß gegen den krankhaft aus seiner Bahn geschleuderten Studenten Frankfurter eine Bedeutung zu verleihen, die ihm bei normaler Betrachtung ganz und gar nicht zukam. Ihr ganzes Sinnen und Trachten war darauf gerichtet, die normale Betrachtung der Affäre zu verhindern. Sie entfachten in ihrer Presse einen Entrüstungssturm gegen den Staatsanwalt, weil dieser nicht das in Graubünden vorgesehene Höchstausmaß der Strafe beantragt hatte, sondern nur wenig über das Mindestausmaß hinausgegangen war. Dem medizinischen Sachverständigen zollten sie zunächst Beifall, weil er die psychische Verantwortungsfähigkeit des Angeklagten für seine Tat bejahte. Als er ihm aber den Milderungsgrund zubilligte, daß er immerhin stark yon der judenfeindlichen Politik der Nazi beeindruckt gewesen sei, Cafe Buchsbaum 11. Kleine Pfarrgasse 21 Tel. A 43-5-19 Treffpunkt der guten jüdischen Gesellschaft Vollständig neu renoviert schleuderten sie dem Sachverständigen die größte Beschimpfung ins Gesicht, über die sie verfügen: Sie erklärten, daß er dem Juden Einstein verdächtig ähnlich sehe. Dabei kann der Mann, der auf solche Weise zu einem Jüdenstämmling gestempelt werden sollte, noch von großem Glück reden, da er wenigstens dem Dr. Goebbels nicht ähnlich sieht! Diesem Verhalten der reichsdeutschen Presse entsprach das Auftreten der klägerischen Nazi-Anwälte im Gerichtssaale. Die Weltanschauung, die den Ursprung aller Menschen mit Grimm kontrolliert, war im Prozeß durch die Herren Dr. U rsprung und Dr. Grimm vertreten. Ihr Auftreten war sichtlich darauf angelegt, bei den Nazis Beifall zu finden. Beim Schweizer Publikum hinterließen sie einen weniger schmeichelhaften Eindruck. Der Verteidiger Dr. C u r t i, ein alter Herr, hatte einen ganzen Tag für sein Plädoyer zur Verfügung und benützte ihn zur Entfaltung eines treffenden Kulturbildes aus dem Dritten Reiche, jenes Bildes, unter dessen Eindruck Frankfurter seine Untat verübte. Besonderen Eindruck machten dabei Vorlesungen aus dem „Stürmer". Sehr drollig ist es, daß die Nazi-Anwälte diesen Eindruck, mit der wegwerfenden Kritik ver- Oestcrrelcmsdics Qoallläts raiwlhal Ueberau erhältlich wischen wollten, das Material der Verteidigung stehe auf so niedriger Stufe, daß es sich nicht verlohne, sich damit zu befassen. Hitler denkt darüber bekanntlich anders. Der „Stürmer" ist das einzige Organ, das der Reichskanzler und Führer von der ersten bis zur letzten Zeile liest und jetzt sogar in den christlichen Religionsunterricht als Ersatz für das Alte Testament einführen will . . . Die deutsche Presse bezeichnete voll ohnmächtiger Wut die vom Verteidiger vorgebrachten Tatsachen als Greuelmärchen. Dem gegenüber mußte sogar der Nazi-Anwalt Dr. Grimm zugeben, daß man die Sache mit dem Schlagwort „Greuelmärchen" nicht abtun könne. Die Judenfrage sei eine ernste Angelegenheit und über ihre Behandlung durch die Nationalsozialisten könne erst das nächste Jahrhundert urteilen. Nun, wir Juden können diesem Urteil ruhig entgegensehen. Wenn die Judenfrage von den Nazis wirklich für eine ernste Sache gehalten wird, dann wird niemand verstehen, warum gerade sie diese Sache zu einer Farce machen, indem sie alles, was zugunsten der Juden spricht, einfach ausmerzen, wie z. B. die Namen der 12.000 jüdischen Kriegsgefallenen aus den Heldengedenktafeln. Was für einen Wert haben politische Thesen, die sich nicht auf Tatsachen stützen, sondern sich über unbequeme Tatsachen souverän hinwegsetzen? Die Haltung der deutschen Presse hat in der Schweiz den denkbar schlechtesten Eindruck gemacht. Weit davon entfernt, die Schilderungen des Verteidigers vom Dritten Reich zu entkräften, hat sie dem Schweizer Publikum erst ad oculos demonstriert, was im heutigen Deutschiand alles möglich ist und so den Argumenten der Verteidigung erst Glauben verschafft. Die amtliche „Wiener Zeitung" erinnert in ihrer Besprechung des Urteils an die Spannung zwischen der Schweiz und dem Deutschen Reich, die Gustloffs politische Tätigkeit verursacht hatte, und kommt zu dem Ergebnis: „Wenn der Prozeß in Chur, der rings um die Ermordung eines semer Idee fanatisch dienenden Menschen geführt wurde, nichts mehr gebracht hat als die Erkenntnis von der Notwendigkeit, jede fremde Einmischung von seinem eigenen Staatsbereich fern zu KOHlErKOKS ANTHRAZIT A. & C Hl IV., Argentinlerstrafie 22 ♦ Tel. ■nlaabcnr: Dr. RICHARD BÄSCH .Iiiree Stars" » 47-5-4«