Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1936
- Issue
- Heft 28 (3.7.1936)
- Date
- 1936-07-03
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Preis dieser Nummer 40 Groschen IDodi In Deutschland verboten ens chri Die Wahrheit Ersmeint jeden Freitag ■wm»miiiiii||ipinimii™ mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden" Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien: A 100.918 52. Jahrgang Wien, 3. Juli 1936 Nummer 28 J'accuse!. §§ 99 In Faris feiert eine kleine Familie Jahrzeit. Das Seelenlichtchen flattert, Pierre geht zum Kaddischgebet. Der erste Jahrzeittag nach dem verstorbenen Vater, nach einem Menschen, der viel und unschuldig gelitten hatte. Nach einem Menschen, der wegen seiner Religion, seines Judentumes halber gemartert und gequält wurde. Alfred D r e y f u s . . . Nun ruht er seit einem Jahre in der Erde dei Heimat, jener Heimat, der er so heiß geliebt hatte, für welche er gewillt war zu leben, zu leiden und zu 'Sterben . . . Sonst war dieser Alfred Dreyfus ein einfacher, doch braver, tüchtiger Soldat. Ein Held? . . . Nein! . . . Ein Märtyrer, der vieles über sich ergehen lassen mußte . . . In der Dreyfus-Affäre haben wir andere Menschen als Helden kennen und schätzen gelernt: Frau Dreyfus, Mathieu Dreyfus, den Bruder, dann den Oberst Picquart, den Senator Scheurer-Kestner und vor allem den großen Romancier Emil Zola. Emil Zola! . . . Unser Herz schlägt noch heute lauter, wenn wir seinen Namen hören. Den Namen dieses Helden, der ungeachtet der Anfeindungen, Anklagen, Angriffe und Strafen sich an die. Seite des auf der Teufelsinsel leidenden Kapitäns stellte und mit fester, ehrlicher, mannhafter Stimme seine Anklage: ,,J'accu«e!" in das Gesicht der Regierung, in die Gesichter der Generäle und der Generalstabsoffiziere schlug. Sein Kampf war alles eher als populär, er wurde eingekerkert, mußte die Heimat verlassen, doch er ließ nicht locker: „Ich klage an!" . . . „J'accuse!" . . . und siegte endlich! Er und viele hunderte aufrechter Männer stellten sich auf die Seite eines Einzigen, als sie erkannten, daß dieser unschuldig verfolgt wird. Und heute werden viele Hunderttausende auf einer Teufelsinsel verfolgt, gedemütigt, gequält, gefoltert, mißhandelt, entrechtet, gemordet . . . Ebenfalls unschuldig ... Ob in dem Lande der Teufelsinsel des 20. Jahrhunderts ein Zola sich finden wird, der sein „J'accuse!" erhebt . . . Dort und da, in England und in der Schweiz, in der Tschechoslowakei und in Frankreich, in Schweden und in Italien ertönt oft die Anklage, scharf und schneidend, doch diese Anklagen wer- ^m^umibuimuiim «V VERWALTUNGEN SÄTZE- HYPOTHEKEN Mfr KÄUFE - VERKÄUFE Dipl.-Kaufm. Rasiere Didi gut und billig R. SZILAGYI IX., ROTENLÖWENG. 3 BEB. AUT. SEISAL TEL. A 10-5-69 WMSUSSB3&' den durch den Profosen der Teufelsinsel stets als Lügenpropaganda hingestellt und verhallen resultatlos. Es muß sich ein Zola im Lande selbst finden, der seine Stimme erhebt: Ich klage an, daß diese Männer nur lügen, sie verleumden Unschuldige. Sie wissen selbst, daß sie lügen, daß sie verleumden, sie tun es mit Vorbedacht, mit Absicht! Ich klage sie an, sie, die die Seelen der Kinder in den Kleinkinderbewahranstalten, in den Volksschulen, die Seele der Jugend in den Mittelschulen, an der Universität, in den Sport- und Selbstbildungsvereinen, die Seelen der Männer und Frauen bei den Volksversammlungen mit Reden, mit Zeitungen, mit Büchern wissentlich verpesten. Die die Lehren ihres Heilands mit Füßen treten. Ich klage sie an, daß sie Friedhöfe, Gotteshäuser, Heldendenkmäler schänden und schänden lassen. Sie schänden die Wohnstätten der Lebenden und sie schänden die letzte Ruhestätte der Verewigten. Ich klage sie an, daß sie Unschuldige von der Scholle, für die sie gearbeitet, gekämpft, geblutet haben, die sie lieben, für welche ihre Väter, Gatten, Brüder, Kinder ihr Leben gaben, verjagen, aus purem Neid ihnen den Bissen Brot