Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1936
- Issue
- Heft 13 (20.3.1936)
- Date
- 1936-03-20
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Prelis dieser Nummer 40 Grosdien In Deutschland verboten! Die HUrU mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden" Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkcnto Wien: A 100.918 Ersdieint jeden Freitag lUlf 52. Jahrgang Wien, 20. März 1936 Nummer 13 Gibt es eine Judenfrage? Rasiere Dich gut und billig Angesichts der Tatsache, daß wiir Juden die zweifelhafte Ehre genießen, von Hitler in den Mittelpunkt des ganzen Weltgeschehens gestellt wprjini zu sein, dürfte unsere im Titel gestellte Frage vielen reichlich naiv erscheinen. Einer von diesen vielen hat sich bereits zum Wort gemeldet: Staatsrat Kunschak hat am Sonntag eine Rede gehalten, in der er den Nachweis, daß es eine Judenfrage nicht gibt, als „eine ganz unmögliche Sache" bezeichnete, es eine „Leichtfertigkeit" nannte, sich um diese Frage herumdrücken zu wollen, und unter Hinweis auf seinen vor kurzem in unserem Blatte kritfsiterten, schon von dem großen Staatsmann Prälat Dr. Seipel zurückgestellten Gesetzentwurf die „Notwendigkeit" betonte, mit der Vogel-Stlrauß-Politik in der Judenfrage ein Ende zu machen. Als „Vogei-Strauß-PohTtik" gilt in diesem Zusammenhang das Verhalten derjenigen) Juden, die sich zwar frank und frei zur jüdischen R e I1 i g i o n bekennen, in allen übrigen Belangen aber die Interessengemeinschaft mit ihren nilchtjüdischen Landsleuten betonen. Obzwar sie hinlänglich und oft genug bewiesen habe», daß sie Gefahren, die das Judentum bedrohen, mutig die Stirne bieten, macht man ihmten den lächerlichen Vorwurf, daß sie nach dem Vorbild des Wüstenvogels lieber den Kopf in den. Sand stecken. Und zwar ist dieser Vorwurf nicht etwa von den Antisemiten erfunden worden, sondern von den Jüdischnationalen, obwohl diesen das Zufluchtsuchen im Wüstensand als Rettung des Judentums programmatisch viel näher liegt als den Assimila'täonsjuden. Die Jüdischnationalen bejahen genau so wie die Antisemifeln die Existenz der Judenfrage, und arbeiten an der Lösung des angeblichen Problems. Sie verachten dfen Vogel Strauß, denn ihr Vogel ist, wie sich gerade jetzt immer klarer herausstellt, der — P1 e i t e g e i e r. Das erhellt besonders das groteske Ende des jüdischnationalen Lösungsversuchs der Judenfrage in1 Oesterreich durch die berüchtigte „Verständigung \on Volk zu Volk", bei der die in der Verfassung gewährleisteten Rechte der Juden als Schacherobjekt jüdischnationaler Ambitionen mißbraucht wieirden sollten. Einer der von den Jüdischnatronalen in Aussicht genommenen christlichen Verhandlungspartner war der Jesuitenpater Bichelmai1 e r, der Leiter des Paulus-Missionswerkes unter den Juden. Dieser hat sieh nun, wohl aus- Enttäuschung über die geringen Erfolge der JudlenmissiCTii. politisch ziemlich eindeutig fest- *m VERWALTUNGEN «J^ SÄTZE - HYPOTHEKEN ^g*. 4$» KÄUFE - VERKÄUFE Dlpl.-Kaufm> r , & R. SZIL AGYI BEB. ABT. SEISAL IX., RÖTENLÖWENG. 3 , TEL. A 10-5-69 gelegt: Von einer Verständigung mit den Juden „von Volk zu Volk" wfl er nichts mehr wissen. Ja er streitet sogar den Juden die Fähigkeit ab, in dter Judenfrage überhaupt mitreden zu können. Auch den Nazi traut er diese Fähigkeit nicht zu, sondern ausschließlich der Kirche. Und deren Standpunkt antizipiert er in einem Vortrag, dien er am Mittwoch im Rahmen einer von der Katholischen Aktfcmi veranstalteten Vortragsreihe über das Thema „Der Christ und der Jude" gehalten hat und in dem er nach der Vorankündigung der „Reichspost" „die Notwendigkeit der Zurückdrängung des jüdischen Einflusses im öffentlichen Leben" aufzuzeigen versprach. (Der Vortrag selbst, mit dem wir uns noch ausführlich befassen werden, basierte auf der