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Die Wahrheit · 1936-11-27 · Heft 52 (27.11.1936) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1936
Issue
Heft 52 (27.11.1936)
Date
1936-11-27
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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V. b. b. Zeitung vom Verleger versendet „Journal expedJe par Pediteor" Di. KUrU mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden"; Erscheint jeden Freitag Preis 30 Groschen Redaktion und Administration: Wien 1!., Heineslraße 13 — Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien: A 100.918 52. Jahrgang Wien, 27. November 1936 Nummer 52 das Attentat von &avos. Basiere Dldi m und Muf .,In den tiefen Frieden einer Welt, die nur von dem einen Drang beseelt erscheint, die Gebote der Menschlichkeit, das Recht jeder Kreatur auf Leben und Glück zur höchstmöglichen Geltung zu bringen, knallte der Revolverschuß eines Juden, um das Leben eines Mitmenschen zu zerstören, der als friedlicher Repräsentant des Geistes, den üoethe und Schiller ihren Landsleuten als ewiges Vermächtnis hinterließen, keinen anderen Grund zu seiner Ermordung bot, als die Blut- und Schicksalsverbundenheit mit dem Deutschtum." In diese knappe Formel läßt sich die Stellungnahme des deutschen Nationalsozialismus zur Ermordung seines Schweizer Agenten Wilhelm Gustloff durch den jugoslawischen Studenten mosaischer- Konfession David Frankfurter zusammenfassen. Nur, daß die Nazi kein Interesse an solcher Knappheit zeigen, sondern an die Besprechung der Untat von Davos jene Ausführlichkeit, ja Unerschöpflichkeit geschichtsphilosophischen Tiefsinns verschwenden, die-eine.solche, zum allgemeinen Weltgeschehen der Epoche, zu der ganzen Mentalität der Zeitgenossen so grell kontrastierende Unbegreiflichkeit verdient, und zwar-selbstverständlich Kanz in dem Geiste, in dessen Dienst die offiziöse Berliner „Juristische Wochenschift" als wichtigste Aufgabe der deutschen Rechtspflege verkündete: „Die jüdische Tradition vor allem des Alten Testaments in ihrer grundsätzlich verbrecherischen Grundhaltung wird ohne taktische Rücksichten herauszustellen sein." "Da kann man nichts machen! Die friedlichen Tendenzen der Hakenkreuzler sind der ganzen Welt viel zu bekannt, als daß man sie zur Diskussion zu stellen brauchte, zumal da Hitler höchstpersönlich bei der Bestattung Gustloffs die jeden Zweifel ausschließende Feststellung machte, daß der Nationalsozialismus auf seinem Wege keinen einzigen Mord zu verzeichnen habe und daß er auch den Juden nie ein Leid angetan habe. Wer das Gegenteil behauptet, steht eben auf'dem „grundsätzlich verbrecherischen" Standpunkt des Alten Testaments: „Du sollst kein falsches Zeugnis ablegen wider deinen Nächsten!" Was wäre aus den weftbeglückenden Segnungen des Nazismus geworden, wenn sich seine Propagandisten und Vorkämpfer je an dieses Gebot malkotenter Untermenschen gehalten hätten! Gewiß soll in ein schwebendes Verfahren nicht eingegriffen werden; solange aber die Nazi diese Fairnesse nicht aufbringen, sondern den Einzelfall sogar zu einer allgemein jüdischen Blutschuld aufzubauschen beflissen sind, ist es nur selbstverständlich, daß die vom Nazismus Verfolgten ihrerseits nicht in schweigender Passivität verharren. Der Glaube, daß dies die Hakenkreuzler gegen die Juden günstiger stimmen würde, ist sicherlich sehr naiv. Hitler hat erst vor einigen Tagen die •luden als das „dümmste Volk der Welt" bezeichnet, was allerdings seinen Parteiverlag nicht hindert, mit den famosen „Weisen von Zion" weiterhin gute Geschäfte zu machen ... Die Stellung des Judentums zur Tat von Davos ist eindeutig durch das Verbot zu töten und das Gebot der Nächstenliebe ^stimmt. Diese beiden klaren Satzungen Eissen jeden Versuch, das Gesamtjudentum mt der Blutschuld irgend eines einzelnen zu belasten, von Haus aiis als böswillige Verleumdung erscheinen. Das wird allerdings die Nazi, deren Propaganda sich offen zu dem Grundsatz bekennt: „Nur ruhig verleumden, wenn es unserer Sache förderlich ist!" nicht hindern, aus dem