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Die Wahrheit · 1936-06-12 · Heft 25 (12.6.1936) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1936
Issue
Heft 25 (12.6.1936)
Date
1936-06-12
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Preis dieser Nummer 40 Groschen In Deutschland «erboten! üdische IDocUsdirift Die Wahrheit mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer JudenV -gsr Erscheint jeden Freitag Uli iirainmini^^ Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien: A 100.918 52. Jahrgang Wien, 12. Juni 1936 Nummer 25 Jedes Kompromiß ist Selbstmord!" §w Vor uns liest das neueste Flugblatt der Vaterländischen Front, die „Wiener Stadtstimmen" vom 6. Juni, und wir fanden darin u. a. 'einen beachtenswerten Artikel /.Beruhigung ist strafbar". Der ungenannte Verfasser sieht es a's strafbares Beginnen an, „den Beschwichtigungshofräten allzu freie Hand zu lassen, ihr sicherlich recht gut gemeintes Metier auszuüben. Das Volk, die Allgemeinheit, soll und muß die Gefahren kennen, die auf den Augenblick lauern! uns überfallen zu können, wenn wir nur erst in Sicherheit gewiegt sind und rahig schlafen... Zwei nicht verschwundene Gefahren gibt es für Oesterreich: den Nationalsozialismus und den Bolschewismus. Beide sind gleich heimtückisch, beide gleich aktiv, bösartige Krankheiten, denen man zu Leibe rücken muß. Jede falsche, auf unrichtigen Voraussetzungen basierende Beruhigungskampagne müßte der Abwehrfront allerschwersten Abbruch tun. Wir benötigen ke;'tie Opiate, keine Beschwichtigungsmittelchen." Diese Warnung mag berechtigt sein, aber sie ist unvollständig/ denn sie übersieht eine viel größere Gefahr: Verhängnisvoller als die Beschwichtfger, die die Krankheit nicht sehen, sind die Kurpfuscher, die das Ueb&l mit falschem Medikamenten bekämpfen wollen. Ueber eine gar nicht beachtete Krankheit kann einen Patienten seine gute Natur hinweghelfen. Aber wehe, wenn diese ^ute Natur leichtfertigen Vergifte™ ausgeliefert wird, die zwar den Kranken über seinen krisenhaften Zustand auiklären, ihn jedoch über die Ursachen dieses Zustands irreführen und die jedem Organismus innewohnenden Abwehrkräite von den wirklichen Bedrohern auf einen bloß eingebildeten, gewaltsam vorgeschobenen ablenken! Es ist klarr daß durch eine solche Versündigung gegen den kranken Körper der natürliche Heilungsprozeß nicht bloß aufgehalten, sondern oft. genug in sein Gegenteil verwandelt wird und statt der Rettung nur unheilbares Siechtum beschert. Was soll man beispielsweise dazu sagen, wenn auf einer Führertagung der Ostmärkischen Sturmscharen in Waidhofen a. d. Ybbs eine Resolution zum Beschlüsse erhoben wurde, die unter anderen Forderungen auch die enthält, „daß bei dem ethischen und kulturellen Neubau Oesterreichs der Einfluß des zugewanderten Ostjudentums zurückgedrängt werde". Wer die Verhältnisse in Oesterreich nicht kennt, muß durch diese Enunziation zu der Meinung kommen, daß Waidhofen a. d. Ybbs dem ethischen und kulturellen Einfluß des Ostjudenrums in besonderem Maße ausgesetzt ist. Aber die reichsdeutschen Naziführer, die zum Teil in Oesterreich, ihrem präsumptiven Gau 8 des Dritten Reiches/ sehr genau Bescheid wissen, werden sich bei dieser Kunde den Buckel voll gelacht haben. Denn sie wissen nur zu gut, daß die Erhebung, antisemitischer Forderungen nicht gerade der richtige Weg /-.ur Bekämpfung des —-Nationalsozialismus ist, während sich die von den Antisemitein künstlich geschürte Angst "vor einer Judenherrschaft immer wieder als demagogisches Gaukelspiel entlarvt. Hat doch gerade) in diesen Tagen sogar der Führer der Schweizer Nationalsozialisten, der selbst nach dem für seine Partei blamablen Ausgang des Berner Prozesses unentwegt für die Echtheit der „Protokolle der Weisen von Zion" eingetreten war, endlich der Oeffemitüchk-eit das Geständnis machen müssen, daß die protokollierte Judensehnsucht nach Weitherrschaft auf Fälschung beruht. Wenn trotzdem jetzt die Führer der Ostmärkischen Sturmscharen just in Waidhofen zum Sturm gegen die ostjüdische Gefahr bliesen, so befanden sie sich offenbar auf der Suche nach einer Kompromißformel: Einerseits fürchtet man den Nationalsozialismus als den eigentlichen Feind Oesterreichs und seiner Kultur, anderseits beneidet man die Nazi um ihre antisemitischen Schlager. Also schwächt man diese Schlager ab, indem man ihnen ihren Totalitätscharakter, der auch das Christeiiiitum als Ausgeburt des jüdischen "Geistes ablehnt, nimmt