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Die Wahrheit · 1936-06-19 · Heft 26 (19.6.1936) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1936
Issue
Heft 26 (19.6.1936)
Date
1936-06-19
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Seite u Nr. 26 — 19. Juni 1936 DIE WAHRHEIT JintijtidiscIteT {fewwow in Solen. Polnische Regierung gegen antijüdiscben Boykott. Eine offizielle Erklärung des AuBenamtes. Dem aus London in Warschau eingetroffenen politischen Sekretär der Weltorganisation Agudas Jisroel, H. A. Goodman, wurde im polnischen Außenamt erklärt, die Regierung mißbillige den von der nationaldemokratischen Partei organisierten a n t i i ü d i s c Ii e n Boykott. Es sei bestimmt nicht die Absicht des Ministerpräsidenten General Skladkowsky gewesen, die Ermutigung dieser Aktion zu empfehlen, als er seine Rede am 4. Juni im Sejm hielt (die Aeußerung des Ministerpräsidenten in dieser Rede: „Wirtschaftlicher Kampf, bitte sehr — aber Exzesse werden nicht geduldet werden" war vielfach dahin ausgelegt worden, daß der Ministerpräsident den Judenboykott für zulässig halte, und hat in jüdischen Kreisen tiefe Beunruhigung hervorgerufen). Goodmann brachte weiter die tiefe Besorgnis der englischen Judenheit über die andauernde an'tijüdische Unruhe in Polen zum Ausdruck, durch die eine an sich schon verzweifelte Situation noch verschärft werde; dies bringe die an dem Wohlergehen der polnischen Judeoheft interessierten ausländischen Organisationen in eine äußerst schwierige Lage. Es wurde Herrn Goodman die Versicherung gegeben, daß die Regierung das Versprechen des Ministerpräsidenten, derartige von allen verantwortlichen Kreisen bedauerte Ausschreitungen zu unterdrücken, erfüllen werde. Die Lage in Minsk-Mazowieck. In Minsk-Mazowieck, wohin die geflüchteten Juden zum größten Teil bereits zurückgekehrt sind, herrscht im allgemeinen Ruhe. Der Wochenmarkt ist ohne Störung verlaufen; allerdings vermieden die Bauern den Einkauf bei jüdischen Marktfahrern. Auf der Landstraße beim Eingang in das Städtchen wurden iuris SeUwia-lestnral WIEN IL. Praferslraße SS TCleakM ■ 47-4-4» Unter Aufsicht des ehrwürdigen Rabbinates der Adas Jisroel (Schiffschul). Ausgezeichnete Küche, zivile Preise und sorgsamste Bedienung. A la Carte-Speisen und Menüs von S 2— «ufw. Hochzeiten. Diners und andere Festlichkeiten werden in und außer Haus elegantest ausgeführt. unter den Bauern Flugzettel verbreitet, in denen diese -aufgefordert wurden, an den Juden für die Ermordung des Sergeanten Bujak Rache zu nehmea Der Starosta, der von einer jüdischen Abordnung auf diese gefährliche Propaganda aufmerksam gemacht wurde, versprach, die Agitatoren durch Geheimagenten verhaften und die Flugblätter beschlagnahmen zu lassen. Am Freitag Nachmittag haben sechs Soldaten des in Minsk-Mazowieck stationierten Ulanenregiments Zerstörungen in dem der Zipora Grünstein gehörigen Laden für Erfrischungsgetränke angerichtet und den jüdischen Gast Hersch Matuszewski schwer verletzt Sie wurden verhaftet, eine Untersuchung wurde eingeleitet An einer anderen Stelle der Stadt wurden weitere zwei Juden von polnischen Soldaten mißhandelt Es wurde festgestellt daß bei den letzten Unruhen insgesamt 7Ö00 Fenster jüdischer Häuser zertrümmert wurden und daß die Brandstiftungen von einer aus etwa 60 Personen bestehenden Bande ausgeführt wurden. Besondere Aktivität entfaltete ein aus 20 Personen bestehender „Stab" unter der Führung eines bekannten Mitglieds des illegalen nationalradikalen Jugendlagers, Joseph Kinitz. Die Brandstifter und Exzedenten sind in Haft. Aus Warschau wurden 28 Personen zu Untersuchungszwecken nach Minsk- Mazowieck gebracht, die unter dem Verdacht der Brandstiftung, der Mißhandlung jüdischer Einwohner und der Plünderung verhaftet worden sind. Die Rückkehr der nach, dem Pogrom geflüchteten Juden nach Minsk ist bereits, in vollem Gange. 