Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1936
- Issue
- Heft 40 (25.9.1936)
- Date
- 1936-09-25
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Preis dieser Nummer 40 Groschen Die Wahrheit mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden" Erscheint jeden Freitag MIM Redaktion und Administration; Wien IL, Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkcnto Wien: A 100.918 52. Jahrgang Wien, 25. September 1936 Nummer 40 ¥ E R S O G=Q INI U M <& §¥Ä& Rasiere Dich gnf und billig Seelische Werte stehen heute niedrig im Kurs. Die Phrase des Hasses, sie ist es, die unsere Gegenwart kennzeichnet. Der Mensch jenseits der Landesgrenze wird gehaßt, Haß gilt dem Mitbürger, der anderer Abstammung ist. Und das Produkt dieses Hassens ist Zerstörung und Vernichtung. Wer denkt denn heute noch an den Frieden der Welt, wer etwa noch an den Kellogg-Pakt, dessen Zustandekommen .erst vor sieben Jahren von der Kulturwelt begrüßt wurde? Ein Fetzen Papier. Yon Phrasen des Hasses wird die Stunde beherrscht. Wozu noch die Goldmünze des Geistes, wenn das Kleingeld des Hassens Kaufgeld des Menschen ist? Lassen wir uns auch in dieser Zeit den Glauben nicht rauben. All das Stürzende unserer Tage, dieses Chaos unserer heutigen Welt, es kann nur, es muß der Kündbote eines neuen Werdens sein. Die Geschichte der Menschheit zeigt keine gerade, aufsteigende Linie. Immer wieder hat es in ihr Zeiten des Aufstiegs und Zeiten des Niederganges gegeben. Immer wieder wechselten Zeiten des Glückes mit Zeiten des Leids. Doch was kann uns Leid sein, wenn wir das Wissen des Ewigen in uns tragen. Dieses Wissen, das Tagore, der indische Weise, in die Worte kleidete: „Die Freiheit, zu der wir durch Leid gelangen, ist größer als das Leid." Dieses Wissen, das ihn fragen heißt: „Vermag Gewalt etwas gegen die Wahrheit?" Wiederum sind in unserer Zeit die Seelen der Menschen verhärtet. Religiosität gilt als Luxus, als Ballast, wird bespöttelt. Und doch wird es-auch in Zukunft keine Weltordnung geben, die nicht religiösen Gemeinschaftswilfen als tragendes Fundament besitzt. Es wird der Geist auch in der kommenden Zeit seine Stätte finden. Dieser Geist, der weiß um den einen Weltengott, der Garant und Ziel des sittlichen Tuns in der Welt ist, der kündet von der universalen Einheit und Gleichheit des Menschengeschlechts. Dieser Geist, der Haß in Liebe wandelt und lehrt: „Liebe deinen Nächsten, er ist wie du." Versöhnung st a g. Notwendiger in diesem Jahr noch als je. Not schaut aus den Häusern unserer Mitmenschen. Wird es gelingen, sie zu bannen, sie zu meistern? Wie sollte Frieden werden können, wenn die Sorge des Alltags Verzweifeln und Empören fast zur Notwendigkeit macht? Das Grausen hat die'Menschheit gepackt. Wird sie aus ihm lernen? Es kann keinen Frieden in der Welt geben, solange nicht in den Menschen selbst Frieden geworden ist. Der' Mensch baut die Gesellschaft, sie spiegelt sein Inneres wieder. Und es kann keine Gerechtigkeit, keine Hilfe, keine Rettung in der Welt geben, solange nicht wieder das Verstehen des Mitmenschen wach wird, das Wissen, daß der Andere mein Bruder, Kind Gottes ist. Stärken wir am Versöhnungstag den Geist des Ewigen in uns. Wir werden damit der Welt dienen. B. W. CafE Freiwirth PRATE RSTRAS S E 11 Als modernes Familien-Cafe vollständig renoviert Fe Lage in Palästina ist nach wie vor noch äußerst gespannt. Das Eintreffen des neuen Militärkommandanten Generalleutnant Dill in Palästina, der dort nach Zeitungsmeldungen auch die oberste Leitung der Verwaltung übernehmen soll, und die Einrückung der vom englischen Kabinett beschlossenen wesentlichen Truppenverstärkungen im Heiligen Lande hat auf die Terroristen absolut nicht, wie erwartet wurde, ernüchternd gewirkt, im Gegenteil sie antworteten darauf mit einer Intensivierung ihrer Greueltätigkeit. Das Oberste arabische Komitee hat beschlossen, den