Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1936
- Issue
- Heft 48 (6.11.1936)
- Date
- 1936-11-06
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Nr. 48 — 6. November 1936 DIE WAHRHEIT Ein leteler Appell zu den Wiener Kultusgemeindewahlen. Rasiere Didi gut and billig Der Kampf um die Leitung der Wiener israelitischen Kultusgemeinde hat diesmal überaus scharfe Formen angenommen. Merkwürdigerweise zeigen sich gerade diejenigen, die diesen Kampf veranlaßt haben, am meisten darüber ungehalten und lassen jämmerliche Klagen ertönen. Sie werden aber wohl wissen, warum, denn sie sind es, die das Votum der Wähler am meisten zu fürchten haben. Das Herüberschießen paßte ihnen ganz gut, denn schließlich haben Sie ja den Kampf in Szene gesetzt; sie waren es, die die Aktion des „Bundes jüdischer Frontkämpfer" um eine Einheitsliste mit dem Kampfruf beantwortet haben: Keine Einheit mit den Spaltern! Sie lehnten die Schaffung einer Einheitsliste ab und setzten großes Vertrauen auf ihre demagogischen Methoden, die Gegner möglichst anzuschwärzen, um ihnen die Wähler abspenstig machen zu können. Als aber diese Methode jämmerlich versagte, als sie die Wahrnehmung machten, daß die Stimmung der jüdischen Oefientlichkeit gegen sie ist, da schreien sie Zeter und Mordio, da spielen sie die Rolle des „gekränkten Kosaken" und lamentieren darüber, daß ihnen so kräftig auf die Finger geklopft wird. Gerade dieses Lamento ist der beste Beweis, wie es um ihre „Siegeszuversicht" bestellt ist. Sie wollen sich schon jetzt die Ausrede sichern, ihr zu erwartender Mißerfolg sei den „scharfen Kampfmethoden" des Gegners zuzuschreiben. den. Deutlicher kann man das Denunziantentum wohl nicht treiben — und die Inspiratoren dieser Notiz haben noch die eiserne Stirne, gegen „Denunzianten" zu wettern! Sie bauen auf die Naivität der jüdischen Wähler! Aber sie werden sich wohl am Wahltage überzeugen, daß diese viel reifer sind als die Herren von der Marc-Aurelstraße glauben. Nun sind sie auch noch mit einem umfassenden Programm gekommen. Da reden sie von der Notwendigkeit, die jüdischen Interessen und Rechte nach außenhin zu verteidigen. Aber die Frage sei gestattet: was haben die Herren gerade in der letzten so ernsten Zeit nach dieser Richtung getan? Wann haben sie ihre Stimme gegen Zurücksetzungen und Rechtsverletzungen erhoben? Was haben der Herr „Staatsrat'.' und der Herr „Rat der Stadt Wien" zur Wahrung der jüdischen Rechte getan? Freilich, sie mußten ja schweigen, denn ihre Position in der Kultusgemeinde war ja von der Duldung derjenigen Faktoren abhängig, gegen die sie Stellung zu nehmen hätten. Da haben sie das Gold des Schweigens dem Silber des Redens vorgezogen und haben die Vorsicht als den besseren Teil der Tapferkeit gewählt. Sie sind nur mutig und tapfer, wenn es gegen jüdisch-politische Gegner gilt — nach außenhin verkriechen sie sich und zahlen mit ihrem Schweigen den Preis für die ihnen zuteil gewordenen Würden! Half man Euch für irrsinnig? Man mutet Euch zu. Euren Anspruch auf Gleidibereditigung vor dem Gesetz, verbürgt durch die Bundesverfassung gegen einen reizen Papier, genannt „Hlnderheitsreclit", garantiert dnreh den todgeweihten Völkerbund, einzutauschen Denn jede Bürgschaft des Völkerbundes ist ein Fetzen Papier! Siehe Wilna, Fiume, Danzig, Abessinien, Rheinlandbesetzung, Deutsche allgemeine Wehrpflicht, Deutsche Aufrüstung etc.) Mit welchen Methoden sie selbst kämpfen, darüber verlieren sie kein Wort. Sie wollen vergessen machen, daß