Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1936
- Issue
- Heft 15-16 (6.4.1936)
- Date
- 1936-04-06
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis dieser Nummer 60 Grosdien In Deutschland verboten! I tia uitaw iiuiii"»- — — —-------- |_ Jüdische Wochenschrift Die tÜahrheiT Erscheint jeden Freitag Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden** iiniiiiiiiiiiuinM Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien: A 100.918 52. Jahrgang Wien, 6. April 1936 Nummer 15/16 Das Wort „Jude". Eine Pessach-Plauderei. i. Das Stichwort „Jude". Das Stichwort ruft auf die Bühne. Nicht nur im Spiel. Auch im Leben — mit Maske. Der Alllag ist ein Kulissendasein. Im Hause gibt mau sich, wie man ist. Ruit Pflicht oder Neigung unter Menschen gewohnten Umgangs, so nützt keine Maske. Die anderen durchschauen sie zu leicht. Tritt man aber öffentlich auf, fällt unser Stichwort zu Wort oder Tat, vor Mikrophon oder Kamera, dann nur maskiert, je mach der Rolle, die man spielen will oder soll! Politik und Politesse fordern sie. Die Welt rechnet nur mit Masken, wie sie selbst sich nur maskiert zeigt. Auf das Stichwort des Lebens reagiert nicht jeder. Der eine will nicht seine Rolle spielen. Er will im Zwielicht der Kulisse bleiben. Ein anderer ist nicht sattelfest, nicht lampenfieberfrei. Ein dritter überhört es. Das Spiel geht, ist er nur im Chor oder Statist, weitein ohne ihn. Auch „Jude" ist ein „Stichwort". Es gibt kaum ein Volk, kaum einen Ort ohne Necknamen im Volksmund. Kein Volk fühlt sich aber geneckt, gehänselt oder gar beschimpft, wenn man es so ruft, wie es sich selbst nennt Es wäre denn in seinen eigenen Augen so verächtlich, daß es die Erinnerung an seine Art als Schimpf empfindet. Solche Juden gab es und gibt es. So wurde „Jude" zum Stichwort. Der Jude fühlte es wie einen ■ Stich 51ns Herz, wenn ein Nichtjude, wenn auch gar nicht in böser Absicht, sondern ganz harmlos das Wort „Jude" sprach. Was tut der Jude von heute? Der eine hält sich, wird er nicht persönlich und unausweichlich angegriffen, die Maske vor. Er reagiert nicht auf das Stichwort. Nicht immer aus Feigheit. Mehr aus Bequemlichkeit, aus Scheu vor Weiterungen oder überzeugt, daß ein Reagieren nichts helfen kann. Das Untertauchen im Taufwasser scheint vielen ein Ausweg. Bessere meiden Gesellschaften, in denen sie dieses Stichwort Tiören könnten. Ein anderer Jude fühlt den Stich tiefer. Auch ihm schlagen dabei die Flammen laus. Abeir nicht, daß er sich seines Judentums schämte und es als widrige, lästige Bürde empfände. Ihn empört die Niedrigkeit oder Unwissenheit im Gebrauch des Wortes „Jude". Er selbst möchte ein in sich gefestigter Jude und [imstande sein, dieses Stichwort „Jude" aufzugreifen und sich mit dem Partner sachlich auseinanderzusetzen. So manchem ist das Stichwort zum Stachel und Antrieb geworden. Es hat ihn an die Quellen des Judentums geführt. Die dritte Gruppe bilden Juden, die das Stichwort nichts angeht, nicht sticht. Nicht als <• VERWALTUNGEN ^fc^SÄTZE-HYPOTHEKEN <y» KÄUFE - VERKÄUFE V Dipl.-Kaufm. BEN. ABT. SEISAl TEL. A 10-5-69 wären sie so stolz auf ihr Judentum, daß jener Zuruf für sie jedes Stachels entbehrt. Sie fühlen sich dem Judentum so fern, daß sie über ihm und dem Judenhaß zu stehen vermeinen. Sie glauben, daß auch die anderen sie nicht als Juden betrachten, daß unter „Juden" nicht sie gemeint sein können. Pessach, Mazza, Maror sind drei Reaktionen des bewußten Juden auf das Stichwort „Jude". Altertum, Mittelalter und Gegenwart sprechen aus ihnen. „Wer die drei Worte an Pessach nicht spricht, entspricht nicht seiner religiösen Pflicht." Aussprechen muß man sie: Laut aussprechen, was die Geschichte in ihnen uns lehren will. Pessach. Es ging ein großes Sterben durch Aegypten. Leicht konnte das Volk seinen Groll an den Hebräern kühlen. Die aber bekannten ihren Stamm offen durch Zeichen an ihrer Tür. Und Cafe-Restaurant ,JFeizer" an der Schwedenbrncke Geschäftsführung: MAX RECHTSCHAFFEN K.SZILAGYI IX., ROTENLOWENG. 