Streik fortzusetzen. In einem Manifest an die britische Regierung hatte das arabische Oberste Komitee noch vor dem Streikbeschluß erklärt, es sei nicht verantwortlich für den Streik, der ein spontane Aktion des arabischen Volkes sei. Das Komitee wiederholt die arabischen Forderungen: Völlige Unabhängigkeit in Palästina, Schaffung?ines arabischen Staates und Liquidierung des Palästinamandats. Die Einsetzung der Uatersuchungskommission könne kein Grund zum; Abbruch des Streiks sein, denn auch frühere Kommissionen hätten keine Aenderung der Politik Englands gebracht. Schließlich lehnt das Oberste Komitee die Verantwortung für das Scheitern der Vermittlung Nuri Paschas ab. Dieser scharfen Sprache der Führer entspricht die erhöhte Gehässigkeit der Schandtaten der Terroristen. Wieder ist ein Kind dem mörderischen Wüten der arabischen Bombenwerier zum Opfer gefallen. In ein von der sephardischen Familie T u r j e m a n bewohntes Haus in der Nähe eines Beduinenlagers bei T i b e r i a s, unweit des von arabischen Arbeitern bewohnten Vermessungslagers der Regierung, wurde eine Bombe geworfen. Der fünfjährige Elieser Turje-man war sofort tot, sein siebzigjähriger Großvater wurde schwer, die Eltern wurden leicht verletzt. Die Bestattung des kleinen Tunern a n auf dem F r i e d h o IL v o n Tiberias ging unter größeren Gefahren und Hindernissen vor sich. Der T* a u e r z u g wurde i n der Nähe des Friedhofs von arabischen Terroristen beschossen. Die Beisetzung mußte verschoben werden. Sie fand später unter ungeheurer Beteiligung der jüdischen Bevölkerung statt. Oesterrelchisches Qualilälsfabrikal Ueberau erhältlich Der vor etwa zwei Monaten bei einem arabischen Bombenanschlag in Jerusalem schwer verletzte Jacob Kafermann ist jetzt seinen Verletzungen erlegen. Durch seinen und des fünfjährigen Elieser Turjemans Tod ist die Zahl der jüdischen Opfer der Unruhen auf 89 gestiegen. In Jerusalem wurde am Rosch-liaschanah gegen einen zur Synagoge gehenden Juden eine Bombe geschleudert. Die Bombe verfehlte ihr Ziel. Fast täglich wird die Proklamierung des Belagerungszustandes erwartet, welche Maßnahme vom englischen Kabinett bereits am IS. September beraten wurde. tfie saften „&%ois€nen>ismus"... Die „B a s 1 e r Nachrichten" (16. September) schreiben im Anschlüsse an die antibofschewistischen Reden Hitlers in Nürnberg über deren Wirkung auf Oesterreich: „Die Parole, die der deutsche Reichskanzler für die Bedürfnisse seiner Innenpolitik ausgibt, wird für Oesterreich übernommen. Aus denselben politischen Motiven. Aber sie wirkt nicht recht im österreichischen Publikum. Was dagegen wirkt, ist die Propaganda desAntisemitismus, die, gestärkt durch den Akkord des 11. Juli, neuerdings mit Hochdruck arbeitet. Offen darf sie natürlich nicht hervortreten. Die Regierung hat bei aller christlichdeutschen Einstellung nicht nur nicht die geringsten antijüdischen Tendenzen, sondern sie wacht auch mit schärfstem Auge darüber, daß der Antisemitismus kein Oberwasser bekomme. Aber sie kann nicht verhindern, daß die sonst überaus gemäßigte „Reichspost" eine immer schärfere Tonart gegenüber dem Judentum einschlägt und daß das „Neuigkeits-Weltblatt" die Rede Adolf Hitlers über den jüdischen Bolschewismus in einer Weise aufmacht, die den „Völkischen Beobachter" absolut zufriedenstellen müßte. Bs ist daher begreiflich, daß sich des österreichischen Judentums eine immer größere Unruhe bemächtigt. Gewiß, nicht nur die Regierung, sondern auch weite Kreise, die politischen Einfluß haben, lehnen den Antisemitismus ab. Weder die Heim wehr noch die katholischen Sturmscharen wollen etwas von dieser Parole wissen. Sie fügen sich in die antibolschewistische Front ein, doch sie machen den antisemitischen Kurs nicht mit. Das überlassen sie jenen Zirkeln der alten Christlichsozialen, die vom Bolschewismus reden und schreiben und das Judentum meinen."