sie es waren, die mit den persönlichen Angriffen gegen die Führer der „Union österreichischer Juden" eingesetzt haben. Das Hinüberschießen behagt ihnen jetzt nicht. Ihren Hauptwahlschlager bildete bekanntlich der Ruf „Denunzianten". Wie es damit in Wirklichkeit bestellt ist, haben wir hinlänglich bewiesen und es ist sicherlich überflüssig, darüber auch nur noch ein Wort zu verlieren. Aber wenn schon von „Denunzianten" die Rede ist, so möchten wir auf eine allzu krasse Erscheinung hinweisen, die bezeichnend genug ist. Da brachte die „Christlichsoziale Pressezentrale" eine Notiz über den Kampf um die Wiener Kultusgemeinde. Wer diese Notiz inspiriert hat, darüber braucht man sich nicht allzusehr den Kopf zu zerbrechen, wenn man in derselben zu lesen bekommt, daß die Zionisten die Mehrheit der Mandate bekommen werden. So hellseherisch-prophetisch dürften die Redakteure der „Pressezentrale" aus eigenem Antriebe wohl kaum sein. Aber wenn dies noch nicht genügen sollte, dann kommt ein zweiter Beweis: ein Hinweis auf die soziale Position der „Union"-Kandidaten; so viele Aerzte, Advokaten, Fabrikanten und Kommerzialräte. Auch diese hämisch sein sollende Bemerkung dürfte kaum auf dem eigenen Mist der „Pressezentrale" gewachsen sein. Und nun kommt der Clou der Notiz: da wird darauf hingewiesen, daß es neben der „zionistischen Einheitsliste" auch noch eine zweite zionistische Liste gibt, die des „arbeitenden Palästina", deren Kandidaten aber zugleich als „getarnte Marxisten" bezeichnet wer- Häuseradminisiration Adolf Krall IV., Schleifmühlgasse 11 Beste Empfehlungen von in- und ausländischen Hausbesitzern In ihrem Programm faseln sie auch von der Erfüllung der „berechtigten Wünsche" . der religiösen Kreise. Was haben sie bisher nach dieser Richtung getan? Wie weigerten sie sich, die Forderungen der „Adass-Jisroel" zu erfüllen — und als sie sich endlich dazu bereit gefunden haben, mit dieser ein sogenanntes Abkommen zu treffen, da war es so formuliert, daß der Vorstand der „Adass-Jisroel" die Ratifizierung abgelehnt habe. Bezüglich der Wünsche der anderen religiösen Kreise gibt es andere Mittel: Subventionen als Zuckerbrot oder Peitsche! Sie faseln von der großen Not der breiten jüdischen Volksmassen. Aber gerade in den letzten Tagen konnten sie . nicht umhin, unzähligen Wählern zugleich mit der Wahllegitimation den Steuerexekutor ins Haus zu schicken . . . Wenn alle Stricke reißen, dann müssen eben die Parteigenossen aus der Provinz als letzte Reserve aufmarschieren. Baden, Krems und Klagenfurt maßen sich eine Vormundschaft über die Wiener Juden an und treten als ungebetene Ratgeber auf. Wie traurig muß es um die Aussichten dieser „siegesbewußten" Herren bestellt sein, wenn sie solcher Schützenhilfe bedürfen? Nun denn, der Wahltag wird zeigen, in welchem. Lager die Mehrheit der Wiener jüdischen Wähler steht Es handelt sich nicht um die Wahl dieser oder jener Personen; es handelt sich um die Ehre und Würde der Wiener jüdischen Gemeinde, um ihr geistiges und moralisches Niveau, um die Bewahrung des Erbes unserer Väter. Die Jüdischnationalen haben sogar den herostratischen Mut, unser Palladium, die österreichische Verfassung, anzutasten. Es handelt sich auch darum, daß die Kultusgemeinde davor bewahrt bleiben solle, eine Versorgungsamstalt für „verdienstvolle" Parteigenossen zu sein. Man kann die jüdische öffentliche Meinung nicht mehr in ein falsches Licht rücken,, wenn man in Pressekorrespondenzen und in einigen politischen Blättern