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Die Wahrheit · 1936-05-08 · Heft 20 (8.5.1936) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1936
Issue
Heft 20 (8.5.1936)
Date
1936-05-08
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Preis dieser Nummer 40 Grosdien In Deutschland verboten Jüdische tDodiensdiriff DU ttUrU mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden" Erscheint jeden Freitag Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 — 52. Jahrgang Wien, 8. Mai 1936 niuiMiniuiiniiuiuntuiiiiii Postsparkassenkonto Wien: A ICO.918 Nummer 20 Zum Muttertag veröffentlichen wir einen Auszug aus dem kürzlich im V o r t rai pp- Ve r 1 a g, Ber- 1 i n, erschienenen ausgezeichneten Buche ..Jüdische Mütter" von Egon Jacobsohn und Leo Hirsch. Unser aller Mutter Eva war keine Heilige, und unsere Stamm-Mütter waren überaus irdische Menschen. Die erste eindrucksvolle Aeußerung Saras: sie lachte! Das Erlebnis, das ihr ganzes Sein umstürzen und erfüllen und unser aller Existenz begründen sollte, wurde ihr vorausgesagt, und sie lachte. Am Anfang aller jüdischen Mütterlichkeit steht das Lachen. Ja, es fing gut an mit uns, und wird, so Gott will, gut enden. Das Lachen der nicht mehr jungen und seltsam geprüften Frau, die ein Kind erwarten sollte, war wohl sehr jüdisch, ein bißchen verlegen vor Ueberraschung, ein wenig spöttisch vor Ungläubigkeit, und wahrscheinlich auch ein wenig selig, von so heiteriroher Seligkeit, daß jede jüdische Mutter etwas spöttisch-ungläubig dazu gelacht hätte, wie um das Glück, die Aussicht auf das Beste nicht durch freches Einverständnis zu verscheuchen. Ein behutsames, scheinbar unehrbietiges, wahrhaft erdenfrommes Lachen. Zunächst war ja Sara eine Frau von der Art, wie sie in unzähligen Exemplaren durch unsere Geschichte gehen. -Sie war die erste große Unfruchtbare. In der Bibel und in späteren Zeitläuften, in Geschichten und Legenden, am Wege der Geschichte und noch heute in den Vorzimmern jedes chassidischen Rabbis warten die unfruchtbaren I" Frauen. Es sind tragische Figuren, geboren um _ Mütter zu sein, und es ist ihnen nicht gegeben zu ebären; Mütter, die es nur praktisch nicht sind, Mütter ohne Kind, wandelnde Widersprüche in sich selbst. Sie hegen oder hassen oder küssen aus Not fremde Kinder, und wenn das fremde Kind krank wird und schreit, legen sie es an die eigene Brust, die ohne Milch ist . . . Und wenn unversehens mitten in ihrer großen Not ein Engel käme und ihnen Erlösung verkündete, würden sie nicht glauben, würden sie nicht glauben wollen, würden sie dem Glück nicht gewachsen sein — und lachen. Rebekka am Brunnen tränkte den Mann, der für Isaak um sie werben kam, und seine Tiere. Sie wußte von der Werbung noch nichts, und vielleicht war sie erst nun der besten Werbung wahrhaft würdig, vielleicht um der Tiere willen, zu denen sie wie eine Mutter war. Eleasars Tiere sind nicht die ersten, die in unseren Gesichtskreis traten, doch die ersten, für die so gesorgt wird. Die Mutterschaft der Tiere und das Animalische der Mutterschaft kommt uns späterhin klarer und krasser vor Augen, doch die Reinheit des Gefühls ist hier ein für allemal schlicht und wundersam angeschlagen. Wenn Rebekkas Sohn und Enkelgenerationen dann zu Joseph nach Aegypten ziehen 4- VERWALTUNGEN . y SÄTZE - HYPOTHEKEN ^fr- KÄUFE - VERKÄUFE ^» V Dlpl.-Kaulm. & werden, um schließlich in der Fron der Pharaonen fast zu vergehen, wird der Talmud das ergreifendste Tiermutterbild darauf anwenden: Eine Kuh weiß es, wenn sie zur Schlachtbank geführt werden soll, und sperrt sich und ist nicht von der Stelle zu bringen; dann führt man ihr Kälbchen vor ihr her, und sie folgt sogleich, — so wurde Israel nach Aegypten gezogen. Rebekka überlistete den blinden Isaak, so daß er seinen Jüngsten statt des Erstgeborenen segnete. Man hat das für J3etrug erklärt, und angeblich liebt eine rechte Mutter all ihre Kinder gleichermaßen. Sicherlich war auch Rebekka keine himmlische Heilige, und was die Liebe zu ihren Söhnen betrifft, so war ihr Herz-gewiß so rätselhaft wie jedes. Aber das gleiche Recht auf Mütterlichkeit haben nur die gleichen Kinder, und es müßte keine Mutter sein, die nicht mit doppelter, __.... >Kaufm. R. SZILAGYI IX., ROTENLÖWENG. 