Rassentheorie, die Pater Bichelmaier zwar wissenschaftlich und ethisch u n haltbar nannte, und auf dem Schlagworte vom „jüdischen" Materialismus.) Pater Bichelmaier ist Jesuit und kann schon als Mitglied seines Ordens ein Lied vom jüdischen Einfluß singen. WaT doch einer d!er Mitbegründer des Ordens und seiner strengen Regeln der jüdische Konvertit Jakob L a i n e z, bei Lebzeiten des Ignaz von Loyola dessen bevorzugter Ratgeber und mach dem Tode des Ordensstifters dessen Nachfolger als Ordens-General1. Da kann man es dem Pater Bichelmaier wahrlich nicht verargen, wenn er für die Zurückdrängung des jüdischen Einflusses im allgemeinen und der jüdischen Konvertiten im besonderen, deren Anerkennung als „Volksgenossen" er nach dem Vorbild des Fuchses mit den sauren Trauben beschränkt wissen will, eintritt. Staatsrat Kunschak war zum Unterschied von Pater Bichelmaier, wie er sich Sonntags rühmte, sein ganzes Lehen lang konsequenter Antisemit. Aber nicht als solcher, sondern, wie unsere Leser schon wissen, als Jünger Strikk e r s und unter dem Einfluß des jüdischen Nationalismus hat er seinen von Dr. Seipel wohlweislich zurückgestellten Gesetzentwurf zur Entrechtung der Juden verfaßt, den er, der politisch ziemlich Kaltgestellte, von dessen Rede nicht einmal die „Reichspost" Kenntnis nimmt, jetzt der Oefrentlichkeit neuerlich aufdrängen möchte. Nach dem Vorbild der Jüdischnationalen verachtet auch er den Vogel Strauß und spielt daher lieber den U nglücksraben, indtem er verkündet: „Entweder löst man die Judenfrage rechtzeitig, Eingebungen der Vernunft und Menschlichkeit folgend, oder sie wird gelöst werden, wie das unvernünftige Tier seinen Feind angeht, im Toben wildgewordenen Instinktes." Man erweist Oesterreich, dessen Selbständigkeit immer wieder mit dem Hinweis auf seine originelle und hochstehende Kultur verfochten wird, einen schlechten Dienst, wenn man es als einen Tummelplatz wilder Tobsucht, die nur durch Zugeständmisse an brutale Masseninstinkte zu bändigen ist, hinstellt. Oesterrelchlscbtt Qualltäfrf abritt* Ueberau erhältlich Weiters verlangt der Herr Staatsrat, daß die Führer der Arbeiterschaft in Abstammung und Denkart dem bodenständigen christlichen Volk angehören und daß der „zersetzende Einfluß des Judentums aus dem Geistes- und Wirtschaftsleben des deutschen Volkes verdrängt" werde. Dieser Wunsch ist doch schon längst erfüllt! Es gibt jetzt nur ernannte Wirtschaftsführer und seitdem stehe« an d'er Spitze aller Wirtschaftsorganisationen, nicht nur jener, in denen die christlichen Mitgläeder dominieren, sondern auch solcher mit vorwiegend jüdischen Mitgliedern, durchwegs christliche Führer, die sich zum Teil ihre politischen Sporen in der antisemitischen Bewegung verdient haben. Worin äußert sich also der vielzitierte „zersetzende" Einfluß des Judentums? Hitler konstatiert ihn auch in den humanen Tendenzen des Christentums, die dem kriegerischen furor teutoricus hemmende Schranken setzen. Soweit will wahrscheinlich wedter Pater Bichelmaier noch Staatsrat Kunschak gehen. Diese beiden christlichen Eiferer wollen wohl nur das Rezept des Pater Abel befolgen, der dem Antisemitismus in der Luegerzeit nachgerühmt hat, daß er d i e Kirchen fülle. Damals konnte man allerdings nicht voraussehen, daß Hitler mittels eben dieses Antisemitismus die Kirchen teeren werde. Aber heute ist das doch schon zu erkennen!, und ein österreichischer Theologe hat jüngst, wie schon bekannt, den Antisemitismus als den wirksamsten Bundesgenossen im Kampfe gegen das Christentum bezeichnet. Es zeigt sich also, daß nicht das Judentum, sondern sein Antipode: der A n t i s e m i t i smus die Fundamente des christlichen Ständestaates zersetzt. Lesen Sie nächsten Montag im Wiener Montagblatt den Roman von Schalem Asch Der elektrische Stuhl