tendenziöse Notizen und Berichte einschmuggelt und inspiriert, um diese dann als Zeugen für die eigenen Leistungen aufmarschieren zu lassen. Ueber solche Mätzchen ist die jüdische Wählerschaft längst hinaus. Irreführen gilt nicht mehr! Der Wahltag wird zeigen, wem die Wählerschaft die Leitung der Kuitusgemeindc Oesterreichisches Quölltöts-rabrikal Ueberau erhältlich anvertrauen will. Die „Union österreiciiischer Juden" sieht diesem Wahltag mit vollster Ruhe entgegen und erwartet, daß die Wähler ihre Pflicht tun werden. Die Jüdischnationalen lugen nicht! Reg.-Rat Oppenheim hat in seiner Antrittsrede als Präsident der „Union österreichischer Juden" über seine Einstellung zum Palästinawerk laut „Wahrheit", Nr. 43, vom 16. Oktober 1936 gesagt: „Ueber unser einziges Vaterland Oesterreich wollen wir Palästina nicht vergessen. Palästina ist und bleibt für uns die geweihte und heilige Stätte unserer religiösen Erinnerung. Aber auch darüber hinaus wollen wir Palästina fördern für diejenigen, die ihre religiöse Sehnsucht hinführt, und auch für jene unserer Glaubensgenossen, die sich nicht assimilieren wollen oder assimilieren können oder die, wie wir jetzt leider hinzufügen müssen, sich nicht assimilieren dürfen. Aber wir verbinden mit Palästina keine politischen Aspirationen, wir halten es für die Ruhe und für den Frieden unserer Glaubensgenossen .dort und auf der ganzen Welt für erstrebenswerter, daß die politische Ruhe des Landes Israel durch jüdisch-politische Wünsche und Bestrebungen nicht gestört werde." Trotzdem behaupten die Jüdischnationalen und saugen es sich aus ihren unreinen Fingern ,.Dr. Oppenheim sagt, Palästina ist ein Bluff". Aber die Jüdischnationalen lügen ja nicht! Lest die ,Wahrheif' Sie schafft Klarheit l Einigkeit unter den Herren der „zionistischen Liste." In der sogenannten jüdischen Gasse weiß man, wie lieb die Herren Jüdischnationalen einander haben und wie sie sich gegenseitig sachlich und persönlich befehden und befeinden, wenn es sich um sachliche und persönliche Dinge ihrer Partei-Gruppen oder -Grüppchen handelt. Sie, die nicht einmal in Palästina einig sind, wenn es um die Frage der Aufrechterhaltung eines wirklichen Judenstaates oder um. die Stellungnahme gegenüber den bodenständigen Arabern geht, sind in der sogenannten Galuth einig, wenn zum Kampfe gegen die bodenständigen Assimilanten aufgerufen wird. Unbeschadet dieser Einigkeit gegen die Assimilanten bleibt aber ihre Parteieifersucht weiter bestehen. Das zeigt sich so recht wieder dieser Tage, da der Führer der revisionistischen Jüdischnationalen und Begründer der Konkurrenz-Organisation der neuen zionistischen Organisation Jabotinsky für kommenden Sonntag einen großen Vortrag angekündigt hatte. Trotz allgemeinem Versammlungsverbot hatte die Behörde die Abhaltung dieses Vortrages, der sich offenbar nur m't dem Problem der Auswanderung befassen sollte, ohneweiters gestattet Der Vortrag findet aber nicht statt Er wurde, wie es heißt, plötzlich von der Staatsbehörde untersagt oder, wie man das euphemistisch ausdrückt, aus technischen Gründen verschoben. Wer mag wohl hinter diesem Verbot stecken? Die Frage, wer daran ein Interesse hat, diesem außerhalb der zionistischen Weltorganisation stehenden Herrn Jabotinsky in diesen Tagen das propagandistische Auftreten in Wien unmöglich zu machen, beantwortet sich von sebst. Vollständig renoviert und vergrößert I Cafe ^ßuchs&aum 2. Bezirk, Kleine Pfarrgasse 21, Tel. A 43-5-19 Eine Sehenswürdigkeit ersten Ranges