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Die Wahrheit · 1936-06-19 · Heft 26 (19.6.1936) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1936
Issue
Heft 26 (19.6.1936)
Date
1936-06-19
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Preis dieser Nummer 40 Groschen In Deutschland verboten! Die Wahrheit Erscheint jeden Freitag aaffliHiiii^ mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden4* ____________ jnuiniuiu Redaktion und Administration: Wien 11., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien: A 100.918 52. Jahrgang Wien, 19. Juni 1936 Nummer 26 der „Weltkongreß" — eine getarnte jüdisdmationale Veranstaltung. Rasiere Dich gut und billig im Anfang war die Sache ganz harmlos. Da sollten die Juden der Welt ohne Unterschied ihrer poltischen Einstellung — allerdings unter dem pompösen und marktschreierischem Namen „Jüdischer Weltkongreß" — zusammenkommen, um die Exilstenzprobleme ihrer Glaubensgenossen in jenen Ländern, wo solche, speziell sich aufwerfen, zu beraten und möglichst deren Lösung herbeizuiühremv. Dann sollte eine Wirtschaftsstelle geschaffen werden, die in wirkamer Weise» Emigranten und sonst in ihrer Existenz bedrohten Juden beispringen kann. Die Wirtschaftshilfe soll ferner die Berufsumschichtung der Juden in die Wege leiten und eine Emigration nach Uebersee-Staateni ermöglichen. ,/W irtschaftshilfe für die notleidenden jüdischen Massen in Ost- und Mitteleuropa" hieß der Köder, der ausgeworfen wurde. Mit den jüdisch-poliöschen Fragen sollte sich der Weltkongreß nicht befassen, das Palästina- Probleim sollte ausgeschaltet sein, aber auch mit den innerpolitischen Angelegenheiten der Staaten und der jüdischen Gemeinschaften in dJesen Staaten sollte sich der Kongreß nacht beschäftigen. Die großen nichtnationälen jüdischen Gruppen hörten wohl die Botschaft, allein es fehlt ihnen der Glaube, da sie durch Herrn Dr. Nachum Q o 1 d m a n n vermittelt wurde, der als bekannter enragierter Jüdischnationaler wohl am ungeeignetsten war» eine jüdische unpolitische Botschaft zu verkünden. Daher lehnte ein Großteil der amerikanischen Juden, die Gesamtheit der englischen, französischen, holländischen Juden, die nichtnationalen Juden Polens, Deutschlands und Oesterreichs, die Agudah usw. die Beteiligung am jüdischen Weltkongreß ab. Wie recht sie daran getan haben, beweist die jetzt erschienene programmatische Schrift des Herrn Dr. Nachum Qoldmann ,,D e r Jüdische Weltkongreß — seine Aufgaben und Ziel©". Wie ein roter Faden zieht sich durch diese gefährliche politische Schrift, die nur Wasser auf die Mühle der Judenfeinde treibt, das leidenschaftliche Bekennltras Dr. Nachum Göltimanns zu einem jüdischen Volk im Sinne einer Nation. Auf dieser falschen Voraussetzung baut Doktor Nachum Goldmann das ganze Programm des Weltkongresses auf. Wir wollen unseren Freunden nicht zumuten, diese Schrift zu lesen, wir wollen nur einige Sätze zitieren, um zu beweisen, wie weltenfern unsere Anschauungen von denen eines Dr. Nachum Goldmann sind und wie gerechtfertigt unsere Ablehnung des Kongresses gewesen ist, den wir nach Erscheinen dieses Programms auf das schärfste, als der % VERWALTUNGEN ^jj^SÄTZE- HYPOTHEKEN fcfr KÄUFE Dipl.-Kaufm. R.SZILAGYI VERKÄUFE ^> *V X., ROTENLÖWENG. 3 BEB. MT. SEISAl TEL. A 10-5-69 politischen Stellung unserer Glaubensgenossen in den verschiedenen Staaten schädlich, verurteilen. „Um die Juden zur Aktivität zu bringen, sie zusammenzufassen nicht nur zu einem Bekenntnis der gemeinsamen Vergangenheit, wozu solche Einigung überflüssig wäre, sondern zu gemein1samer politischer Aktion bedarf es des Bewußtseins eines gemeinsamen Gegenwartsschicksals und eines gemeinsamen Zukunftswillen s." „Lediglich das 16 Millionen-Volk der Juden hat es bis heute noch nicht zu Wege gebracht, sich eine autoritative und leigitime Repräsentanz zu geben." „Von Jahr zu Jahr wird es notwendiger und dringender, neben der auch international' anerkannten Jewish Agency for Palestine eiinei moralisch und politisch anerkannte jüdische Gesamtvertretung für alle Fragen des jüdischen Lebens in der Diaspora zu schaffen."'