3 Cafe-Restaurant Feizer M 9» an der Schwedenbrucke Der gute Kailee Die vorzngildie HtHfie Die mäßigen Preise SEH. MT. SEISAL EL. A 10-5-e9 bis zur List gesteigerter Mütterlichkeit wieder aufwiegt und gutmacht, was die Natur versäumte. Dem schwächsten Kind kommt die stärkste Mütterlichkeit zu! Rachel, die lieblichste aller Frauen, starb, als sie zum andernmal Mutter wurde. In der Not des Gebärens rief sie das Kind, das zur Welt kam, als sie aus der Welt ging, B e n o n i, mein Schmerzenskind! Doch Jakob nannte es Benjamin, Glückskind. Wenn Rachels klagendes Weh das letzte Wort der Mutterschaft wäre, müßten wir jeder Schmerzenskind heißen! Doch die Mütterlichkeit geht übers Grab hinaus, und die Stamm- Mütter Sara, Rebekka, Rachel und Lea sind unsere Fürbitterinnen. Wie der Zug nach Aegypten in Knechtschaft und Elend, so erscheint manchmal das ganze Leben Israels in das Urbild der Mutter- und -Kindschaft eingefangen, an dessen Anfängen die lachende Sara, die sorgende und vor Liebe listige Rebekka die sterbend klagende Rachel und die demütig stumme Lea wachen. Die jüdische Mutterschaft ist kein Selbstzweck, darum ist sie niemals zum Mysterium überhoben, zum Kult übersteigert worden. Mutter werden, Kinder zur Welt bringen, kann jedes Tier; die jüdische Mutterschaft ist verbindlich, nicht das Kind ist ihr Ziel, sondern das jüdische Kind, die Jüdischkeit der Kinder. Der Sinn der jüdischen Mutterschaft geht zugrunde, wenn die Jüdischkeit des Kindes in Frage gestellt ist. Zur Makkabäer-Zeit läßt Antiochus Epiphanes sieben Brüder und ihre Mutter festnehmen und Rasiere Dich gut und billig OesterrcicMsclies Qualität Fabrikat Ueberau erhältlich foltern, um sie zur Uebertretung des jüdischen Gesetzes zu zwingen. Die Söhne ziehen den Tod dem Verrate vor. Als sechs Brüder vor den Augen der Mutter hingerichtet sind, läßt der König die Frau kommen und legt ihr nahe, den Jüngsten um den Erhaltung des Jungen und ihres Lebens willen zur Uebertretung zu überreden. Die Mutter sagt ja und — lacht. Die Haltung dieser Frau ist von Anfang an bestürzend und monumental. Neben der Mütterlichkeit, wie unser Spätlingsgeschlecht sie sich vorträumt, nimmt sie sich aus wie Erz neben Wachs. Diese Mutter sieht an einem Tage ihre Söhne einen nach dem andern in der Folter sterben und bis ans Ende hart, fest, treu bleiben, sieht das mit Geduld und mit Vertrauen auf Gott und mit solchem Mut, daß sie die Söhne noch zu trösten vermag. Selbst der Chronist solchen Heldentums kommt mit seinen Vorstellungen von Muttertum ihr nicht bei und sagt, sie faßte sich — „ein männlich Herz", doch die nächsten zweitausend Jahre sollten in Kreuzzügen und Pogromen, in Spanien und der Ukraine, in Marokko und Yemen mehr jüdische Mütter mit dermaßen „männlichen" Herzen sehen. Die Mutter der sieben Söhne hat nichts Männliches, sie hat sich ein Herz gefaßt, sie hat all ihre Jüdischkeit bis ins Gigantische gesteigert, ihre Söhne getröstet, und den fremden König verächtlicht, geschmäht, nicht wutrasend, nicht schmerzbrüllend, sondern klar, fest, in ihrer Sprache, und als Antiochus sie bittet, den Jüngsten zum Leben zu bereden, da lacht sie, nimmt den Knaben beiseite und beredt ihn — zu sterben, gern zu sterben, treu zu sterben. In ihrem Lachen ist Saras schmerzliche Ironie, Rebekkas sorghafte List, Leas stumme Demut, Rachels sterbende Verzweiflung, es ist die hochmütigste und hochgemuteste, tollkühnste und resignierteste Mütterlichkeit; sie verzichtet zum siebentenma! auf das Kind, dessen Jüdischkeit sonst verraten würde. Jüdisch oder tot. Worauf freu'n sich die Leute am Sonntag? Auf den „Morgen" mit dem „Blauen Montag"!

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