tragischen Schicksal Gustloffs das größte Kapital zu schlagen. Ein Beweis dafür ist folgender Bericht des „Völkischen Beobachters" aus Wien: „Seit voriger Woche findet in Wien eine Tagung der ,Neu-Zionisten' statt, an der 84 Delegierte aus allen Ländern Europas sowie aus Palästina und Amerika teilnehmen. Die Delegierten, die eine Reihe von Sitzungen hinter verschlossenen Türen abhielten, stehen unter der Führung des bekannten Zionisten Jabotinsky. Wie wir hiezu erfahren, befaßte man sich in den vertraulichen Sitzungen mit einer Reihe aktueller politischer Fragen, an denen das Weltjudehtum interessiert ist und ober deren Behandlung man aus begreiflichen Gründen nichts Cafe Freiwirth PRATERSTRASS £ 11 Als modernes Familien-Cafe vollständig renoviert an die Oeffentiichkeit dringen lassen möchte. So erstattete der Leiter der sogenannten Informationsabteilung der Wiener Zionisten, der Wiener Rechtsanwalt Dr. Grün bäum, ein Referat über den Fall Frankfurter, und man beschloß, an die Schweizer Juden zu appellieren, alie Hebel in Bewegung zu setzen» um die öiientliche Meinung im Hinblick auf den bevorstehenden Prozeß entsprechend zu beeinflussen. Ferner-wurde eine bedeutende Summe an den Frankfurter-Fonds nach Zürich überwiesen . Diese Meldung ist natürlich von A bis Z erlogen. Zur Charakteristik dieser ..Berichterstattung" sei festgestellt: Eine zionistische Informationsabteilung gibt es nicht. Einen Wiener Rechtsanwalt Dr. G r ü nbaum, der „Neu-Zionist" ist, gibt es nicht. Der Wiener Rechtsanwalt Dr. Oskar Grünbaum ist Führer des Verbandes der „Allgemeinen Z i o n i s t e n". Er hat daher an den Tagungen der „Neuen Zionistischen Organisation" nicht teilgenommen, geschweige denn dort ein Referat erstattet. Ein Referat über den Faö Frankfurter wurde nicht abgehalten, ein Beschluß nicht gefaßt. Kein Groschen wurde nach Zürich überwiesen. Lauter Lügen, die nun ihren Weg vom Hitler- Blatt durch die antisemitische Weltpresse nehmen werden. Oesfcrrelchlsche» Qnaüiats rabrlhal Ueberau erhältlich Wie soll man angesichts dieser Lügen des „Völkischen Beobachters" folgender in diesem Blatte erschienenen Erklärung eines Onkels Frankfurters, des Berliner Rabbiners Salonion Frank- Turter, glauben: „Weder mir, noch einem Mitglied meiner Familie in Deutschland wurde vor oder nach Machtantritt des jetzigen Regimes, vor oder nach dem Mord in Davos eine Unbill zugefügt. Wir sind persönlich nicht belästigt worden. Ich bin belett, falls dies gewünscht wird, diese meine Erklärung vor einem ausländischen Gericht zu wiederholen." Wie jeder Einzelterror, so ist auch die Tat von Davos zu verurteilen. Aber dieser Fall ist kein alleinstehender in der Geschichte, ihm gingen hunderte ähnlicher Akte voran. Frankfurter ist nicht der erste, der in einer unberechenbaren Tat die Verzweiflung und den Drang zur Vergeltung der endlosen Leiden zum Ausdruck brachte. Es schwebte ihm vielleicht vor, einen Damm gegen die Flut der zügellosen Gewalt errichten zu können. Ein anderer. Lux, reagierte anders — er UNION-KLUS {Klub der Mitglieder und freunde der ..Union österr. Juden") Wien /., Scliottenring 25 Telephon A-I9-2-77 Montag, den 30. November, l/38Uhr abends, im Klubsaal VORTRAGSABEND es spriM: Dr. Jakob ORN STEIN ater Moses Mendelssohn Zum Gedenken an die ISO. Wiederkehr seines Todestages. Gäste willkommen f Voranzeige, nontag, den 14. Dez., 'k » Ohr abends, halt Uaiv.-Prof. Or, Heinrich Schür im fiiitiul einen Vortrag über „Olm Ernährung des gesunden und des kranken Menschen". opferte sich selbst, um die erstarrte Welt und das gewissenlose Europa aus der Lethargie zu wecken und Hilfe den in höchste Bedrängnis Geratenen zu schaffen. Frankfurter richtete die tödliche Kugel gegen den Feind; im Grunde genommen ist der Entschluß zu dieser Tat in jener giftigen Atmosphäre herangereift, deren Urheber und geistige -Väter fn der Bewegung Gustloffs zu suchen sind. OHlE*KOKS ANTHRAZIT Iiiree Stars K& A. $ C Hl IV., Arjrentinierslrafle 22 ♦ Tel. II 4 7 ~ 5 ~ 4 0 Inhaber: Dr. RICHARD BÄSCH

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