„Der Jüdische Weltkongreß soll das Parlament des jüdischen Volkes werden, in Struktur und Wirksamkeit verschieden von den anderen'Parlamenten normal lebender Völker, weil dies durch die spezifische Struktur des jüdischen Volkes bedingt ist, aber im Entscheidenden und Letzten die Verkörperung des Grundgedankens jedes Parlamentes, die selbstgewählte Vertretung des Volkes zusein." „Aus der Grundaufgabe des Jüdischen Weltkongresses, die allein legitime Repräsentanz der Judenheit der Welt zu sein, ergeben sich mit logischer Notwendigkeit alle seine anderen Aufgaben." (Also Totalität der Kompetenz!) Aber auf dem Papier lassen sich die größten Widersprüche lösem. So kann Herr Dr. Nachum Goldmann auch die nächsten Sätze dmcken, ohne daß sie miteinander sofort in einen unlösbaren Konflikt geraten. „Der Weltkongreß wird vor allem politisch das jüdische Volk gegenüber den anderen Völkern der Welt, gegenüber den Regierungen der verschiedenen Staaten und gegenüber dem Völkerbund und der internationalen öffentlichen Meinung vertreten. Dies bedeutet nicht, daß er die politische Haltung der Judenheiten der einzelnen Länder politisch wird bestimmen und festlegen können. Es bedarf keiner besonderen Beweisführung, um zu verstehen, daß m einem, weitgehenden Maße die jüdischen Gemeinschaften der einzelnen Länder in ihrer Landespolitik autonom sein müssen." Wenn Herr Dr. Nachum Goldmann einsieht, daß die Lam'despolitik autonom sefin. muß, wie darf sich dann der Jüdische Weltkongreß um sie kümmern und den Teil der Juden, um deren autonome Landespolitik es sich handelt, vor ihrer Regierung vertreteni? Wenn aber den Juden in der Welt „ohne besondere Beweisführung" das Recht zugestanden wird, sich selbst vor ihren Regierungen zu vertreten, wozu braucht man dann die Vertretung durch den Weltkongreß? Eine der schönsten Blüten treibt die Phantasie des ^Realpolitikers" Dr. Nachum Goldmann im Kapitel „Jüdische Politik und Völkerbund". Er sieht im Mai 1936 — nach der Niederlage der abessinischen Politik des Völkerbundes — den OestcrrelcMschcs Qualitäls FaDrihal Ueberau erhältlich Völkerbund noch immer in derselben Glorie, die ihn im Jahre 1919 umgab. „Keine Regierung", so ruft er aus, ,,auch nicht die stärkste, könnte es sich heute erlauben, offen und zynisch die Bedeutung des Völkerbundes und der internationalen öffentlichen Meinung einfach zu negieren oder zu übersehen." Und Deutschland, Japan und Italien? „Und wenn es auch als Utopie erscheinen mag," so schließt Dr. Goldmann dieses Kapitel, ,,sich das jüdische Volk als Mitglied des Völkerbundes zu denken, so leben wir in einer Zeit, in der schon größere Utopien von gestern Wirklichkeiten von heute geworden sind." Siehe zum Beispiel den nationalen Judenstaat in Palästina. Und so geht es fort in der Welt der Phantasie und der Unwirklichkeit, und der heiße Demokrat, als der sich Dr. Nahum Goldmann bekennt, gibt jeder Minorität, weil es ihm so paßt, das Recht, im Namen des jüdischen Volkes Beschlüsse zu fassen! und das Schicksal der Glaubensgenossen entscheidend zu bestimmen. „Die Zionistische Organisation umfaßt auch heute noch keine 10 Prozent des jüdischen Volkes und trotzdem wird sie von der gesamten jüdischen und nichtjüdischen Welt, von geringen Ausnahmen abgesehen, als die legitime Vertretung des Volkes betrachtet hinsichtlich seiner Rechte und Forderungen in Palästina." Wenn es gelingen wird, wirklich große Massen des jüdischen Volkes zur Beteiligung an den WahTem zum Weltkongreß zu bringen, dann wird er in jeder Hinsicht zur Vertretung des Volkes berechtigt sein, „auch wenn die Zahl der Wähler numerisch nur eine Minorität aller erwachsenen Juden und Jüdinnen darstellen wird." „Noch immer wurden die entscheidenden historischen Aktionen und revolutionären Wandlungen durch Minoritäten durchgeführt." So schaut der Demokrat in Wirklichkeit aus. Wer denkt nicht am den polnischen Reichstag und an Schillers Demetrius „Was ist die Mehrheit, die Mehrheit ist der Unsinn." Wir aber fühlen uns eins mit der großen Majorität unserer Glaubensgenossen, die solche Verstiegenhetten, wie die des Jüdischen Weltkongresses und seiner Apologie durch Dr. Nachum Goldmann nur deshalb nicht mit einem mitleidigen Lächeln ablehnen können, weil sie sich m aller Oeffentlichkeit breit machen und einen ihnen nicht zukommenden Raum einnehmen, so daß sie von den gar nicht oder schlecht mforntilerten Juden und Christen als eine Aeußerung der Gesamtjudenschaft angesehen werden, während sie doch fn Wahrheit nichts sind als die unverantwortlichen Versuche jüdischnationaler Ehrgetelinge, sich mit Hilfe unerfahrener, verführter und unbedachter Glaubensgenossen auf ein Piedestal zu stellen.

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