3 ■masmmaemsm als sie dann ihren Staat verloren und in alle Winde zerstreut wurden, hörten sie aus diesem Unheil das Stichwort, den Ruf, auf den Schauplatz eines neuen Berufes hinauszutreten. Ueberzeugt von ihrer Aufgabe, der Menschheit das Heil zu bringen, gingen sie ohnie! Maske und ohne Furcht werbend unter die Völker. Das Stichwort „Jude" entstand. Es war aus abergläubischer Scheu und Haß gemischt. Und gerade sie, die Gehaßten und Verfolgten verschonte das Geschick, das ihre Verfolger verschlang. Mazzia. Sie bleibt ein Zeichen, daß selbst dann, wenn der Himmel sich uns zu verschließen scheint, plötzlich sich uns alles zum Guten wenden kann. Wenn man nur nicht selbst sich aufgibt. Wer hätte den Sklaven Aegyptens vor Mose eine Zukunft, Freiheit auf eigener Scholle prophezeit? Sie streiften ab das Sklavenjoch Pharaos. Sie überwanden das Mittelalter, das nur die durch die Taufe maskierten Juden als Menschen ansah. Aber auch die Unmaskierten überlebten die grausigen Jahrhunderte. Maror. Das ist wie jene Speise, die man dem Patienten eingibt, um ihn leichter durchleuchten zu können. Wer das Maror des Judenschicksals gekostet hat, wird von seinem tieferen Sinn erleuchtet. Wie bitter die Erfahrung, daß die herkömmliche Geschichtsfolge Altertum, Mittelalter, Neuzeit — verkehrt war und das Judenleid zeitlos ist! Aber der Jude, der dieses Maror schlingen muß, dem keine Maske hilft, er wird jetzt zu sich selbst zurückfinden. Das Wort „Jude" hört auf ein Stichwort zu sein. Es wird nicht länger ein Schandwort sein für den, über den es gerufen Rasiere Didi got and billig Oesterreichtscties Oualitäts Fabrikat Ueberau erhältlich wird. Der Jude, der durch diese Schule des Schicksals geht, der wird das Letzte aus sich herausholen, um das Stichwort in ein Wort nicht abergläubischer Scheu und nicht des Hasses, sondern scheuer Bewunderung und aufrichtiger Achtung umzuschmelzen bei allen, von denen es verstanden und geachtet zu werden ihm werr erscheint. II. Das Schlagwort .Jude". Längst ist es bei uns heimisch. In einer Qualität und Quantität, daß es sogar Exportware ins benachbarte Ausland wurde, nicht zum Vorteile Oesterreichs. Nur eine Stelle in Oesterreich wollte aus dem tropischen Aufwuchern dieses Ablegers im Nachbarliche Kapital schlagen: unsere Judenmission. Da die Taufe im Dritten Reiche außer Kurs gesetzt ist, gedachte man Oesterreich zu einer Sammeisteile für „Abfälle" zu machen. Wer den Drang zur Taufe empfand, wurde zu uns geladen, um hier sein Bedürfnis zu befriedigen. Doch man wurde enttäuscht. Nun lüftete man plötzlich die lockende Liebesmaske. Man alarmierte statt dessen Gasmasken gegen den „judaistischen Geist". Der alte Steffel mußte sich Anschläge mit diesem Schlagwort gefallen lassen. Vergebens wandte man sich dagegen an die zuständigen Stellen. Erst die Beschwerde eines Privatmannes beim Regierungschef beseitigte diesen Zustand. Jeder Jude soll es wissen, daß dieser persönliche Eingriff unseres Bundeskanzlers über Nacht erfolgte. Nun ging man zur Offensive über. Doch die Gasmaske, bekanntlich ein jüdisches Teufelswerk, erwies sich als undicht. Bekanntlich ist die Taufe das heiligste Sakrament der Kirche. Wer die Taufe empfängt, wird mit dem heiligen Geist begnadet. Die Kirche erhält dadurch einen übernationalen Charakter. „Katholisch" heißt „universell" und „anational". Durch das Mysterium Lesen Sie nächsten Montag im Wiener Montagblatt den Roman von Schalom Asch Der elektrische Stuhl j