und sie bloß gegen einen Teil der Judenschaft, die Ostjuden,, mobilisiert. Diesen Kompromiß-Antisemiten erteilt das katholische Wochenblatt „Der chrisdiche Ständestaat" unter dem Titel „Jedes Kompromiß ist Selbstmord!" die beherzigenswerte Lehre: ..Nicht nur mit dem offenen, ehrlichen! Nationalsozialismus gibt es kein Auskommen, auch mit irgend einer Zwischenkonstruktion nicht. Denn es kann kein Verbindungsglied zwischen Gegensätzen geben, die eben unvereinbar sind." Zum Glück hat sich die österreichische Kirche dieses Prinzip zu eigen gemacht, wfe das vom Fürsterzbischöflichen Ordinariat erlassene Predigtverbot für den Pfarrer der Rochuskirche im dritten Wiener Gemeindebezirk, Leopold Schmidt, beweist. Dieser hat die Maiandachten zu wüsten Judenhetzen: mißbraucht, wobei er auch den Pater Bichlmaier zitierte, jedoch bloß dessen Geschimpfe auf die schlechte biologische Erbmasse der Juden, nicht aber dessen neueste, jüngst auf dem Internationalen Missionskongreß verkündete Erkenntnis: „Das Wesensgesetz des Ganzen der menschlichen Gemeinschaft kann nur sero: Die Rasiere DIA gut and billig Oeslerreichisclics Qaaiitats-roftrikaf Ueberau erhältlich Liebe und der Wille zum bewußten Geltenlassen fremden Wesens und fremder Eigenart." Wie man aus dieser grotesken Divergenz seiner Anschauungen schließen muß, befindet sich auch Pater Bichlmaier wieder einmal auf der Suche nach einer Kompromißformel. All diesen Suchenden und Irrenden hat jetzt der französische Staatsmann Herriot als Präsident der Kammer den rechten Weg gewiesen. Als der reaktionäre Abgeordnete Vallat in einer Polemik gegen den Ministerpräsidenten Leon Blum sein Bedautrn darüber aussprach, daß zum ersten Mal ein J u d e d^n Vorsitz einer französischen Regierung übernommen habe, erklärte Herriot unten dem stürmischen Beifall der Kammer: „Wir machen hierzulande keinen Unterschied zwischen Juden, Katholiken und Protestanten, wir kennen nur Franzose n." Im Wesen hat Herriot mit diesen Worten dasselbe gesagt wie jüngst der österreichische Bundeskanzler Dr. Schuschnigg mit seiner Erklärung, daß jeder, der ehrlichen Willens ist, am Neuaufbaue Oesterreichs mitarbeiten solle. Wenn man hierzulande nur noch Oesterreicher kennen wird, wird der alte Spruch wieder Glauben finden: Oesterreich wird ewig stehn. Jidkte l£mxutkew®€8ke in Palästina, Zu Beginn der achten Unruhewoche ist in P alästina noch keine Aenderung zum Guten zu verzeichnen. Die arabischen A nschläge gegen die öffentlichen Einrichtungen und die Brandstift ungsversuche haben keine Unterbrechung erfahren. Eine Vermittlungsaktion des Emirs Abdullah von Transjordanien ist durch den Obersten Arabischen Nationalen Ausschuß abgelehnt worden; hervorragende arabische Führer sind verhaftet und in ein Konzentrationslager in der Wüste gebracht worden. Zu einer verhängnisvollen Schießerei kam es in der Nacht zu Freitag in der „Schechunat Schapiro" an der Grenze zwischen Tel Aviv und Jaffa. Bei der Abwehr eines heimtückischen Feuerüberfalls aus einer arabischen Pflanzung gab die Polizei Schüsse in der Finsternis ab. Von den Kugeln wurden zwei Wächter jüdischer Pflanzungen, der 72jährige Schmuel Hirschberg und der 26jährige Jisrael Ben-Jehuda getroffen. Ben-Jehuda, der Bauchschüsse erhielt, wurde in das Tel-Aviver Hadassa-Hospital gebracht, wo er am Freitag abends an den Folgen der Verletzungen verstarb. Er hinterließ eine Frau und ein Kind. Der Zustand des greisen Hirschberg, der Verletzungen am Fuß erhielt, ist nicht bedenklich. Der tragisch umgekommene Jisrael Ben-Jehuda kam vor drei Jahren aus Estland nach Palästina, vor drei Wochen kamen auch seine Eltern ins Land, die er als Palästina-Einwohner angefordert hatte. Bis zum Eintritt des Todes war er bei Bewußtsein und tröstete seine Eltern, die an seinem Lager standen. Er war Mitglied der His.tadruth-Haowdim. Die Beisetzung Ben Jebudas fand Sonntag zeitlich früh statt. Eine ungeheure Menschenmenge, die an der Beerdigung teilnehmen wollte, wurde zerstreut, nur einige offizielle Persönlichkeiten durften anwesend sein. Em betrunkener englischer Soldat gab ohne jede Motivierung auf den jüdischen Wächter Mosch a Misrachi aus Rischon lezion, der ihn in entgegenkommender Weise zu den Baracken in Sarafend bei Jaffa geleitete, einen Schuß ab; durch das Geschoß wurde Misrachi am Bauch getroffen und schwer verletzt. Der betrunkene Schütze flüchtete mit einem ebenfalls betrunkenen

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