aus der Hand reißen, ihnen den Bettelstab in die Faust drücken. Bloß aus Neid o'der auf eine Denunziation, ohne Untersuchung, ohne ein rechtmäßig erbrachtes Urteil! Ich klage sie an, daß sie auch die Gerichtsbarkeit zum Hohne der Menschlichkeit zu einer Farce verunstaltet haben. Ich klage sie an, daß sie aufrechte, arbeitswillige Menschen den unmenschlichsten Foltern aussetzen, sie demütigen, mißhandeln, in menschenunwürdigen Zellen und Kozentrationslagern zusammenpferchen, dort mit satanserdachten Torturen in den Irrsinn, in den Selbstmord treiben. Ich klage sie an, daß sie stehlen, rauben, daß sie schänden, daß sie morden! Morden!! Und ihre sogenannten Führer diese Morde nicht nur nicht ahnden, sondern sie als Heldentaten hinstellen und belohnen! Ich klage an die Kleinsten, die Kleinen und die Großen! Die Untergebenen und die Führer! Die Mannschaften, die Gruppenführer, die Standartenführer, die Minister und Jen „Führer" selbst! Und ich klage die Gefieräle, die Großgrundbesitzer, die Junker, die Gewerbetreibenden, die Kaufleute, die Fabrikanten und die Großindustriellen, die Professoren, LehFer und Geistlichen, die Beamten, Angestellten und Arbeiter wegen Mittäterschaft an, da sie zum eigenen Nutzen diese Scheußlichkeiten unterstützen und fördern! Ein Zola aus dem eigenen Lande der Teufelsinsel könnte vielleicht sein Wort mit Erfolg an das OesterrelcMsclies Qualität* raDrlfcat Ueberau erhältlich Gewissen der Welt richten. Sein „J'accuse!" würde vielleicht nicht so ungehört verhallen wie die Worte jener Ausländer, die sich tagtäglich in die Bresche stellen. Dieser Tage ist ein solches „J'accuse" erklungen: ein Mann aus der Kampffront Hitlers selbst tritt an die Oeffentlichkeit und ruft: „Ich kann nicht schweigen . . .!" Das Buch, das von der Schweiz aus („Europa-Verlag", Zürich) seinen Weg in die ganze Kulturwelt finden wird, ist eines der erschütterndsten Dokumente unserer vergifteten Zeit: der Verfasser hat in seinem Glauben an den Nationalsozialismus und an Adolf Hitler Schiffbruch gelitten; er hat zu viel gesehen und gehört und sein Gewissen zwingt ihn, die Wahrheit zu sagen und die schwersten Anschuldigungen gegen die Weltanschauung zu erheben, die er. seibst durch lange Jahre gefördert hat. Es ist kein Mitläufer, der hier das Wort ergreift, es ist kein Konjunkturpolitiker, der sich auf die andere Seite schlägt, weil er etwa einen Umschwung wittert: in schwerer, inneren Kämpfen hat sich der Verfasser zui Erkenntnis durchgerungen, daß das deutsche Volk gewissenlos in ein ungeheures Abenteuer geführt wurde, das nur mit einer furchtbaren Katastrophe enden kann. Der Autor dieses erschütternden Buches gibt seinen Namen nicht preis — den Grund kann man sich leicht denken. Denn wir wissen es recht gut: für den Zola von heute ist es noch schwerer wie für jenen der Neunzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts. Ihn erwartet ein Konzentrationslager, üumniiknüttel, Gewehrkolben, ja vielleicht eine unbezeichnete Orube . . . Sein Kampf ist schwerer als jener vor vierzig Jahren in Frankreich! Und doch hoffen wir! Wir, die die Männer jenes Landes kennen, zumindest sie in vernünftiger Zeit kannten, hoffen trotzdem! Wir hoffen . . . Nein! . . . Wir wissen: die Zeit ist nicht mehr ferne, da sich, so wie heute noch ungenannt der Mann, der sein „Ich kann nicht schweigen!" laut in die Welt rief, ein, nein, tausende und zehntausende Zolas finden werden, die das Wort „J'accuse!" in die Gesichter der Verführer schleudern und die Augen der Verführten öiinen werden! .... Mitglieder und Freunde der |,Union", des „Union-Klub"» des „Union-Frauen-Klub" und der „Jugend-Union" treffen sich während der Sommermonate bei jedem Wetter, jeden Mittwoch, ab 8 Uhr abends im reservierten Teil des Restaurant Deutschberger, Prater, Äusstellungsstraße (vis-ä-vis dem Lustspieltheater), woselbst auch Gelegenheit zu freier Aussprache und geselliger Unterhaltung gegeben ist.