400 Rückkehrer, die aller Mittel entblößt waren, erhielten die Fahrkarten vor. einem Hilfskomitee. Der Direktor des Joint Distribution Committee, Gitermann, ist in Minsk eingetroffen, um Erhebungen über den entstandenen Schaden vorzunehmen. Der Starosta von Minsk hat den Oberrabbiner und die jüdischen Mitglieder des Gemeinderates zu sich berufen, um ihnen mitzuteilen, daß die Behörden nunmehr vollständig Herr der Lage seien und keine Ursache zur Furcht vor neuerlichen Ausschreitungen bestehe. Auf Aufforderung des Starosta wurden sämtliche jüdischen Geschäfte, die bisher mit Brettern verschlagen waren, wieder geöffnet. In mehreren Fällen geschah die Geschäftsöffnung allerdings nur „symbolisch", da die Läden vollkommen ausgeplündert sind. Inzwischen treffen alarmierende Nachrichtenaus den.-Städtchen in der Umgebung von Minsk-Mazowieck, wie Dobra, Szenica, Stanislawow, Mrczy usw. ein. Ueberfälle auf Juden mehren sich in diesen Ortschaften. Die Juden haben zum Teil aus Furcht die Ortschaften verlassen. Die verschlossenen Türen und Fensterläden wurden daraufhin in der Nacht aufgerissen. Die angesichts dieser Exzesse machtlose Ortspolizei hat Verstärkung aus Warschau erbeten. Aus dem Städtchen Ozorkow bei Lodz wird gemeidet daß der jüdische Ortsfriedhof geschändet und zwölf Grabsteine zertrümmert wurden. In dem Dorf Adamow bei Lukow wurde ein von Juden bewohntes Haus in Brand gesteckt Es gelang, das Feuer zu lokalisieren und die benachbarten jüdischen Häuser zu retten. Drei jüdische Familien sind obdachlos geworden. In Wawer bei Warschau überfielen Huligans den von der Andacht in der Synagoge zurückkehrenden 80jährigen Mordechai Lenkowicki und rissen ihm den Bart aus. Schwer blutend schleppte sich der Greis zur Synagoge hin, wo ihm erste Hilfe geleistet wurde. Der Schneider Mordechai Mendel Judenlender in Wawer wurde von Huligans so zugerichtet, daß er in das Hospital nach Rembertow überführt werden mußte. Eine Bande Huligans überfiel die jüdische Kinderko 1 onie in Rzelonka bei Warschau und schlug in dem Gebäude 200 Scheiben ein. Die verängstigten Kinder konnten von dem Personal geschützt werden. In Tarnopol wurden mehrere Juden bei einem antisemitischen Exzeß der Nationaldemokraten erheblich verletzt. In Sosnowice wurde in der Wohnung des Chefredakteurs der lokalen zionistischen Zeitung, Gelichter, eine Bombe von starker Explosivkraft geschleudert. Gelichter, seine Frau und vier Kinder wurden durch Bombensplitter schwer verletzt. Allgemein wird der Anschlag der nationalradikalen Organisation (NRA) zugeschrieben. GROSSFLEISCHHAUEREI flEGM. KORNMEHL WIEN IX., BERGGASSE HR. 19 FILIALE i XVIII., WÄHRINGERSTRASSE 97 Telephon Nr. A 17-3-99 and A16-9-34 Lieferant für Heilanstalten Abteilungen für Koscherfleisch unter Aufsicht das ehrw. Rabbinates der Isr. Kultusgemeinde Wien. Sämtliche Fleischsorten von ausschließlich Prima-Qualität zu den billigsten Marktpreisen Ein Todesopfer in Lemberg. Im Lemberger Hospital verstarb SchlomoRosenmann, der beim Ueberf all der Huligans auf jüdische Spaziergänger im Stadtpark lebensgefährliche Verletzungen davontrug. Am Freitag nachmittags fand die feierliche Beisetzung Schlomo Rosenmanns statt. Während der Bestattung blieben sämtliche jüdischen Geschäfte in Lemberg geschlossen. Mehrere tausend Personen schritten hinter dem Sarg, unter ihnen der Vater und der Bruder des Ermordeten, die aus Palästina zu der Beisetzung gekommen waren. Auf dem Friedhof spielten sich erschütternde Szenen ab. Sämtliche Lemberger Rabbiner, orthodoxe und fortschrittliche, hielten Trauerreden für den Märtyrer. Kinderheim Stella-Adria für Fortbildung und Erholung In Abbazia Unter persönlicher Leitung des Rabbiners Allesandro Stern, nebst Mitwirkung geschulter Pädagogen. Unmittelbar am Meere gelegen. Herrlicher Ausblick aufs Meer und Gebirge. Moderne, luftige Räume. Gewissenhafteste, individuelle Behandlung. Für Knaben und Mädchen von 10—18 Jahren. Eigener Spiel- und Sportplatz. Eigenes Seebad. Aerztliche Aufsicht. Monatstaxen von 450—600 Lire. Auch Auslandszahlungen möglich. Ganzjährige Funktion. Religiöse Mentalität Telegramm: „Stelladria", Abbazia. Arabisch-jüdische Freundschaft — ein Schlagwort? Ein Artikel in. der soeben erschienenen Nummer der dem englischen Kolonienministerium nahestehenden „Great Britain and the East" gelangt zu dem Schluß, daß die Politik, eine Versöhnung der Mandatsverpfbebtungen gegenüber den Juden und Arabern in Palästina herJjeizuführen, ein leerer Wahn sei. Das englische Volk, heißt es darin, habe niemals ein anderes Vofk bedrücken wollen, und eine solche Politik habe sich niemals gelohnt. In Palästina weise Empfinden und Eigeninteresse in diesetbb Richtung; und es wäre Wahnsinn, weiter Schlagworten zu huldigen, deren Nichtigkeit sich hinlänglich erwiesen habe. Dem englischen Volk werde küar werden, daß- Araber und Zionisten niemals zusammenkommen wärdien. Man habe lange behauptet, daß gemeinsames Wirtschaftsänteresse die beidien Völker miteinander verbinden werde. Aber mitten in einer noch nie dagewesenen jüdischen Prosperität in Palästina sei es zu diesen Unruhen gekommen. Sowohl die Hoffnung der offiziellen englischen Kreise, daß der Frieden rächt mehr gestört werden würde und England die Freundschaft sowohl der Araber als der Juden erringen würde, als auch die Hoffnung der Araber auf eine drastische Aenderung, die ihnen künftig Sicherheit gibt, schließlich auch die Hoffnung der Juden, daß die Vorteile, die die neue Einwanderung brachte, eine Zusammenarbeit zwischen atei und neuen Siedlern herbeiführen würde, seien enttäuscht worden. Wie könne maini nationale» Geist durch Gewalt besiegen? GanzPalästina sei1 inleidenschaftlicher Hingabe für die arabische Sache gegen diejenigen vereint, die ihre Herren zu werden drohen: es ist gleichzeitig gegen die Engländer geeint. Das sei vielleicht die wesentlichste Tatsache bei der gegenwärtigen Lage. England sei in Palästina und Transjordanien, von anderen Ländern nicht zu reden, zum Erzfeind erklärt worden. Welchen Ausweg gebe es aus dieser Lage? Viel werde vermutlich von dem Bericht der Kgl. Kommission abhängen. Inzwischen müsse die Regierung des Landes fortgeführt werden. Werde man eine Geste machen, um die Araber zu beruhigen, damit die Kommission in einer weniger geladenen Atmosphäre arbeiten könne? Oder werde man an der bisherigen Politik mit solcher Entschlossenheit festhalten, daß man etwa die Errichtung des Jüdischen Nationalheims durch ein jüdisches Wehrkorps, wie es seit langem befürwortet wird, erleichtern werde? Es heißt, daß die Zionüsten 130.000 Bewaffnete aufbringen! könnten. Die Möglichkeit einer solchen Entwicklung sei darum recht beträchtlich. Auf alle Fäle, heißt es zum Schluß, sei' eine klare Führung der englischen Palästinapolitik dringend wünschenswert. Man müsse den einen oder den anderen Weg wählen. Auf der einen Seite seien die Heere der arabischen Welt und ein Te2 jedenfalls der Welt des Islam; auf der anderen ein Teil der Welt der internationaJen Judenheit. Zu behaupten, daß beide gleichzeitig zufriedengestellt werden können, sei etwas, was die Ereignisse im Mandatslahd Palästina, als falsch erwiesen haben. Zu lange habe man dem Schlagwort gehuldfet, daß die Ideale von Arabern und Zionisten nicht unvereinbar seien. Jetzt seien die Schuppen von Englands Augen gefallen; es gebe keine Entschuidtgung mehr dafür, den Weg tastend fortzusetzen. „Spectator" glaubt an vorübergehende Einstellung der Einwanderung. Die einflußreiche Londoner konservative Zeitschrift „S p e c t a t o r" führt u. a. aus: der Punkt, an dem die von Emir Abdullah geführten Verhandlungen scheiterten, sei die Weigerung des High Commissioner gewesen, die jüdische Einwanderuns einzustellen. Ein Zugeständnis sei erschwert worden, weil die Araber grundsätzlich ein dauerndes Einwanderungsverbot forderten. Immerhin, meint das Blatt, beistehe die Möglichkeit eines Kompromisses auf der Grundlage, daß die jüngst bewillig-

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